Gerhard Raiss mit dem Hochzeitsfoto von Karl und Blanka Jung.
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Gerhard Raiss mit dem Hochzeitsfoto von Karl und Blanka Jung.

Geschichte

Mit 52 ¾ Punkten stürmt Eschborn auf Platz 2

  • vonAndreas Schick
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Das Eschborner Stadtmuseum zeigt Fotos und Urkunden aus einer längst vergessenen Zeit.

Eschborn.Ein leicht geblümtes Muster ziert den dunklen Rahmen. Die etwa DIN A 3 große Ehren-Urkunde ist farbig gestaltet. Augenfälliger als der Text sind erst einmal die Abbildungen, die ihn flankieren. Am rechten Rand räkelt sich ein Schwan über einer fast nackten Putte - einer Kindergestalt, wie sie in der Malerei und bei Skulpturen vorkommt. Weiß und lachsfarben sind die Umhänge und das Kleid, die eine Dame mit Zupfinstrument und Haarkranz trägt. Die Frau füllt den linken Rand aus und dominiert.

Allem Anschein nach geht es um Musik. Das legt auch das Wörtchen Apollo nahe, das in einem grauen Band halbwegs gut lesbar eingelassen ist. In der griechisch-römischen Mythologie steht es unter anderem für den Gott der Künste und der Musik. Die Spur ist richtig, wie sich beim näheren Hinsehen bestätigt.

Die mehr als 110 Jahre alte Ehren-Urkunde, die gut erhalten ist, ging 1909 an den "Humoristischen Musik-Verein Fidelio Eschborn". Bei einem Wettstreit mit zehn Bewerbern ergatterte er den zweiten Platz. Bravo! 52 ¾ Punkte holten die Eschborner, die damals in Heddernheim antraten. Die Ehren-Urkunde ist eines von fast 60 Exponaten, mit denen Stadtarchivar Gerhard Raiss die aktuelle Ausstellung im Museum bestückt. Ins Auge fallen Hochzeitsbilder, Schulklassen, Gruppenaufnahmen von Vereinen, Fotos mit militärischem Bezug, aber eben auch Urkunden und Abbildungen ohne Menschen. Es gibt einen roten Faden, der alle verbindet: Irgendwann hatten sie ihr Plätzchen in den Stuben der Großeltern oder Urgroßeltern.

Stillhalten! Sonst war das Bild verwackelt

Das älteste Foto datiert von 1867 und zeigt den Gesangverein Vorwärts zum 25-jährigen Stiftungsfest. Das Ende des 19. Jahrhunderts und das erste Drittel des 20. Jahrhundert schlagen sich in der Ausstellung nieder. Zu den jüngeren Bildern zählt ein oval gerahmtes Hochzeitsfoto mit Karl Jung (1899 bis 1981), der 1928 eine Frau mit dem klangvollen Vornamen Blanka heiratete (geborene Kunz; 1908 bis 1971). Dies sei "Eschborner Uradel", sagt der Stadtarchivar, der das Motiv an einer Staffelei angebracht hat.

Es fällt auf, dass viele der Bilderrahmen Macken haben. Sie sind verkratzt, leicht gesplittert oder verschmutzt. Das ist kein Pfusch des Kurators, sondern Absicht. Er habe die Bilder, sofern möglich, in ihren Originalrahmen belassen, damit der ursprüngliche Charakter erhalten bleibt, verrät Raiss. Nur dort, wo die Rahmen modrig, mürbe oder instabil waren, hat er sie ausgetauscht. Das blieb die Ausnahme.

Viele Leute gucken wie versteinert in die Kameras, ernst, bewegungslos, frei von Mimik. Dafür gibt es gute Gründe, wie Raiss erläutert: "Fotografieren war damals mit sehr großem Aufwand verbunden. Die Fotoapparate waren große und unhandliche Kästen. Sie standen auf einem dreibeinigen Stativ." Der Fotograf stand hinter dem Gerät und verschwand unter einem schwarzen Tuch. "Die Belichtungszeit betrug meist einige Minuten", fügt der Historiker bei einer exklusiven Führung für die Kreisblatt-Reporter an. Es sei wichtig gewesen, dass die Personen stillhielten, "sonst war das Bild verwackelt". Raiss deutet auf ein Schulklassen-Bild und sagt: "Sehen Sie, dort ist gut erkennen, dass manche Schüler nicht ruhig standen und sie daher nur unscharf abgebildet sind." Da gab es daheim schon mal Krach mit den Eltern, wenn der Filius patzte. Ein Fotograf kam vielleicht einmal pro Jahr in die Schule, um die Kinder aufzunehmen. Tagelang vorher diskutierten die Familien über die passende Kleidung und die richtige Frisur. Raiss: "Vor allem die Mädchen wollten schön aussehen, wenn sie fotografiert werden."

Fotos und Fotografieren hatten damals einen ungleich höheren Stellenwert. Heutzutage zählt oft der schnelle Schnappschuss, der überstürzt mit jedem Mobiltelefon problemlos machbar ist. Husch, husch war damals nicht.

Pferde als Familienmitglieder

Wo es möglich war, hat der Chef des Museums dazugeschrieben, wer und was zu sehen ist. Manche ausführlichen Erläuterungen finden sich auf den Rückseiten. Doch einige Male musste selbst der extrem ortskundige und mit Spürsinn ausgestattete Raiss kapitulieren. Denn mitunter liefern die Nachfahren der Verstorbenen die Fotos ab, wissen aber nicht, wer abgebildet ist, weil sie es bei den Eltern oder Großeltern nie erfragt haben. Raiss' Bitte an Menschen lautet, dies schleunigst zu tun, solange noch Familienangehörige leben, die die alten Aufnahmen identifizieren können und die Namen abgebildeter Personen kennen. In der Ausstellung hängt ein Foto, das mit folgender Zeile versehen ist: "Angeblich ein Ehepaar Junghenn aus der Neugasse." Gewissheit sieht anders aus, aber immerhin.

Eine Aufnahme sticht hervor, weil sie ein Pferdegespann zeigt. Aber wer sind die Tiere? "Tut mir leid", bedauert der Stadtarchivar. "Ich weiß es nicht." Jemand habe sich das Bild einst daheim aufgehängt, sagt er. Pferde waren lebenswichtige Nutztiere und "einst wie Familienmitglieder", betont Gerhard Raiss. Er finde all "die Fotografien aus einer längst vergessenen Zeit faszinierend", resümiert er. Andreas Schick

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