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In seinem Heimat-Wahllokal in der Albert-Schweitzer-Schule in Okriftel gab gestern Vormittag der Europa-Abgeordnete Michael Gahler (CDU) seine Stimme ab. Wahlhelferdienst hatten dort Hedwig Bender, Rolf Robatzek, Johanna Herzog und Sara Göttlicher (von links). Gahler zitterte um sein Mandat, weil auch die Resultate aus anderen Bundesländern eine Rolle spielen. Das Ergebnis aus Rheinland-Pfalz stand um Mitternacht noch nicht endgültig fest.

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Europawahl: Zitterpartie für Abgeordneten Michael Gahler

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Die Union verliert im Main-Taunus-Kreis an Boden, bleibt aber stärkste Kraft. Die SPD kommt schwer unter die Räder, die Grünen triumphieren. Die AfD kann nicht zulegen.

Main-Taunus - Auf dem knapp ein Meter langen Wahlzettel, auf dem die Bürger in Hessen gestern ihre Kreuzchen machten, hatte Michael Gahler (CDU) einen Sonnenplatz inne. Denn die Union war stärkste Kraft der Europawahl 2014 und stand deswegen als Wahlvorschlag Nummer 1 ganz oben. Der EU-Abgeordnete Gahler aus dem Hattersheimer Stadtteil Okriftel tauchte als zweiter Mann der CDU-Landesliste gleich nach dem Spitzenkandidaten Sven Simon auf. 370 Namen aus 39 anderen Listen folgten hinter Gahler, der seine Partei, den Main-Taunus-Kreis und Hessen seit 1999 in Brüssel und Straßburg vertritt. Was auf dem Papier so schön aussah, war aber längst keine klare Sache für den Außen-, Sicherheits- und Verteidigungsexperten, der Vize in der überparteilichen Paneuropa-Union ist und 2018 eine EU-Wahlbeobachter-Kommission im asiatischen Pakistan leitete.

"Authentisch bleiben"

Als das Kreisblatt gegen 20.40 Uhr erstmals mit dem Christdemokraten telefonierte, stand Gahlers Wiedereinzug ins EU-Parlament auf der Kippe. Schon früh meldeten die Statistiker bundesweit spürbare Verluste für die Union, die im MTK immer noch stärkste Partei ist. Während die SPD auch im Main-Taunus-Kreis dramatisch verlor, legten die Grünen dort um 12,2 Punkte zu und wurden sogar in der einstigen CDU-Hochburg Eschborn mit hauchdünnem Vorsprung stärkste Partei vor der Union ( siehe Tabelle mit allen MTK-Ergebnissen unten).

Der Wahlkampf sei "sehr auf den Klimaschutz konzentriert" gewesen, analysierte Michael Gahler. Dies sei den Grünen zugute gekommen. Die Union hat das Thema nach Gahlers Worten "nicht vernachlässigt", aber "nicht kommuniziert, was sie geleistet hat". Zu Zeiten, in denen wirtschaftliches Handeln und Arbeitslosigkeit stärker im Brennpunkt standen, habe die CDU davon profitiert, dass die Menschen ihr bei diesen Themen mehr Kompetenz zuschreiben als anderen Parteien. Erfreut stellte der Europa-Abgeordnete fest, dass die Wahlbeteiligung deutlich stieg. Die Menschen hätten verstanden, dass gewisse Problemstellungen "nur auf europäischer Ebene" zu lösen seien, etwa Fragen des Klimaschutzes, der Migration, des Handels und der Sicherheit.

Der scheidende EU-Abgeordnete Thomas Mann (CDU, Schwalbach) sagte, das gewachsene Interesse sei "ein gutes Zeichen", auch wenn die Wahlstimmen "nicht ganz bei der CDU gelandet" seien. Gahler und Mann äußerten übereinstimmend, dass die Union sich überlegen müsse, wie sie mit dem geänderten Kommunikationsverhalten der Menschen und den sozialen Medien umgehe. Dies zeigte der hilflose Umgang der Partei mit dem Video "Die Zerstörung der CDU" des umstrittenen Youtubers Rezo.

Die Grünen-Kreisvorsitzende Gianina Zimmermann begründete den Zuwachs ihrer Partei damit, dass diese den Vorsatz "Global denken, lokal handeln" gut umsetze. Sie ermahnte sich und ihre Parteifreunde, "nicht noch mehr und noch höher" zu streben, sondern "so weitermachen wie bisher". Zimmermann: "Wir müssen authentisch bleiben und unser Konzept durchziehen." Dann bleibe die Partei erfolgreich. War Klimaschutz das entscheidende Thema? "Auf jeden Fall", antwortete die Grünen-Chefin.

FDP als "kleiner Gewinner"

Lange Gesichter gab es bei der SPD im Main-Taunus-Kreis nach dem Absturz. Die Schwalbacher Landtagsabgeordnete Nancy Faeser, eine der führenden Köpfe der Hessen-SPD, war gestern Abend aber nicht für eine Stellungnahme zur Main-Taunus-Situation erreichbar.

Für die FDP-Bundestagsabgeordnete Bettina Stark-Watzinger (Bad Soden) ergab sich am späten Sonntagabend "ein gemischtes Bild". Sie sei froh, "dass wir uns verbessert haben", und bezeichnete ihre Partei als "kleinen Gewinner". Stark-Watzinger wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, ob es für den hessischen FDP-Kandidaten Thorsten Lieb für ein Abgeordnetenmandat reichen wird. Sie erkannte eine "Schlagseite" hin zu den Wahlkampfthemen Klima- und Umweltschutz: "Der Zuwachs für die Grünen hat damit zu tun."

Ein Rechtsruck blieb im MTK aus. Die europakritische- bis -feindliche AfD behielt zwar ungefähr ihre Stimmenzahl, sackte aber prozentual ab. "Es zeigt sich, dass die AfD nicht das Ergebnis bekommen hat, das sie erhofft hatte", stellte Stark-Watzinger zufrieden fest. Obwohl rechtspopulistische Kräfte europaweit zulegten, sei die Balance in der EU nicht aus der Schieflage geraten. Europafreundliche Parteien bilden immer noch den mit Abstand stärksten Block.

Bei Redaktionsschluss um kurz nach Mitternacht war unklar, ob es der 59 Jahre alte Gahler mit Ach und Krach packt oder ob er aus dem EU-Parlament fliegt. Er sei zuversichtlich, dass es langt, sagte er um 0.05 Uhr.

Kommentar von Kajo Schmidt

Wählen ist wichtig. Das ist die erfreulichste Botschaft, die die Mehrheit der Bürger in Europa, in Deutschland und im Main-Taunus-Kreis ausgesendet hat. Im MTK, der als Nachbar der Europastadt Frankfurt im Huckepackverfahren von der Europäischen Union profitiert, fiel dieses Signal noch klarer aus. Hier war die Wahlbeteiligung größer als im Bund. Internationalität ist im MTK gelebte Praxis. Aber machen wir uns nichts vor: Mobilisiert wurden die Wähler von den Europa-Hassern in Großbritannien, die jetzt vor ihrem hausgemachten Brexit-Chaos stehen. Wer will denn sowas? Aufgeweckt wurden die Wähler aber auch von den Europa-Befürwortern von "Pulse of Europe" und von jenen Schülern, die freitags für Klima und Umwelt die Schule schwänzen.

Kajo Schmidt

Abgesehen davon haben die Wähler entschieden: Die CDU bleibt im MTK, überzeugender als im Bund, die tragende politische Kraft. Die SPD kommt zurzeit, egal bei welcher Wahl, aus ihrem Jammertal nicht heraus. Die AfD hat an Zuspruch eingebüßt. Und die Grünen sind im Dauer-Höhenflug - mit der Schülerbewegung "Fridays for Future" als Superantrieb. Das alles hat also mit den Leistungen unserer Kommunalpolitiker nichts zu tun, signalisiert aber, dass das schwarz-grüne Bündnis (derzeit noch mit FDP-Beteiligung) auf Kreis-Ebene voll im Trend liegt.

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