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Sie fühlt sich wohl im Rathaus

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Von: Andreas Schick

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Die ehemalige Grünen-Fraktionschefin Bärbel Grade arbeitete bis Ende 2021 im IT-Bereich der GIZ. Seit dem 10. Januar hat sie als hauptamtliche Erste Stadträtin ihren Arbeitsplatz im Rathaus. Grade hat mehr als 300 Mitarbeiter unter sich. Ihre Amtszeit beträgt sechs Jahre.
Die ehemalige Grünen-Fraktionschefin Bärbel Grade arbeitete bis Ende 2021 im IT-Bereich der GIZ. Seit dem 10. Januar hat sie als hauptamtliche Erste Stadträtin ihren Arbeitsplatz im Rathaus. Grade hat mehr als 300 Mitarbeiter unter sich. Ihre Amtszeit beträgt sechs Jahre. © Knapp

Die Erste Stadträtin zieht eine 100-Tage-Bilanz. Dabei geht sie auch auf ihre "steile Lernkurve" ein.

Eschborn - Es war ein harter Schnitt, aber auch ein durchdachter Schritt: Im vergangenen Jahr hat sich die Grünen-Politikerin Bärbel Grade entschlossen, aus ihrer beruflichen Routine auszubrechen, die seit 30 Jahren gewohnte Tätigkeit bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufzugeben und ein Büro einige 100 Meter weiter in der Stadtmitte zu beziehen: Die Eschbornerin, die im Oktober 2021 mit den Stimmen der CDU/Grünen/FWE-Koalition zur Ersten Stadträtin gewählt worden war, hat ihren Posten an der Spitze der städtischen Verwaltung am 10. Januar angetreten.

Mehr als 100 Tage danach sagt sie, sie habe den Wechsel nicht bereut. Sie sei sehr offen aufgenommen worden und auf eine hilfsbereite Belegschaft getroffen. Sie sei "nirgendwo auf Vorbehalte gestoßen", schildert die Nummer 2 in der Rathaus-Hierarchie. Nur Bürgermeister Adnan Shaikh (CDU) steht über dem Neuling.

In der Vergangenheit erlebte die Verwaltung Spitzenduos, die so gar nicht harmonierten. Als beispielsweise Mathias Geiger (FDP) Bürgermeister und Grades Parteikollege Thomas Ebert Erster Stadtrat war, klemmte es gehörig. Die beiden verstanden sich nicht gut. Das blieb auch der Öffentlichkeit nicht verborgen und warf kein gutes Licht auf den Magistrat. Grade stellt mit Blick auf Adnan Shaikh heraus: "Wir können gut miteinander. Sonst hätte ich diese Aufgabe nicht übernommen." Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Der Bürgermeister und sie seien gelegentlich "unterschiedlicher Auffassung", räumt die ehemalige GIZ-Mitarbeiterin und frühere Stadtverordnete ein. Wenn es darauf ankommt, gehen sie letztlich aber "in dieselbe Richtung", hebt Grade hervor. Im entscheidenden Moment gilt es, eine gemeinsame Linie festzulegen, die sie nach außen vertreten. Auch die Zusammenarbeit innerhalb der 2021 formierten Dreier-Koalition funktioniere, auch wenn die Fraktionen "zuweilen miteinander ringen".

Sie unterschreibt mit Grün? Nein. Mit Rot!

Bärbel Grade freut sich über ein "bunt gefächertes, personalintensives und vielfältiges" Aufgabenfeld, das sie zu beackern hat. Sie ist Sozial-, Kinder- und Jugenddezernentin, hat die Umweltsparte und den Energiesektor unter sich. Aus dem Verkehrswesen hat der Bürgermeister ihr alle Belange rund ums Radfahren und die Fußgänger überlassen. Gerade bei der Nahmobilität in Eschborn sieht die Erste Stadträtin "noch viel Luft nach oben". Ortstermine mit Fachleuten und Bürgern seien hierbei besonders wichtig, "da sich Probleme, Verbesserungsvorschläge, Abwägungen und Umsetzungsplanungen dort oft besser besprechen lassen als beim alleinigen Blick auf Pläne und Dokumente". Demnächst soll es zum Beispiel einen Termin an der Götzenstraße geben. Apropos Schriftstücke. Grade lacht, wenn sie berichtet, dass die um Digitalisierung bemühte Verwaltung immer noch "sehr papierlastig" sei und sie sich auch wieder an ein Telefon auf dem Schreibtisch habe gewöhnen müssen. Abläufe, Formalien, Regeln und Menschen kennenlernen - dies prägte die ersten Monate. Bärbel Grade spricht von einer "steilen Lernkurve". Dazu gehört die banale Feststellung, dass sie Dokumente mit einer bestimmten Farbe abzeichnen müsse, um als Erste Stadträtin klar erkennbar zu sein. Schreibt sie mit einem grünen Farbstift? Das wäre mit ihrem Parteibuch naheliegend. Nein. "Rot", sagt sie, lacht wieder und wird dann ernst.

Der 24. Februar habe auch ihren Fokus verändert, erzählt die 1968 geborene Grade. Das war der Tag, an dem Russlands Militär das Nachbarland Ukraine überfallen hat. Dies habe einiges durcheinandergewirbelt. Plötzlich ging es darum, sich auf die Ankunft von Kriegsflüchtlingen vorzubereiten. Bisher seien 26 Kinder bis sieben Jahre angekommen, für die teilweise Anmeldungen in Eschborner Kinder-Betreuungseinrichtungen vorliegen (Stand: vor Ostern). Insgesamt seien es etwa 180 Flüchtlinge aus dem osteuropäischen Staat. Mit weiteren Neuankömmlingen aus der Ukraine ist zu rechnen. Grade sagt, sie habe kaum Hoffnung, dass der Krieg bald endet.

Andere Vorhaben sollen nicht unter die Räder geraten. Sehr am Herzen liegt es der Ex-Grünen-Fraktionschefin beispielsweise, die 2019 um einen Erweiterungsbau vergrößerte Grundschule Süd-West zur Ganztagsschule auszubauen. Da sei "noch einmal ein dickes Brett" zu bohren. Grade erwähnt auch die Umwandlung der früheren Baumschule (Fasanenweg 1) in einen Stadtgarten. Ideen dazu liegen auf dem Tisch.

Grade weiß: Die Zeit, die ihr zur Einarbeitung gewährt wird, neigt sich dem Ende entgegen. Die Erwartungshaltung wächst. Das scheint ihr nichts auszumachen. Grade wirkt zufrieden. Fühlt sie sich wohl auf ihrem neuen Posten im Rathaus? Sie antwortet, ohne zu zögern: "Ja."

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