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Jürgen Huß (links) vom Team Taunus-Express aus Kelkheim ließ es sich nicht nehmen, nach Eschborn zu kommen.

Radrennen am 1. Mai abgesagt

Ein Zeichen für den Radsport

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Das traditionelle Rennen am 1. Mai wurde am Donnerstagabend abgesagt. Terrorgefahr stoppte die 54. Auflage des deutschen Klassikers „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“. Einige Radsportler ließen es sich gestern trotzdem nicht nehmen, in die Pedale zu treten – ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht.

Tristesse herrschte gestern früh um kurz nach acht auf dem Gelände vor den großen Möbelhäusern im Camp-Phönix-Park (Elly-Beinhorn-Straße). Wo sonst am 1. Mai um diese Zeit schon Volksfeststimmung ist, fanden sich lediglich einige Radfahrer und wenige Neugierige ein. Die Aussteller waren gar nicht erst gekommen, schon verschwunden oder noch mit dem Abbau beschäftigt. Dafür zeigte die Polizei mit einem ordentlichen Aufgebot Präsenz.

Nach und nach kamen aber doch immer mehr Radrennfahrer ins Radzentrum der Jedermänner vor Mann Mobilia. Die meisten wollten eigentlich an einer der vier Velotouren teilnehmen und ihren Anteil am neuen Teilnehmerrekord leisten. Doch dann kam am Donnerstagabend die schockierende Nachricht von der Absage der Rennen. Ganz kampflos wollten die Radfahrer das Feld in Eschborn aber doch nicht räumen. Über die sozialen Netzwerke hatten sie sich für 9 Uhr verabredet, um gemeinsam auf dem Rad mit einer spontanen Rundfahrt ein Zeichen gegen den Terror zu setzen.

Ein

Startschuss

fiel also doch noch am 1. Mai. In Absprache mit der Polizei schickte Bernd Moos-Achenbach mehr als 500 Radfahrer auf eine gemeinsame Rundfahrt. Später wurden es immer mehr. Dabei ging es nicht etwa um die schnellste Zeit, sondern vielmehr darum, Flagge zu zeigen und trotz der Absage auf das Rad zu steigen. „Lasst euch nicht unterkriegen wegen so einer Sch . . .“, fand Jöckel Scheffler, Chef der Radfahrer-Gruppe Guilty 76, deutliche Worte – aber erst, nachdem er alle Teilnehmer des inoffiziellen Radrennens aufgefordert hatte, die Straßenverkehrsordnung unbedingt zu beachten. Es sei wohl die größte „Fahrrad-Demo“ die es je gab, erklärte er übers Mikrofon.

Entsetzen, Wut, Ärger über die mutmaßlichen Terroristen, aber auch viel Verständnis für die Absage durch das Landeskriminalamt und den Veranstalter – das war der Tenor unter den Radfahrern in Eschborn. „Der Radsport und jedes andere Großereignis leiden darunter“, sagte Tindaro Orifici, der mit seinem Teamkollegen Maciej Stockrocki aus Königstein gekommen war. „Wir wollen die Fahnen hochhalten“, erklärte er. Mit der Rundfahrt wolle man die Solidarität zum Radrennen verdeutlichen.

Solidarität war gestern eines der großen Schlagworte. Bernd Moos-Achenbach war die Enttäuschung nach der Absage anzusehen. Doch je mehr Radfahrer es in Eschborn wurden, umso mehr hellte sich auch seine Miene auf. „Das ist ein super Zeichen“, sagte der Veranstalter.

Bis zum Donnerstagmittag sah es alles noch danach aus, als würde das Rennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ trotz der Festnahme der beiden Verdächtigen stattfinden. „Als dann aber Bernd Moos-Achenbach nach Wiesbaden gebeten wurde, bekamen wir schon ein ungutes Gefühl“, erzählte Michael Laabs, rechte Hand von Moos-Achenbach. Die Reaktionen der Teilnehmer empfand er als durchweg positiv, viele hätten großes Verständnis aufgebracht. „Alles, was man hört, sind fast schon Beileidsbekundungen“, berichtete Laabs. Die Radsportler, die sich gestern in Eschborn für die etwas über dreistündige Rundfahrt mit dem Ziel Opernplatz in Frankfurt einfanden, bewiesen eindrucksvoll Einigkeit in ihrer Haltung gegen den Terror. „Wir lassen uns das Rennen nicht kaputt machen“, sagte Ulrich Klein aus Kriftel.

In erster Reihe fuhr auch Charly Brech. Der Vorsitzende des RV Sossenheim besprach mit der Polizei die Richtlinien für die spontane Rundfahrt. Dabei machten die Radfahrer auch einen

Abstecher nach Oberursel

, wo es für alle Fahrer mit einer Startnummer sogar ein Bierchen gab. Für Charly Brech war es eine Ehrensache, am 1. Mai trotz der Absage auf dem Rad zu sitzen: „Sonst machen wir uns erpressbar. Wir wollen zeigen, dass wir trotzdem da sind. Wir stehen zum Radsport und gegen den Terrorismus.“

Im Radzentrum der Jedermänner, in Eschborn auf dem Rathausplatz (siehe Text unten), Bad Soden, Sulzbach, Eppstein und im gesamten Main-Taunus-Kreis hinterließ die Absage leere Plätze, wo sich sonst am 1. Mai viele Zuschauer tummeln, feiern und die vorbeifahrenden Sportler anfeuern.

Nicht nur der Ärger über die Absage und die bittere Erkenntnis, dass der Terror nun auch den Main-Taunus-Kreis erreicht hat, bleiben hängen. Viele Vereine und ehrenamtliche Helfer stecken monatelang viel Herzblut in die Vorbereitungen. Ganz abgesehen davon, dass für etliche Vereine die Bewirtung am 1. Mai eine hübsche Summe in die Vereinskasse spült.

Den 1. Mai 2015 hatten sich auch die Radrennfahrer des RV Sossenheim ganz anders vorgestellt. „Die Enttäuschung, dass das Radrennen ausfällt, ist natürlich extrem groß“, sagte der Sportliche Leiter Dirk Schlosser. Einige Fahrer reihten sich in die spontane Rundfahrt ein, andere nahmen an einem Rennen in der Pfalz teil. Einige hätten aber auch Angst gehabt, „verständlicherweise“, berichtete Schlosser. Für viele der Sossenheimer Fahrer wäre es „ihr größtes Event bisher gewesen“, erzählte Schlosser. „Es ist sehr bitter, dass wegen zwei Leuten so eine Veranstaltung abgesagt werden muss.“ Eine handvoll Sossenheimer U 23-Fahrer nutzte den gestrigen Tag dann doch noch, um eine Trainingsrunde durch den Taunus und nach Frankfurt zurückzulegen.

Auf eine

Trainingseinheit

musste sich auch Radprofi Cesare Benedetti beschränken. Der Fahrer vom Team Bora konnte seinen Rückflug nach Italien – im Gegensatz zu einigen Teamkollegen – nicht mehr umbuchen. Er blieb bis heute im Hotel und ging gestern noch einmal alleine auf die Strecke. Dort dürfte er zahlreiche andere Radfahrer getroffen haben. Denn nicht nur die Teilnehmer an der spontanen Rundfahrt setzten ein Zeichen. Immer wieder waren gestern Hobby-Radfahrer zwischen Frankfurt und dem Taunus zu sehen. Der 1. Mai war ja schon immer ihr Festtag – auch wenn’s diesmal nichts zu feiern gab.

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