Milch-Verkäuferin Anna Wagner (1880 bis 1935), geborene Ziemer; aufgenommen circa 1905.
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Milch-Verkäuferin Anna Wagner (1880 bis 1935), geborene Ziemer; aufgenommen circa 1905.

Stadtmuseum

2400 Liter Milch pro Tag unter die Leute gebracht

  • Andreas Schick
    VonAndreas Schick
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Blick zurück: Reich bebilderte Jubiläumsausstellung skizziert auch weniger bekannte Kapitel aus der Eschborner Geschichte.

Eschborn -Die Dame mit der schmalen Taille trägt eine auffallend große Schürze und unter dem linken Arm eine leicht zerbeulte Milchkanne. In ihrer rechten Hand hält sie eine kleine Kanne, und um ihre Hüfte ist eine Art Umhängetasche befestigt. Wer ist die Frau? Eine Milch-Verkäuferin. Abgebildet ist sie auf einem Schwarz-Weiß-Foto, das Eschborns Stadtarchivar Gerhard Raiss auf etwa 1905 datiert. Es soll sich um Anna Wagner handeln, die 1880 geboren wurde und 1935 starb. Sind die Angaben gesichert? 100-prozentige Gewissheit habe er nicht, sagt der Archivar. Er habe sich sagen lassen, dass es Anna Wagner sei. Hinweise, die zur Identifizierung der Person beitragen oder Raiss' bisherige Erkenntnis bestätigen können, sind dem Historiker willkommen.

1984 starb dieser Wirtschaftszweig aus

Die Aufnahme mit der Milch-Verkäuferin ist Teil der Jubiläumsausstellung "1250 Jahre Stadtgeschichte Eschborn", die für 2020 im Stadtmuseum am Eschenplatz angesetzt war, wegen der Corona-Einschränkungen ausfiel und nun nachgeholt wird. Ein bemerkenswertes Kapitel, das Gerhard Raiss schildert, ist die Milch-Wirtschaft, die einst in Eschborn blühte. Sie zählte seinerzeit zu den wichtigen Einkommensquellen der Menschen.

"Eschborn hatte damals circa 1200 Einwohner, die in 192 Häusern wohnten", listet der Begleittext zur reich bebilderten Ausstellung auf. "Der überwiegend aus Milchkühen bestehende Rindviehbestand betrug 370 Stück. Wenn man davon ausgeht, dass eine damalige Milchkuh täglich circa sechs bis sieben Liter Milch gab, so ergibt das eine Menge von rund 2400 Litern, die überwiegend zum Verkauf zur Verfügung standen." Die Bauern beluden Pferdefuhrwerke mit ihren Kannen und klapperten in Eschborn und Umgebung ihre Kundschaft ab - Haushalte in Rödelheim, Höchst, Kronberg und Frankfurt waren dankbare Abnehmer. Raiss: "Wir wissen aus dem Jahr 1904, dass es damals bereits 22 Milchhändler im Dorf gab." Bezahlt wurde sofort und bar. Deswegen trugen Milch-Verkäuferinnen wie Anna Wagner lederne Beutel fürs Geld mit sich. Raiss: "1925 wurde eine örtliche Milch-Absatz-Genossenschaft gegründet, die die Direktvermarktung gegenüber der wachsenden Konkurrenz der Molkereien steuerte."

Dieser Zweig der Landwirtschaft hatte nach dem Zweiten Weltkrieg noch knapp 40 Jahre in Eschborn Bestand, dann erwiesen sich die Betriebe als zu klein und nicht mehr rentabel gegenüber den Großproduzenten. 1984 war Schluss, erklärt Gerhard Raiss, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Eschborn arbeitete.

Die von ihm bestückte Ausstellung umfasst 21 Ausrollbanner mit Fotos, Dokumenten und Texten. Sie setzen im Jahr von Eschborns urkundlicher Ersterwähnung an (770), greifen Meilensteine der Ortsgeschichte heraus und skizzieren auch weniger beachtete Kapitel der Eschborn-Historie. Es sei aufgrund der Quellenlage klar, dass "wir aus den letzten 100 bis 150 Jahren mehr zeigen können als aus den Epochen zuvor", erläutert der Historiker. Er setzt thematische und örtliche Schwerpunkte, indem er zum Beispiel Material zum Eschenplatz oder zur evangelischen Kirche ebenso präsentiert wie zu den Alamannischen Gräbern, die von überregionaler Bedeutung sind. Blickfänge sind die Bilder zur französischen Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg. Eine Aufnahme zeigt Eschborner Jugendliche mit Besatzungssoldaten beim Wintervergnügen (Rodeln, Schlittschuhlaufen auf dem Westerbach). Es ist von etwa 1922. Auf demselben Banner ist ein Dokument der Besatzungsbehörde abgebildet: Die Franzosen erlauben mit Datum vom 29. August 1921, dass die Kerb stattfinden darf.

Wer hat Bilder zur Stadtrechte-Vergabe?

Die Ausstellung widmet weitere Kapitel unter anderem dem ZDF, das seine Ursprünge in Eschborn hat, dem Bahnhof, der Alten Mühle, die immer weiter verkommt, sowie der Geschichte der Ziegeleien und einem bedeutsamen Ereignis von 1970: Damals wurden Eschborn die Stadtrechte verliehen. Eines ärgere ihn dabei, gesteht Gerhard Raiss. Dazu habe die Stadt Eschborn "keine fünf Bilder" im Archiv. Wer mit Bildern oder Zeitungsausschnitten dazu beitragen kann, die Bestände zur Stadtrechte-Vergabe zu vervollständigen, kann beim Archivar anrufen: (0 61 96) 4 90-2 32. Was ist mit Niederhöchstadt? Warum kommt "Heckstert" nicht vor? Wie steht es um den Zusammenschluss Eschborns mit Niederhöchstadt vor 50 Jahren? Er komme bewusst nicht vor, da dies "noch in diesem Jahr separat in einer besonderen Ausstellung thematisiert wird", kündigt Gerhard Raiss an. Der Kreisblatt-Reporter durfte die fix und fertigen Banner zu dieser neuen Ausstellung schon einmal begutachten. Nur soviel sei verraten: Sieht vielversprechend aus!

Im Übrigen datiert Niederhöchstadts urkundliche Ersterwähnung von 782. Die Ausstellung im Stadtmuseum verschreibt sich aber explizit dem Jubiläum "1250 Jahre Eschborn". Ihr liegen ausgiebige Recherchen zugrunde. Woher stammen beispielsweise die Informationen zur Milch-Wirtschaft? Raiss bediente sich aus dem Eschborner Archiv, wertete Statistiken aus, etwa zu Viehzählungen, und führte Interviews. So fügte sich im Laufe der Jahre ein aussagekräftiges Bild zusammen. Raiss: "Die Quellen waren vielfältig und ergiebig."

Die Frauen halten kleine und große Milchkannen in ihren Händen. Der Pferdewagen ist ebenfalls beladen. Das Bild entstand etwa 1925 vor dem "Nassauer Hof". Dort, wo sich das Lokal befand, ist kürzlich ein Neubau fertiggestellt worden (Hauptstraße, gegenüber Sparkasse).

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