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Wen erkennt man wieder - diese Frage stellen sich die alten Eschborner beim Betrachten der örtlichen SA-Truppe. Das Foto muss, so Stadtarchivar Raiss, in der Zeit vor 1936 gemacht worden sein. In diesem Jahr entstand anlässlich der Reichstagswahl das Foto der alten Schule (unten) in Niederhöchstadt. Diese beiden und einige weitere Bilder aus der NS-Zeit sind bei der aktuellen Sonderausstellung im Stadtmuseum zu sehen.

Dunkles Kapitel

Stadtmuseum zeigt erstmals Bilder und Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus

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Viele Dokumente und Fotos sind nach dem Krieg verbrannt worden. Trotzdem ist es dem Stadtarchivar gelungen, eine beachtenswerte Ausstellung zusammen zu stellen. Ein Buch soll folgen.

Gerhard Raiss hat im Stadtarchiv nicht übermäßig viel Material aus der Zeit des Nationalsozialismus gefunden, und er weiß auch warum. Am Kriegsende, erzählt der Stadtarchivar, seien die Verwaltungsakten vor dem Rathaus am Eschenplatz –- dem heutigen Vereinshaus also – mit Benzin übergossen und angezündet worden. Die Asche und unverbrannte Papierschnipsel wurden kurzerhand in den Westerbach gefegt. Wer das veranlasst hat, wird schon gewusst haben warum. Raiss weiß auch, dass in einigen Eschborner Familien noch Fotos aus diesen Jahren vorhanden sind. Für eine Ausstellung im Stadtmuseum zur Verfügung stellen will solche Bilder aber nicht jeder. Es ist manchen eher unangenehm, wenn man den Großvater mit der Hakenkreuzfahne durch den Ort laufen sieht. Ganz rational ist das nicht, keiner ist für die politischen Einstellungen seiner Vorfahren verantwortlich.

Raiss ist es trotzdem gelungen, eine interessante Ausstellung zur Eschborner Geschichte in den Jahren 1933 bis 1945 zusammenzustellen. Sie besteht aus Fotos und den unterschiedlichsten Dokumenten, die im Laufe der Jahre den Weg ins Stadtarchiv gefunden haben. Da ist viel Zufall dabei – so gibt es Unterlagen, die noch vorhanden sind, weil ihre Rückseiten als Notizblätter verwendet wurden.

Spannend sind solche Ausstellungen, weil die Exponate örtliche Einzelheiten betreffen, gleichzeitig aber typisch für den Zeitgeist sind oder mit großen politischen Zusammenhängen erklärbar sind. Das ist die Mitteilung eines überregionalen Geschäftsführers der Hitler-Jugend, dass er bei einer Fahrt durch Eschborn einen einheimischen 17-Jährigen um 21.30 Uhr auf der Straße angetroffen hatte. Das war doppelt verwerflich, erstens hatte man in dem Alter um diese Uhrzeit auf der Straße nichts zu suchen, und Rauchen war auch verboten. Der Schriftwechsel zeigt typisch, welchen bürokratischen Aufwand Diktaturen zu treiben pflegen. Der Jugendliche musste drei Mark Strafe zahlen, und Raiss nimmt an, dass sein Vater das übernahm. Er kennt nämlich den Namen, macht ihn aber nicht öffentlich.

Dass der Krieg vor kleinen Orten wie Eschborn nicht Halt machte, das zeigen Fotos von den Zerstörungen, die eine Luftmine im August 1942 anrichtete. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben, mehrere Häuser wurden zerstört. Spannend sind auch die Aufnahmen vom Flughafen – ein Luftbild zeigt, wie groß die Anlage nach dem Ausbau durch die amerikanische Besatzungsmacht war. Auf anderen Fotos sind die Lastensegler zu sehen, die die Reichswehr eingesetzt hatte. Da sehen die Bilder von der NS-Frauenschaft bei der Handarbeit eher idyllisch aus. Dahinter steckt aber durchaus das Bestreben der Nationalsozialisten, die gesamte Bevölkerung organisatorisch zu erfassen und auch jeden für Kriegszwecke nutzbar zu machen. Gerade die älteren Eschborner schauen sich diese Bilder sehr aufmerksam an, hat Raiss seit der Eröffnung der Ausstellung beobachtet. Und immer wieder bekommt er mit, dass Besucher zu ihrer eigenen Überraschung auch längst verstorbene Angehörige entdecken.

Manches ist zu finden, was aus heutiger Sicht eher skurril ist. So hat 1937 eine Pferdebeschaffungskommission nach deren Musterung eine Liste der in Eschborn verfügbaren Pferde angefertigt. Das zielte bereits auf deren Einsatz an der Front ab – dass dieser nicht lange auf sich warten lassen würden, war vielen Verantwortlichen zu dem Zeitpunkt schon klar. An den Sonntagen wird Stadtarchivar Raiss zumeist bei der Ausstellung ansprechbar sein, um solche Hintergründe zu erläutern.

Raiss musste mit dem Material auskommen, was er vorgefunden hat. Er plant, noch auszuarbeiten, was es in Nachbarkommunen wie Hattersheim und Hofheim schon gibt, eine gründliche Aufarbeitung der NS-Zeit im Ort, leicht kann daraus ein ganzes Buch werden. Und da ist weiteres Material durchaus willkommen.

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