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Stadtmuseum

Eschborns verborgene Schätze: Archivar Gerhard Raiss zeigt dem Kreisblatt Raritäten, die sonst nicht zu sehen sind

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Das Stadtmuseum präsentiert nur einen kleinen Teil seiner umfangreichen Sammlung öffentlich. Doch auch der unsichtbare Fundus ist ergiebig. Manche Stücke lassen sich gar nicht ausstellen, ohne sie zu beschädigen.

Manchmal sind die Schüler klar im Vorteil. Sie haben etwas gesehen, das es normalerweise nicht zu sehen gibt. Das Steinbeil und die römische Münze habe er zu Besuchen in Grundschulen mitgenommen, berichtet Eschborns Stadtarchivar Gerhard Raiss. Die Kinder seien schon beeindruckt gewesen, weil sie ein Beil anfassen konnten, das aus der Jungsteinzeit stammt, also mindestens 6000 Jahre alt ist. Dass die Menschen damals sehr lange daran arbeiteteten, um mit primitiven Werkzeugen eine so glatte Oberfläche zu erzielen, leuchtete auch den Schülern ein. Das Stück stammt übrigens aus Niederhöchstadt, wo es ein Landwirt gefunden hatte.

Die Besucher, die sich die Ausstellungsstücke im Stadtmuseums anschauen, können das Steinbeil nicht anfassen – ja sie bekommen es noch nicht einmal zu sehen. Denn das Stück gehört zu dem Teil der Sammlung, der nicht gezeigt wird. Das ist, wie bei Museen üblich, der größere Teil – auch in Eschborn, wo das Museum erst 1989 eröffnet wurde. Es ist zum Beispiel leicht vorstellbar, wie umfangreich im Vergleich die nie gezeigten Schätze des Wiesbadener Landesmuseums sind, das seit mehr als 100 Jahren sammelt.

Zurück nach Eschborn: Das Steinbeil wird nicht gezeigt, weil es keine Abteilung zur Steinzeit im Museum gibt – denkbar ist allenfalls, dass es einmal bei einer Sonderausstellung zu sehen ist. Eine römische Abteilung gibt es schon; gezeigt werden Funde aus einer römischen Straßenstation in Niederhöchstadt. Eine kleine Silbermünze, ein Denar, gehört nicht zu den Exponaten. Denn es ist unklar, wer sie wo und wann gefunden hat. Da ist Raiss schon genau. „Es gab mehrere römische Gutshöfe im Gebiet der heutigen Stadt“, sagt der Stadtarchivar, der dieser Tage eine Auswahl der verborgenen Schätze exklusiv fürs Kreisblatt vorlegte und vorstellte. Also sind mehrere Fundorte denkbar. Die Münze zeigt übrigens den Kaiser Antoninus Pius, der von 138 bis 161 regierte. Ein Denar, das war zu seiner Zeit übrigens das Monatseinkommen eines Lohnarbeiters.

Bei vielen anderen Stücken weiß Raiss genau, woher sie kommen, aus der Sammlung von Hanny Franke nämlich. Nach dem Tod der Witwe des in Eschborn lebenden Künstlers konnte die Stadt den gesamten Nachlass übernehmen. Eine Reihe von Bildern werden im Museum gezeigt, außerdem Gegenstände aus dem Atelier. Aber dies macht allenfalls zwei Prozent des Nachlasses aus – Raiss erinnert sich noch daran, dass zum Abtransport rund 40 Umzugskartons gebraucht wurden.

Zum Glück für die Stadt hat Franke allerlei Kostbarkeiten gesammelt, zum Beispiel auch Ausschnitte aus alten Handschriften, die kunstvoll gezeichneten Initialen nämlich. Als die nicht mehr gebraucht wurden, schnitten die Eigentümer sie heraus und verkauften sie. Über Flohmärkte und ähnliche Wege gelangten etwa 30 Stück in die Hände Frankes.

Preise bis 5000 Euro

Ausstellen lassen sich diese Stücke nicht. „Nach drei Tagen sind sie verblasst“, sagt Raiss und weist darauf hin, dass diese alten Pergamente extrem lichtempfindlich sind. Außerdem haben sie keinen konkreten Bezugspunkt zu Eschborn, außer dass ein örtlicher Maler sie gesammelt hatte. Um einen Schatz handelt es sich trotzdem: Im Internet werden solche Pergamente etwa aus dem 15. Jahrhundert für bis zu 5000 Euro angeboten.

In einer Mappe bewahrt Raiss ein Schriftstück auf, das aus dem 9. Jahrhundert stammt, ebenfalls aus der Sammlung Franke. Es handelt sich um das älteste schriftliche Originaldokument im Stadtarchiv – völlig offen ist, ob jemals ein Besucher es zu sehen bekommen wird.

Einen konkreten Bezug aus Frankes Sammlung hat eine in einen Holzrahmen gefasste Kachel mit dem Wappen der Kronberger Ritter, die ja ursprünglich aus Eschborn gekommen sind. Es könnte sogar aus der Ende des 19. Jahrhunderts ausgegrabenen Eschborner Turmburg stammen, muss aber nicht. Zeitlich passt es – die Eschborner Burg wurde 1622 aufgelöst, die Kachel stammt von 1607.

„Manchmal frage ich nicht, woher es kommt“, berichtet Gerhard Raiss und ergänzt: „Sonst kriegt man nämlich nichts mehr.“ Das gilt auch für eine Schmuckkette aus fränkisch-alamannischer Zeit, aus dem vierten bis sechsten Jahrhundert ungefähr. Schon derjenige, der die Kette dem Stadtmuseum übergab, wusste über die Herkunft wohl nicht genau Bescheid – und so bleibt sie im Magazin im Keller des Stadtarchivs, auch wenn sie deutlich mehr hermacht als der alamannische Schmuck, der aus dem Eschborner Gebiet stammt und deshalb gezeigt wird.

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