Heinrich-von-Kleist-Schüler

Ein Zeichen gegen Antisemitismus

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Die Teilnehmer des Kurses „Darstellendes Spiel“ an der Heinrich-von-Kleist-Schule sorgen mit ihrer szenischen Darstellung des „Siebten Kreuzes“ für Gänsehaut.

Stumm stehen die sieben schwarz gekleideten Gestalten im Raum. Reglos warten sie, bis die vielen Besucher der Aufführung einen Platz gefunden haben. Etwas erhöht blicken drei Männer mit Stiefeln und Lederjacken auf die Szenerie. Dann plötzlich Hundebellen. Nebelschwaden ziehen durch den dunklen Raum. Hektisch laufen dunkle Gestalten gebückt durch die reglos Wartenden. Eine Trillerpfeife beendet das Treiben. Schüsse fallen. Einer der drei Aufseher geht herum und markiert die sieben Gestalten mit Kreuzen. Nur ein Kreuz bleibt abseits.

Es steht für Georg Heisler, Hauptfigur des Romans „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers, dem als einzigem von den sieben die Flucht aus dem KZ bei Worms gelungen ist. Dabei hatte der Lagerkommandant geschworen, jeden einzufangen und zu diesem Zweck sieben Bäume in Kreuzform vorbereitet, an denen sie gebunden werden sollen. In vielen Veranstaltungen der bundesweit größten Leseaktion „Frankfurt liest ein Buch“ wird das bekannte Werk der in Mainz geborenen Autorin zurzeit vorgetragen.

Zum vierten Mal ist auch Eschborns Heinrich-von-Kleist-Schule mit an Bord und hat mit den beiden Kursen „Darstellendes Spiel“ der Einführungsphase eine beeindruckende Theatercollage auf die Beine gestellt. Ernsthaft und beklemmend schafften es die Darsteller bei der Aufführung am Donnerstagabend, die Atmosphäre von Angst zu transportieren. Geräusche von anfahrenden Motoren, Hundegebell und Gewehrsalven stellen die bedrohliche Situation für den Geflüchteten und die Zurückgebrachten eindringlich dar. Zwischen szenisch dargestellten Handlungspunkten werden immer wieder kleine Absätze vorgelesen. Nur durch eine Jeansjacke, die er in der Romanvorlage gestohlen hat, und eine bei der Flucht verletzte, blutende Hand, unterscheidet sich Georg von den allesamt dunkel gekleideten Darstellern. Dass immer wieder ein anderer der 48 Schüler seine Rolle übernimmt, stört den Ablauf der Handlung nicht im Geringsten.

Am Anfang steht die Flucht aus dem KZ, dann das Versteck in der Kirche, verdeutlicht durch Kirchenglocken aus dem Lautsprecher. Der gescheiterte Versuch, sich bei seiner Freundin Leni zu verstecken, ist Inhalt einer Szene, genau wie die Diskussion zwischen Fluchthelfer Dr. Kress und dessen Frau, ob man sich wirklich der Gefahr aussetzen sollte, den Geflohenen aufzunehmen. Schließlich das Gelingen durch die Schifffahrt von Mainz Richtung Niederlande. Am Schluss sitzt Georg mit noch immer verwundeter Hand in einem Lokal. Hier wird das Schema der dunklen Kleidung durchbrochen.

Die rot-weiß gewürfelte Bluse der Kellnerin verdeutlicht, dass Georg gerettet ist. Mit Kerzen in der Hand verabschieden sich die Darsteller. Für die außerordentliche Leistung gibt es viel Beifall.

Ergriffen ist auch die Kulturreferentin der Stadt Eschborn, Johanna Kiesel, die das Projekt unterstützt hat und seit Jahren dafür sorgt, dass die Klassen der Gesamtschule durch jährliche Besuche von Theater- und Opernaufführungen an Kultur herangeführt werden. „In Frankfurt hat es viele Veranstaltungen zu dem Buch gegeben“, sagt sie. Heute habe sie aber die beeindruckendste Veranstaltung erleben können. Zum Dank gibt es von der Stadt ein Geldgeschenk für den Bereich „Darstellendes Spiel“ und für jeden einzelnen Darsteller noch einen Gutschein für einen Hamburger. Bei einem Probenwochenende, das die 15- und 16-Jährigen trotz sommerlicher Temperaturen auf sich genommen hatten, habe sie bemerkt, dass einige zwischendurch Hunger hatten, sagt die Kulturbeauftragte.

Wie sich die Schüler das Werk erarbeitet hatten, erzählt Antonia Nickel, neben Christiane Firsching eine der Spielleiterinnen, am Rande der Veranstaltung. Nach dem Lesen des Romans habe man gemeinsam Lieblingsszenen herausgefiltert und diese dann szenisch dargestellt.

Die Aufführung des Theaterstückes ist für die Kleist-Schüler gleichzeitig ein weiteres Zeichen gegen Antisemitismus und Intoleranz.

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