Uwe Schneider steht vor den Einsatzfahrzeugen, die im Hof des Eschborner Polizeireviers geparkt sind. Die für Eschborn, Schwalbach, Bad Soden und Sulzbach zuständige Dienststelle war die letzte Station seiner Laufbahn. Der Chef von 65 bis 70 Polizisten geht zum 30. September in den Ruhestand.
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Uwe Schneider steht vor den Einsatzfahrzeugen, die im Hof des Eschborner Polizeireviers geparkt sind. Die für Eschborn, Schwalbach, Bad Soden und Sulzbach zuständige Dienststelle war die letzte Station seiner Laufbahn. Der Chef von 65 bis 70 Polizisten geht zum 30. September in den Ruhestand.

Polizei

"Ich werde in kein Loch fallen!"

  • VonAndreas Schick
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Uwe Schneider geht zum 30. September in den Ruhestand. Der scheidende Revierchef über den "schönsten Beruf", schwarze Schafe und das Glück, das er hatte.

Eschborn/Main-Taunus -Entspannt sitzt er in seinem Dienstzimmer, die Hände auf dem Besprechungstisch zusammengefaltet. Uwe Schneider wirkt wie ein Mensch, der mit sich im Reinen ist und zuversichtlich auf das Lebenskapitel blickt, das auf ihn zukommt. Kaum hat der scheidende Leiter des Polizeireviers Eschborn damit begonnen, gegenüber dem Kreisblatt seine Karriere zu bilanzieren, wird der Beamte einen Hinweis los, der ihm wichtig ist.

"Ich freue mich auf den Ruhestand und werde nicht in ein Loch fallen", sagt der 59 Jahre alte Schneider, der das Revier im Stadtteil Niederhöchstadt seit 2016 leitet. Am heimischen Haus im Frankfurter Westen falle "immer etwas an", was zu erledigen sei. Befreit von dienstlichen Zwängen könne er sich künftig jederzeit "aufs Rad setzen und die Region erkunden". Er habe einen Freundeskreis mit Gleichgesinnten, die sich ihm gerne anschließen.

Schneider, der auch ein Elektrorad besitzt, trägt ein blütenweißes Hemd, das ihn mit fünf silbernen Sternen auf den Schulterklappen als Ersten Polizeihauptkommissar ausweist. Er wird es nicht mehr brauchen, denn seinen letzten Arbeitstag hat der Noch-Revierchef hinter sich. 44 Jahre im Öffentlichen Dienst, davon 40 Jahre bei der Polizei, seien genug, sagt der gelernte Elektriker Uwe Schneider, der im Laufe des Jahres 60 wird und seine Ausbildung im Polizeidienst am 1. April 1981 in Kassel begonnen hatte. Vier ereignisreiche Jahrzehnte folgten.

Er erlebte die Proteste an der Startbahn-West, als am Frankfurter Flughafen zwei Beamte getötet wurden (1987). Er stürmte an Weihnachten 1996 in Sindlingens evangelische Kirche, als eine Frau eine Handgranate zündete. Er war bei Großveranstaltungen gefordert, etwa beim traditionsreichen Radrennen am 1. Mai und bei höherklassigen Fußballspielen, bei denen "Fans" aus der Rolle fielen. Im neuen Jahrtausend wurde die Terrorgefahr zu einem ständigen Begleiter.

Auf der Zielgeraden seiner Laufbahn stellte die Corona-Pandemie die Polizeiarbeit auf den Kopf: Dienstpläne wurden so gestrickt, dass das Virus nicht den Revierbetrieb lahmlegen konnte. Schneider, selbst infiziert und genesen, arbeitete immer wieder von zu Hause aus: "Es ging." Offiziell ausscheiden wird Schneider zum 30. September dieses Jahres, bis dahin baut er Überstunden und Urlaubstage ab. Sein Nachfolger Olrik Orzelski, bisher Stationsleiter im nahe gelegenen Kelkheim, übernimmt das Ruder am 1. Juli.

Ihn ärgern verzerrte Darstellungen

Schneider ist, nein, er war "überzeugter Polizist". Er habe im "schönsten Beruf gearbeitet, den ich mir vorstellen kann", auch wenn die damit verbundenen Aufgaben schwierig seien. Gefragt sei unter anderem präzises Wissen im Jugend-, Sozial- und Strafrecht. Menschenkenntnis und ein Gespür für alltägliche und ungewöhnliche Situationen sind unabdingbar, aber nicht durchgehend durch Seminare und Lehrbücher zu vermitteln. Erfahrung spielt eine große Rolle.

Die Polizeiarbeit der 80er und 90er Jahre ist mit den komplexen Anforderungen und Bedingungen der Gegenwart kaum noch vergleichbar. Gewiss ist nicht alles perfekt, aber "wir sind heute gut ausgestattet", versichert der baldige Pensionär. Schmunzelnd hängt er eine jahrzehntealte Geschichte von der früheren Sindlinger Dienststelle dran: Als die Polizei einmal ausrücken wollte, hätten die Einsatzfahrzeuge gestreikt. Würde ihr das im Internetzeitalter passieren, wären ihr massenweise Hohn und Spott in den sozialen Netzwerken sicher.

Der technische Fortschritt hat die Welt der Medien verwandelt und beeinflusst den Polizeialltag. Oft filmen Leute mit, wenn die Beamten im Einsatz sind, und stellen Schnipsel ins Netz. Dies sei gerade dann fatal, so urteilt Schneider, wenn "unsere Arbeit heftig verzerrt" dargestellt wird. Bilder, die zum Beispiel zeigen, wie Beamte in Schutzkleidung auf Demonstranten einhauen, verbreiten sich in Hochgeschwindigkeit.

Was im Internet auftauche, zeige einen Vorfall häufig unvollständig und lasse aus, was vorher passiert sei und zu einer Zuspitzung führte, gibt Schneider zu bedenken. Hilfreich kann sein, wenn Einsatzkräfte selbst mit der Hilfe sichtbarer Körperkameras das Einsatzgeschehen festhalten.

Die Polizei steht dieser Tage stärker am Pranger denn je. Ihr werden rechtsextreme Umtriebe zur Last gelegt. Für Uwe Schneider ist klar: Eine Minderheit schwarzer Schafe darf nicht die Integrität der Polizei beschädigen. Polizisten, die über die Stränge schlagen, egal in welcher Beziehung, müssen "zur Rechenschaft gezogen werden".

Dennoch wünscht sich der Beamte, dass sich die Menschen auch in die Rolle der Polizei hineinversetzen und Verständnis für deren Sichtweise haben.

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

Schneider erinnert an die Unruhen, die 2017/18 die Stadt Schwalbach erschütterten: Vandalismus und Drogengeschäfte rund um den Marktplatz lösten Polizeieinsätze aus, wie der Main-Taunus-Kreis sie selten erlebte. Junge Leute beschädigten Streifenwagen und bewarfen Polizisten mit Steinen. Mülltonnen brannten. Aufs Revier flogen Molotowcocktails. Die Respektlosigkeit und der Hass, die den Beamten damals entgegengeschlagen seien, waren für Schneider "beängstigend und bedrohlich".

Mit einem Sieben-Punkte-Programm, das die Polizei mit der Stadt Schwalbach abarbeitete, glückte es, die Lage zu beruhigen. Dies sei schneller gelungen als gedacht. All dies habe aber "an der Substanz gezehrt", räumt Schneider ein, hebt aber auch hervor: "Die Kollegen können dort heute wieder auf Streife gehen, ohne in einen Hinterhalt zu geraten."

Ein restriktives Vorgehen, kombiniert mit präventiven Maßnahmen, führte in Schwalbach zum Erfolg. Vorbeugung und Aufklärung haben im Kampf gegen Kriminalität einen viel höheren Stellenwert als zu Beginn seiner Laufbahn, schildert der Erste Polizeihauptkommissar. Info-Veranstaltungen und Beratungsgespräche sind selbstverständliche Elemente der Polizeiarbeit geworden. Unspektakuläre Aktionen wie Fahrradcodierungen gehören dazu.

So unerfreulich und belastend manche Begebenheiten in 40 Jahren Polizeiarbeit waren, so sehr betont Schneider im Rückblick, "dass die positiven Erlebnisse überwiegen". Er könne jungen Menschen daher "ohne schlechtes Gewissen" dazu raten, eine Laufbahn bei der Polizei einzuschlagen.

Heutzutage kümmere sich das Land Hessen sehr intensiv um Beamte, die heikle Einsätze hinter sich haben. Niemand werde alleingelassen, wenn er zum Beispiel mit Kollegen eingekesselt war und sich bedroht fühlte. Es gebe psychologische Betreuung, bekräftigt Schneider, der die hohe Fluktuation im Revier anspricht. Er habe motivierte junge Leute in seinen Reihen, die aber oft Probleme hätten, bezahlbaren Wohnraum in der Region zu finden. Hier sei die Politik gefordert. Darüber habe er auch mit Bürgermeistern gesprochen.

Hat Schneider jemals von seiner Dienstwaffe Gebrauch machen müssen? "Zum Glück nicht."

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