„Jeder muss Opfer bringen“

Stromausfall im Rhein-Main-Gebiet! Dieses Szenario diskutierten Eschborner Schüler mit Experten aus Politik, Unternehmen und Energieversorgern. Wie lässt sich so ein Aussetzer verhindern?

Ohne Strom geht in unserer Gesellschaft rein gar nichts. „Im Zentrum steht daher die Frage, wie Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann“, sagt die Umweltreferentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), Luise Riedel. „Bereits Ausfälle im Millisekundenbereich können in Krankenhäusern oder Industrieunternehmen große Schwierigkeiten bereiten.“ Das ist die Ausgangslage für das IHK-Projekt „S.O.S. – Skyline ohne Strom“, an dem elf hessische Schulen teilnehmen, darunter die Heinrich-von-Kleist-Schule in Eschborn.

Der Politik- und Wirtschaftskurs der Orientierungsphase (11. Klasse) setzte sich mit dem Thema Energiesicherheit auseinander und stimmte sich auf ein Gespräch mit Fachleuten ein. „Wir haben vor zwei, drei Wochen angefangen, uns mit dem ganzen Kurs auf das Interview vorzubereiten“, erzählen die Schülerinnen Sarah Schaup und Daniela Burda. „Dabei ging es um die Ursachen eines ,Blackouts’ und dessen Folgen, und gemeinsam haben wir die entsprechenden Fragen an die Experten entwickelt.“ Wie steht es zum Beispiel um die Zukunft erneuerbarer Energien, wenn deren wachsender Anteil an der Stromversorgung gleichzeitig die Gefahr eines Stromausfalls größer werden lässt?

„Die Entscheidung von Angela Merkel, aus der Atomenergie auszusteigen, war richtig“, ist der Erste Stadtrat Thomas Ebert (Grüne) überzeugt. Riedel weist daraufhin, dass beispielsweise geeignete Speichertechnologien weiter vorangetrieben werden müssen. Denn im Stromnetz kann keine Energie gespeichert werden, ergänzt Frank Mösel (Süwag Energie AG) ein Hauptproblem. Michael Molter, Berater bei Clariant und früher mal Chef des Industrieparks Griesheim, merkt an: „Wenn wir dieses Thema, die Energie vernünftig zu speichern, lösen können, dann kommen wir künftig auch mit erneuerbaren Energien aus.“ Die Verantwortung dafür sieht er nicht nur auf technischer Ebene: „Wir brauchen europäische Lösungen und saubere politische Rahmenbedingungen. Auch sollten Energieversorger gemeinsam mit der Industrie planen.“

Selber eine Solaranlage auf dem Dach hat Thomas Ebert, der an die langfristige Perspektive erinnert: „Die Politik in Deutschland wird einen Teufel tun und zurückgehen zur Atomkraft – sofern man Alternativen hat, die auf Dauer bezahlbar sind. Zwar braucht jede neue Technologie eine Anschubfinanzierung durch Subventionen, aber letztlich muss sie sich selber tragen.“

Eine dezentrale Energieversorgung betreiben unter anderem alle großen Unternehmen der Chemieindustrie, wie Molter erläutert: „Diese sind immer gleichzeitig auch Energieerzeuger, denn die Energiemenge, die allein der Industriepark Höchst benötigt, entspricht der einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, und das ist mit Windkraft oder ähnlichem nicht zu stemmen.“

Welchen Einfluss die Energiewende auf den Standort Deutschland hat, wollen die Schüler wissen. Dazu bezieht Molter ebenfalls klar Stellung: „Die Energiefrage spielt eine Rolle für den Standort, aber mindestens genauso wichtig sind gute Mitarbeiter!“ In Eschborn liegt der Fokus allerdings nicht auf dem Thema Energiesicherheit. Es gehe darum, Energie einzusparen und sie effizienter zu nutzen, betont Ebert: „Hier werden beispielsweise Bürger bei der energetischen Sanierung ihrer Häuser unterstützt. Generell aber muss es übers Portemonnaie gehen, und jeder muss Opfer bringen, denn nur mit gutem Gewissen kommt man nicht weiter.“

Doch inwieweit ist der Einzelne dazu bereit, Einschnitte hinzunehmen? „Das Bewusstsein ist da“, räumt Mösel ein, bemängelt aber: „Das Problem ist die Kirchturmmentalität, denn jeder möchte alles, aber nicht vor der eigenen Tür. Nur muss man neue Wege gehen, um weiterzukommen.“

Die beiden Moderatorinnen Sarah und Daniela zeigen sich zufrieden mit dem Gesprächsverlauf: „Schön war, dass die Experten auch untereinander diskutiert haben, so dass wir nicht jeden einzeln befragen mussten. Einige Mitschüler haben sich jedoch anscheinend nicht getraut, noch eigene Fragen zu stellen. Aber wir werden das jetzt in den nächsten Stunden nachbereiten und eine Präsentation für die Abschlussveranstaltung im Juli bei der IHK entwickeln. Da wird auf jeden Fall noch etwas Gutes herauskommen.“ Von dieser Nachbetrachtung erwarte sie sich einiges, sagt die Tutorin des Kurses, Heike Nierenz.

Luise Riedel freut sich: „Letztes Jahr wurden Videos gedreht und Wandzeitungen angefertigt, daher wäre es toll, wenn sich dieses Jahr mal jemand an den Bau einer Drohne heranwagen würde. Immerhin will die IHK ja mit diesem Projekt auch die Lust an den naturwissenschaftlichen MINT-Fächern wecken.“

(skr)

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