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Gerhard Nöll schaut nach, wie die Maische von einer Pumpe in die Presse befördert wird. Der Saft der Äpfel, ?Süßer? genannt, erreicht bis zu 60 Grad Oechsle. Bald gärt er ? und wird zum ?Rauscher?.

Gutes Apfeljahr

Der erste Süße läuft aus der Presse

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Tonnenweise Äpfel werden derzeit von den Keltereien verarbeitet. Die Obstbauern haben zum Teil schon im August geerntet. Und: Wegen des heißen Sommers schießen die Öchsle-Werte durch die Decke.

„Wir haben jetzt gerade 60 Grad Oechsle, das haben wir noch nie gehabt. Das ist schon eine Hausnummer“, sagt Gerhard Nöll. Normalerweise zeige das Refraktometer Werte zwischen 49 und 53 Grad Oechsle. Grad Oechsle (°Oe; nach Ferdinand Oechsle) ist eine Maßeinheit für das Mostgewicht, also des unvergorenen Trauben- oder auch Apfelsafts. Das Mostgewicht ist ein Maß für den Anteil der gelösten Stoffe, vorrangig des Zuckers, und so ein Qualitätskriterium von Wein. „Das heißt, dieser Saft wird einen hohen Alkoholgehalt haben“, erklärt Gerhard Nöll. Allerdings wird er später mit anderem Saft verschnitten auf den für Apfelwein üblichen Alkoholgehalt von 5,5 bis 6 Prozent.

Seit anderthalb Wochen wird bei Nölls in Alt Griesheim gekeltert. Gestern um 7 Uhr früh kam eine große Fuhre Äpfel, gegen Mittag die nächste. Zwischendrin verkaufen Privatleute ihre Ernte, entweder gegen Geld oder gegen Produkte aus der Kelterei. „Wir sind zwei Wochen früher dran als letztes Jahr, und da waren wir schon früher als sonst“, sagt Alexander Nöll, der junge Chef der Kelterei. Mit seinem Vater steht er an der Bandpresse, die sie voriges Jahr gebraucht gekauft haben. „Sie erleichtert die Arbeit sehr“, sagt Gerhard Nöll, „die alte Packpresse von 1956 brauchte drei Mann, und an der neuen stehen wir mit einem Mann und einem Rentner.“ Nöll ist dieses Jahr 70 geworden, am 3. Juni – das ist der Welt-Apfelweintag.

Schulklassen und Kindergärten kommen vorbei und lassen sich zeigen, wie der frische Süße gepresst wird. „Lecker!“, rufen gerade einige Kinder, als ihnen Maria Nöll frischen Saft zum Kosten gibt, den sie mit einem Kännchen direkt aus der Kelter geholt hat. Zuvor hatten die Mädchen und Buben zum Teil noch mit verkniffenen Gesichtern und verschränkten Armen vor der großen Maschine gestanden, die von vielen Wespen umschwirrt wird.

Ein Elevator befördert die Äpfel mit einer Schnecke nach oben und führt sie durch ein Reibesieb; die Maische wird mit einer Exzenter-Schneckenpumpe auf die Maschine befördert und zwischen Gummimatten, die wie Bänder über Wellen laufen, ausgepresst, bis nur noch trockener Trester übrig ist. „Den haben wir früher an Förster zur Wildfütterung verkauft. Dann wurde das verboten, und wir mussten den Trester entsorgen. Jetzt liefern wir ihn an eine Biogasanlage“, sagt Alexander Nöll. Er hat seinen Job studiert und den Familienbetrieb, der aus einer Küferei entstanden ist, nach und nach modernisiert. Trotzdem oder gerade deswegen steht auch das traditionelle Handwerk bei ihm hoch im Kurs.

Die Griesheimer Kelterei lässt sich zum Teil seit einem halben Jahrhundert von denselben Obstbauern beliefern. Die Äpfel kommen aus dem Spessart, der Wetterau, dem Odenwald oder dem Vordertaunus. Braeburn, Jonagold oder Coxorange für die sortenreinen Apfelweine stammen meist aus Kriftel. Für seine sortenreinen Apfelweine hat die Kelterei Nöll bei den DLG-Prämierungen den „Preis der Besten“ in Gold errungen.

Wie viele Tonnen jetzt schon in den ersten anderthalb Wochen durch den Hof gerollt sind, weiß Alexander Nöll nicht. Aus einer Tonne Äpfel gewinnen er und sein Vater etwa 650 Liter Saft. Wie der Apfelwein wird, zeigt sich erst, wenn er vergoren und abgelagert ist. Aber: Es steht alles zum Besten.

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