Ein Bild aus "alten" Tagen: Die "Galerie am Rathaus" war in der "Neuen Stadtmitte" (Unterortstraße 27) eingerichtet. Es gab Wechselausstellungen, Lesungen, auch Konzerte.
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Ein Bild aus "alten" Tagen: Die "Galerie am Rathaus" war in der "Neuen Stadtmitte" (Unterortstraße 27) eingerichtet. Es gab Wechselausstellungen, Lesungen, auch Konzerte.

Kultur

Galerie-Rauswurf wird zum Politikum

  • vonAndreas Schick
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Dass der Bürgermeister das Bürgerbüro in den Ausstellungsräumen einquartieren will, sorgt für Unruhe

Eschborn -Wer auf der städtischen Internetseite stöbert, stößt in der grün unterlegten Sektion auf werbeträchtige und ansprechende Beschreibungen von Eschborns wunderbar vielfältiger Kulturlandschaft. In Frankfurts Umland gehört die Stadt zu jenen Kommunen, die allerlei Glanzpunkte setzen. Im extrem finanzstarken Eschborn genießen Kunst und Kultur einen sehr hohen Stellenwert, wie sich beispielsweise bei den bestens besuchten "Summertime"-Veranstaltungen und in der bemerkenswerten Skulpturen-Landschaft zeigt.

Auf der Eschborn-Homepage ist auch die seit Jahren etablierte "Galerie am Rathaus" skizziert. "Sie zeigt ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunst", ist nachzulesen. "Die Ausstellungen sind sowohl regional bezogen als auch international ausgerichtet. Der Fokus liegt auf Einzelausstellungen, in denen das gesamte Spektrum der Kunstschaffenden erfahrbar wird."

Das ist richtig, gehört an dieser Stelle aber bald der Vergangenheit an, wenn es nach Eschborns Bürgermeister Adnan Shaikh (CDU) geht. Denn er hat vor, die Ausstellungsräume, Unterortstraße 27, aufzugeben und dort das künftige Bürgerbüro einzuquartieren. Die Umgestaltung ist im Gange. Wo die Galerie künftig ihre Bleibe haben wird, ist unklar. Kürzlich sagte Shaikh auf Kreisblatt-Anfrage, die Stadt suche "eine schöne Alternative" für die Galerie. Sicher ist: Die Entscheidung ruft Widerstand hervor.

Zuletzt stellte die Eschborner Künstlergruppe "Werkstatt 93" in den Galerie-Räumen aus, ehe sie ihre Werke wegen der Corona-Auflagen online präsentierte. Zur Entscheidung Shaikhs sagt Werkstatt-Sprecherin Gertrud Rist auf Nachfrage: "Wir sind geschockt und enttäuscht." Die Entscheidung, die Galerie so kurzfristig zu schließen, sei überraschend gekommen. Sie lobt die "schöne Atmosphäre", die sich dort drinnen und draußen für Kunst- und Kulturschaffende sowie fürs Publikum bietet. Der Innenhof ist geeignet, um das Geschehen bei guter Witterung ins Freie zu verlagern. Auch Konzerte fanden dort gelegentlich statt.

Einer der die Werkstatt-Ausstellung noch vor der Corona-Zwangsschließung begutachtete, war Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Birkert (SPD). Er war so angetan von der Präsentation, dass er sich spontan zwei Ausstellungsstücke kaufte - privat und "primär wegen der Originalität und Schönheit der Kunstwerke, aber auch, um die Künstler finanziell etwas zu unterstützen".

Eilantrag für heute ist in Vorbereitung

Inzwischen sind die Exponate abgehängt, die Galerie ist geräumt. Birkert: "Aus der Presse konnte man entnehmen, dass dies zugleich das Ende der Galerie sein soll, da der Bürgermeister entschieden hat, hier ein Bürgerbüro einzurichten." Schimmert in diesen Worten Kritik durch?

Birkerts Fraktion, die SPD, will die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Fraktionschef Bernhard Veeck kündigte gestern auf Anfrage an, einen Eilantrag für die heutige Stadtverordnetenversammlung vorzubereiten. Die Sozialdemokraten sehen "keine Not", die Galerie ohne räumliche und zeitliche Perspektive auf andere Räume aufzugeben. Seine Partei unterstütze das Vorhaben, ein Bürgerbüro einzurichten. Seines Wissens standen vier Orte für ein Bürgerbüro zur Auswahl. Der Bürgermeister deutete die Galerie-Räume aus. "Das kam für uns alle überraschend", sagte Bernhard Veeck, der im Kontakt mit anderen Fraktionen steht, um sich über den Eilantrag abzustimmen und die Schließung abzuwenden.

So mir nichts, dir nichts, lässt der Antrag sich nicht auf die Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung setzen. Es bedarf einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Das heißt: 25 von 37 Stadtverordneten müssen dafür sein, das Anliegen noch heute Abend im Plenum zu behandeln. Für den Fall, dass Shaikhs CDU es ablehnt, müsste die SPD alle anderen Fraktionen dafür gewinnen: FWE, Linke, FDP und Grüne. Sie tauschten E-Mails aus und telefonierten. Gestern Abend war für die Kreisblatt-Redaktion noch nicht absehbar, inwieweit eine Mehrheit zustande kommt. Denkbar ist auch, dass einige Fraktionen bereit sind, den Eilantrag beraten zu lassen, ihn aber ablehnen. Auf diese Weise bekäme der Bürgermeister die Gelegenheit, seinen Standpunkt offen darzulegen und sein Vorgehen zu erläutern. Pikant an der Sache ist: Die städtische Kulturreferentin Johanna Kiesel, deren "Baby" die Galerie ist, ist ehemalige SPD-Kreistagabgeordnete und im Rathaus dem Kulturdezernenten Adnan Shaikh unterstellt.

Der Plan, ein Bürgerbüro in Eschborn einzurichten, ist mindestens 20 Jahre alt. Unter den Eschborner Verantwortlichen besteht längst Einigkeit, es im Rathaus anzusiedeln, sobald es saniert, modernisiert und die angrenzende Stadthalle neu gebaut ist. Adnan Shaikh will aber nicht warten, bis die Stadt dieses millionenschwere Mammutprojekt in etlichen Jahren umgesetzt hat. Er plädierte schon in seinem Bürgermeister-Wahlkampf 2019 dafür, es möglichst rasch einzurichten - am besten mit digitaler Ausrichtung.

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