Wolfgang Huber freut sich, dass die Nachbarin Gemüse und Backwaren abholt.
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Wolfgang Huber freut sich, dass die Nachbarin Gemüse und Backwaren abholt.

Nahrung

Lieber verschenken als verschwenden

  • vonStephanie Kreuzer
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"Foodsaver" in Eschborn sammeln und verteilen Lebensmittel.

Eschborn -Mehr als 75 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr werden hierzulande weggeworfen. Weltweit landen rund 1,3 Milliarden Tonnen im Müll oder gehen auf dem Weg vom Feld zum Teller verloren. Das entspricht etwa einem Drittel der weltweiten Lebensmittelproduktion. "Und von dem, was weggeworfen sind, wären etwa 60 Prozent noch genießbar", sagt Nico Hauser, Botschafter der 2012 in Köln und Berlin gegründeten Foodsharing-Initiative im Main-Taunus-Kreis. Oberstes Ziel sei die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung.

"Ein wichtiger Baustein für uns sind Bildungsangebote, um die Gesellschaft darüber aufzuklären, wie jeder von uns vermeiden kann, Lebensmittel noch zu nutzen, anstatt sie wegzuwerfen." Hier fehle auch das Wissen um den richtigen Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Oftmals seien Lebensmittel gar nicht verdorben oder von schlechter Qualität, sondern sähen nur nicht mehr "perfekt" aus. Viele "Schönheitsideale" seien allerdings sowieso übertrieben - oder beträfen Lebensmittel, die umgekehrt noch nicht einmal qualitativ hochwertig sind. "Daher geben wir Kochkurse, um zu zeigen, dass man beispielsweise aus weichen Tomaten noch eine prima Soße und aus braunen Bananen einen leckeren Smoothie machen kann."

Auch Resteverwertung sei ein wichtiges Thema. "In erster Linie wollen wir ein nachhaltiges Bewusstsein dafür schaffen, Lebensmittel zu verwerten, solange sie genießbar sind, damit möglichst wenig weggeschmissen wird", betont Hauser.

Tafel hat Priorität

Im Handel würde sich das inzwischen bemerkbar machen. So verkaufen viele Läden nun "krumme Dinger", also Obst und Gemüse, das über kleine Makel verfügt und bisher als unverkäuflich galt. Manche Märkte packen "Lebensmittelrettertüten" zum reduzierten Preis. "Letztlich haben wir dazu beigetragen, dass solche Produkte jetzt gesellschaftsfähig sind."

Es gebe viele weitere Ansatzpunkte, um - zum Beispiel schon beim Transport oder bei der Lagerung - Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Ein Projekt, das mittlerweile auch in Hessen angekommen ist, um zu vermeiden, dass Früchte zu wertlosem Fallobst werden, ist das "Gelbe Band". Wenn ein Baum oder Strauch derart gekennzeichnet ist, darf dieser gratis und ohne Rücksprache abgeerntet werden.

In der Praxis von Foodsharing überwiegt ein kurzfristiger Ansatz: Lebensmittel, die im Handel übrig sind und sonst keiner mehr haben möchte, zu "retten". "Oft haben die karitativen Organisationen ein Kapazitätsproblem, und dann kommen wir ins Spiel. Aber grundsätzlich lautet unser Prinzip ,Tafel first', also wir würden denen immer den Vortritt lassen", betont Hauser. "Daher muss auch niemand ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich Lebensmittel holt. Ganz im Gegenteil - man tut etwas Gutes für die Umwelt." 2016 wurde die Initiative mit dem Preis "Zu gut für die Tonne" ausgezeichnet.

Wer sich engagieren möchte, absolviert eine Ausbildung und wird "Foodsaver", holt also bei Betrieben, mit denen Foodsharing einen Vertrag abgeschlossen hat, übriggebliebene Lebensmittel ab. Eine ausführliche Hygienevorschrift muss dabei eingehalten werden. Zudem sind die Foodsaver dazu angehalten, eine "sensorische Prüfung" der Lebensmittel vorzunehmen, also mit Auge, Nase und Mund zu testen, um die Sorgfaltspflichten zu erfüllen.

Wolfgang Huber hat klare Regeln für die Verteilung aufgestellt: Abstand halten, nur eine Person an die Körbe, mit Maske und Einmalhandschuhen, außerdem soll jeder sein eigenes Gefäß mitbringen. Der 56-Jährige nutzt unter anderem eine Eschborner Facebook-Gruppe, um mitzuteilen, dass es bei ihm - neben der Haustür - wieder einiges zu "retten" gibt.

Auch andere Foodsaver wie Andrea Mohr schicken kurzfristig Fotos an eine WhatsApp-Gruppe, in der sich viele Nachbarn tummeln. Huber gehört erst seit April zum Team und hatte bisher rund 30 Abholungen in der näheren Umgebung; oft sind es Backwaren. "Selbst wenn davon etwas übrigblieb, musste ich noch nichts wegschmeißen, denn zur Not mache ich Knödel daraus." Auf seinem Blog "Der Huber kocht" stellt er auch Rezepte vor, die er aus "geretteten" Lebensmitteln zubereitet hat.

Nähere Informationen sind unter www.foodsharing.de abrufbar.

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