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Beate Baum-Dill, Leiterin des Mehrgenerationenhauses in Eschborn, in dem Alphabetisierung ein wichtiges Thema ist.

Problem soll nicht bemerkt werden

Analphabetismus: Eines der letzten Tabuthemen

Das Mehrgenerationenhaus Eschborn greift das Thema Analphabetismus auf. Unser Mitarbeiter David Schahinian befragte dazu Beate Baum-Dill, die Leiterin der Einrichtung.

Angenommen, mein Gegenüber kann nicht lesen und schreiben. Wie merke ich, dass etwas nicht stimmt?

BEATE BAUM-DILL: Betroffene Menschen sind sehr kreativ darin, Vermeidungsstrategien zu entwickeln – und sie manchmal über viele Jahre anzuwenden. „Ich habe meine Brille heute vergessen“ ist ein typisches Beispiel. Oder sie kriegen ein Schreiben, eine Einladung oder eine Information ausgehändigt, stecken es weg und sagen, dass sie sich das lieber in Ruhe zu Hause durchlesen wollen.

Kann das auch berufliche Nachteile haben?

BAUM-DILL: Es gibt Beschäftigte, die beständig jegliche Beförderung ausschlagen, weil damit mehr Schriftverkehr einhergehen würde. Außerdem nehmen die Dokumentationspflichten auch für Berufsbilder wie etwa den des Pflegehelfers oder der Reinigungskraft zu. Von der digitalen Transformation, durch die einfache Jobs wegfallen und Weiterbildungen umso wichtiger werden, ganz zu schweigen.

Sollte man Betroffene auf ihr Problem ansprechen? Und, wenn ja, wie?

BAUM-DILL: Auf keinen Fall sollte man mit der Tür ins Haus fallen. Wichtig ist, Vertrauen aufzubauen. Es gibt verschiedene Strategien das Thema anzusprechen. Im kommenden Jahr wollen wir einen „Sensibilisierungs-Kurs“ anbieten, in dem diese Fragen behandelt werden.

Wie gehen die Menschen mit ihrem Problem um ?

BAUM-DILL: Das ist sehr unterschiedlich – und hängt oft davon ab, ob es sich um Muttersprachler oder Zugewanderte handelt. Erstere sind meist extrem schamhaft. Meiner Meinung nach ist Analphabetismus eines der letzten großen Tabuthemen unserer Zeit. Migranten gehen in der Regel etwas offener damit um. Bis in die 80er-Jahre hinein ging es für Gastarbeiter erst einmal darum, sich im Job zurechtzufinden. Lesen und schreiben zu lernen war für sie nicht so wichtig. Heute stellt sich ihnen eher die Frage, wie sie es nachholen können. Mit unserem Lerntreff wollen wir genau solch ein Angebot schaffen.

Haben WhatsApp, Twitter und Co. auch Auswirkungen auf die Lese- und Schreibfähigkeit?

BAUM-DILL: Ganz sicher. Mit Emojis, den Bild-Schriftzeichen, geht sehr viel, und manch Jüngerer hat diese Fähigkeiten vielleicht erlernt, aber nie richtig angewandt. Hier spielt mitunter auch die Motivation eine Rolle: „Wozu brauche ich das überhaupt?“ Man kann es aber auch von der anderen Seite betrachten: Es wird wieder mehr geschrieben, wenn auch häufig in Kürzeln.

In Deutschland sollen 7,5 Millionen Menschen betroffen sein.

BAUM-DILL: Die Rede ist hier von sogenannten funktionalen Analphabeten. Es gibt nur ganz wenige, die gar nicht lesen und schreiben können. Die zugrundeliegende Studie unterscheidet mehrere Stufen: 300 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter können demnach lediglich einzelne Buchstaben erkennen oder schreiben, ohne die Wort-Ebene zu erreichen. Zwei Millionen können zwar einzelne Wörter lesen und schreiben, aber keine ganzen Sätze. 5,2 Millionen können das, scheitern aber an zusammenhängenden Texten, auch wenn sie kurz sind.

Woher kommt diese große Zahl, wo doch Schulpflicht herrscht und Bildung allen offensteht?

BAUM-DILL: Dafür gibt es zahlreiche individuelle Gründe, von einer längeren Krankheit in der Schulzeit über Migration bis hin zu Lehrern, die beide Augen zugedrückt haben. Viele Betroffene haben den Schulabschluss geschafft und sind erwerbstätig.

Warum packt ausgerechnet das Mehrgenerationenhaus dieses Thema an?

BAUM-DILL: Das Bundesfamilien- und das Bundesbildungsministerium haben eine gemeinsame Initiative gestartet, um die Lese- und Schreibfähigkeit bei Erwachsenen zu fördern. Die Frage war, wie man die Betroffenen am besten erreicht, und da stehen die Mehrgenerationenhäuser, die allen Menschen offenstehen, im Fokus. In Eschborn passt das besonders gut: Wir haben bereits früher Alphabetisierungskurse für zugewanderte Frauen durchgeführt. Zudem verfügen wir über ein großes Netzwerk.

Ziel ist die Einrichtung eines Lerntreffs?

BAUM-DILL: Dieser Lerntreff soll sich nah an den Lebenswirklichkeiten der Teilnehmer ausrichten. Dabei wollen wir ganz praktisch vorgehen. So könnte beispielsweise ein Kuchen gebacken und das Rezept aufgeschrieben werden. Wir wollen uns der Themen annehmen, die wirklich gebraucht werden.

Wo und wie finden Menschen noch Rat?

BAUM-DILL: Das Alfa-Telefon des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung bietet unter der Telefonnummer (08 00) 53 33 44 55 kostenfrei und anonym bundesweit Informationen über Kurse und Hilfsangebote.

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