+

Fusion-Auswirkung auf Eschborn

Milliarden-Fusion, Millionen-Verluste?

Muss die Stadt Eschborn damit rechnen, dass die Gewerbesteuer einbricht, falls die beiden Konzerne künftig gemeinsame Sache machen? Welche Geschäftsbereiche bleiben im Fall X in der Region? Würde der Steuer-Sitz der Unternehmensteile fair aufgeteilt? Noch sind viele Fragen offen. Doch die Unruhe ist da.

Als ob Eschborn nicht schon genug Ärger hat. Politische und juristische Querelen überlagern das Tagesgeschäft der Stadtverordneten, des Magistrats und der Verwaltung seit Jahren. Die seit Januar dieses Jahres gültige Reform des Kommunalen Finanzausgleichs (KFA) schmälert das Budget der reichen Kleinstadt, die schuldenfrei ist, aber noch mehr als 30 Großprojekte mit einem Volumen von mehr als 200 Millionen Euro „in der Leitung“ hat. Längst denken die Eschborner Kommunalpolitiker ernsthaft darüber nach, sich von manchem Vorhaben zu verabschieden. Die finanziellen Ressourcen sind noch beachtlich, schrumpfen aber. Nun droht neues Ungemach: Die Pläne der Deutschen Börse, mit der London Stock Exchange (LSE) zu fusionieren, schrecken die Eschborner Finanzpolitiker auf.

Sie beobachten die Bemühungen nervös. Unruhe breitet sich aus. Konkrete Zahlen werden nicht genannt, aber es ist völlig klar, dass die Börse einer der wichtigsten Gewerbesteuerzahler in Eschborn ist. Bräche nur ein Teil dieses Betrags weg, würde dies selbst die wohlhabende und finanzstarke Kleinstadt westlich von Frankfurt ins Mark treffen. Über die Kreisumlage wären auch der MTK und seine elf anderen Kommunen betroffen. Eschborns Millionen ermöglichen es zum Beispiel, Jahr für Jahr Schulen im MTK zu sanieren, zu modernisieren oder gar neu zu bauen.

„Wir wünschen uns, dass die Börse in Eschborn bleibt“, sagt daher Bürgermeister und Stadtkämmerer Mathias Geiger (FDP). Vor allem der Hauptsitz solle am Ort bleiben. Viel ausrichten kann die Stadt Eschborn allerdings nicht, und Geiger räumt ein, dass Eschborn nicht übermäßig viele Informationen über das bekommt, was im Unternehmen diskutiert und beschlossen wird. Er hoffe, dass der gesamte Vorgang vom Hessischen Wirtschaftsministerium aufmerksam verfolgt werde. Hintergrund ist, dass die Börsenfusion auch eine aufsichtsrechtliche Frage ist. Die Wertpapierbörse ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Sind die Aufseher im Ministerium der Ansicht, dass ihr Fortbestand gefährdet ist, könnten sie verhindern, dass sich Dritte daran beteiligen. Die Hürden für eine Fusion der Börsen in Frankfurt und London liegen hoch, berichteten zahlreiche Wirtschaftsexperten und Fachjournalisten in den vergangenen Tagen.

Neue Holding

Wie bedeutsam der angestrebte und mögliche Zusammenschluss für Eschborn ist, wird in der ganzen Debatte nicht immer deutlich. Oft ist immer nur vom „Finanzplatz Frankfurt“ die Rede. Aber das Hauptquartier der Deutschen Börse ist eben seit 2010 im Gewerbegebiet Eschborn-Süd. Der damals für 250 Millionen errichtete Kubus ist nur wenige Hundert Meter Luftlinie von Frankfurt entfernt. Doch der Konzern wanderte seinerzeit aus der Bankenmetropole ab, um Gewerbesteuer zu sparen. Des einen Pech ist des anderen Glück: Eschborn freut sich seither Jahr für Jahr über Börsen-Überweisungen in zweistelliger Millionen-Höhe.

Unsere Zeitung und auch die Fachpresse berichteten bereits über die Absicht der Fusionswilligen, eine neue Holding über beide Börsen zu stellen und in London anzusiedeln. „An den beiden Standorten der beiden Konzerne und ihrer Tochterunternehmen soll jedoch nicht gerüttelt werden“, war dem „Handelsblatt“ zu entnehmen.

Inwieweit könnte die mögliche Beseitigung von Doppelstrukturen Stellen kosten? Und wie gehen die Mitarbeiter mit dem Thema um? Auch auf diese Ebene wird derzeit ohne große Öffentlichkeit diskutiert. Dijena Milanovic, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei der Deutschen Börse, möchte den Vorgang gegenüber dem Kreisblatt noch nicht kommentieren und kündigt eine Stellungnahme der Mitarbeitervertretung für den morgigen Dienstag an.

Eines zeigt „die Milliarden-Fusion“ (FAZ): Eine städtische Wirtschaftsförderung und das Bemühen, es den Unternehmen am eigenen Standort möglichst komfortabel zu machen, haben ihre Grenzen. Die Höhe der Gewerbesteuer ist oft nur einer von vielen, mitunter wichtigeren Faktoren, die Standortfragen beeinflussen.

Auch das benachbarte Schwalbach kennt die Sorge um den Verlust von Firmen. Ob ein Mega-Konzern wie Samsung am Kronberger Hang bleibt oder abwandert, wird im fernen Seoul entschieden. Bisher sind die Koreaner den Schwalbachern treu, obwohl die Stadt lange Zeit den höchsten Gewerbesteuer-Hebesatz im MTK hatte.

(ask,bt)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare