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Hassan Kurt hat Grund zum Lachen. Er hat das Rückwärtslaufen zu seiner Spezialdisziplin gemacht und ist darin sehr erfolgreich.

Rückwärtslaufen

Kurts Weltrekord ist anerkannt, nun geht’s zum Marathon

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Als erster Mensch lief der Eschborner Taxiunternehmer Hassan Kurt 100 Kilometer rückwärts. Bei den Rückwärtsläufern nimmt der 46-Jährige damit eine Ausnahmestellung ein.

Als der dreifache Familienvater vor kurzem an einer Supermarktkasse seine Einkäufe verstaute, tippte ihm ein fremder Herr auf die Schulter. „Entschuldigung, ich muss sie mal stören, weil ich unbedingt mal mit einem echten Weltrekordhalter sprechen wollte“, sagte der Mann hinter ihm.

„Ich koche auch nur mit Wasser. Das ist nur Ehrgeiz. Im Prinzip kann das jeder schaffen“, entgegnete Kurt. Vier Monate, nachdem er auf der Tartanbahn der Westerbach-Sportanlage in Niederhöchstadt 250 Runden, also 100 Kilometer, rückwärts gelaufen war, wurde sein notariell beglaubigter Weltrekord-Antrag anerkannt. Die 21 Stunden und 18 Minuten, die Kurt mit zahlreichen Helfern – die ihn von 23 Uhr bis zum späten Abend des nächsten Tags begleiteten und dirigierten – absolvierte, vergingen, ohne dass er ein Mal über die Schulter geschaut hatte. Nun steht er inmitten einer illustren Runde von rückwärtslaufenden Weltrekordlern. Beispielsweise schaffte die „Amerika-Staffel“ mit Aaron Yoder (USA), Diego Polino (MEX), Wilfredo Díaz García (CUB) und Fleury Contreras Urbano (DOM) , ebenfalls im Juli dieses Jahres 4 x 400 Meter in 5:29,61 Minuten. Der Deutsche Thomas Dold lief zehn Kilometer rückwärts in 38:50,01 Min.

Vor allem in Deutschland wächst die Szene der „Retrorunner“. Auch Kurt kündigt an, noch in diesem Jahr einen „Rückwärtslauf-Verein“ in Eschborn gründen zu wollen. Schließlich bringe seine neue Lieblingssportart neben viel Spaß und positiver Energie gesundheitliche Vorteile. So wird das Rückwärtslaufen zur Rehabilitation, beispielsweise nach Knieoperationen eingesetzt. Auch Hochleistungssportler bauen es in ihr Training ein, da es die Koordination verbessert. Bei 100 Kilometern rückte der gesundheitsfördernde Aspekt in den Hintergrund. „Jedes Rennen, das ich beginne, habe ich im Kopf vor dem Startschuss abgeschlossen“, erklärt Kurt. Wie stark die Psyche des laufverrückten Eschborners sein muss, zeigt die Beschreibung der Umstände. Am Tag des Rekordversuchs öffnete der Himmel über Niederhöchstadt seine Schleusen, und der benachbarte Westerbach trat an vielen Stellen bis auf den Sportplatz über die Ufer. „Aufgeben kommt für mich aber nie in Frage. Auch als mir jeder Schritt in den Gelenken und Fußsohlen wehtat, habe ich nur an meine Kinder gedacht.“

Ihnen hatte der Ausnahmesportler versprochen, die 100 Kilometer „zu packen“, obwohl Kurt keine Vergleichswerte hatte und in der Vorbereitung nie mehr als 10 Kilometer oder eine Stunde am Stück rückwärts gelaufen war.

Der Taxiunternehmer spult wöchentlich 70 bis 80 Trainingskilometer – davon 20 bis 30 rückwärts – ab. „Seit den 70er Jahren haben vier Sportler weltweit ein 24-Stunden-Rennen rückwärts absolviert“, weiß Kurt, „100 Kilometer auf Zeit ist noch nie jemand gelaufen.“

Bei seinem Rekordlauf kämpften Kopf und Körper gegeneinander. Den Körper hat Kurt jahrelang auf solche Belastungen vorbereitet. Schon 2009 startete der passionierte Läufer seine „Rückwärtslauf-Karriere“. 2013 lief er zum ersten Mal beim Kreisstadtlauf des Höchster Kreisblatts rückwärts (10 Kilometer). Dabei erklärt er, dass die Muskulatur, die beim Vorwärtslaufen ausgeprägt wird, auch beim Rückwärtslaufen gebraucht wird.

„Im Kopf habe ich den Rekord drei Jahre lang vorbereitet“, erinnert sich Kurt. Dass man für solch ein Vorhaben „ein bisschen verrückt“ sein muss, bestreitet er nicht. Schließlich entwickelt er nach einer umgesetzten Idee gleich schon die nächste. „Am Sonntag werde ich den Frankfurt-Marathon rückwärts laufen“, fasst Kurt sein nächstes Ziel ins Auge. Außerdem schwirrt die Vereinsgründung in seinem Kopf herum. Nach seinem Rückzug beim Eschathlon kann man sich für dieses Projekt keinen passenderen Initiatoren vorstellen als Hassan Kurt, den „Eschborner Rückwärtsläufer“.

(awo)

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