80jähriger beim Frankfurt Marathon

Der ewige Läufer

Man mag es kaum glauben: Horst Jendrasch, langjähriges Mitglied der TuS Hornau, wird heute 80 Jahre alt. Seine Laufschuhe zieht der agile Senior noch jeden Tag an.

Auf dem Balkon türmen sich die Joggingschuhe, daneben ein großer Korb mit Laufkleidung. Für den dicken Urkundenstapel tut’s noch ein großer Umschlag, aber die unzähligen Medaillen mussten in den Keller umziehen; nur die aktuellsten Exemplare bewahrt Horst Jendrasch in einem Schuhkarton in der Wohnung auf. Immerhin kann er auf eine 43-jährige Läuferkarriere zurückblicken, und die Bilanz ist wirklich beeindruckend – festgehalten in einer akribischen Buchhaltung. Denn fein säuberlich hat er von 1973 an alle Trainings- und Wettkampfkilometer handschriftlich notiert.

Seine Bestzeiten stellte er in den 80er Jahren auf, so zum Beispiel die mehr als respektablen 2:59 Stunden beim Marathon in Höchst. „Einmal hatte mich halt der Ehrgeiz gepackt“, freut er sich heute noch.

Entsprechend hoch fielen damals auch die Trainingsumfänge aus: 1985 waren es 3557 Kilometer, sein persönlicher „Rekord“. Bis heute ist er insgesamt rund 96 000 Kilometer gelaufen, darunter allein 135 Marathons, drei 80 Kilometer-Läufe und 40 Läufe über sage und schreibe 100 Kilometer. „Das war zuletzt 2013, bei den Bieler Lauftagen, aber damals habe ich meiner Frau versprochen, diese Distanz nicht mehr zu absolvieren, da sie Angst um mich hatte, und als braver Ehemann richtet man sich ja danach“, schmunzelt er.

Sein Laufhobby habe sie zwar nie geteilt, aber Interesse an seinen sportlichen Aktivitäten, das war da, früher war sie bei Wettbewerben auch mit dabei. Seit längerem allerdings muss sie nach einem Schlaganfall intensiv gepflegt werden, was Horst Jendrasch komplett alleine stemmt. Für ihn selbstverständlich, nicht zuletzt, weil sie ihm immer viel Freiraum ließ: „Als wir vor 55 Jahren geheiratet haben, habe ich ihr gleich gesagt, dass der Sonntagmittag mir gehört, denn da bin ich als Schiedsrichter unterwegs.“

Bis er 28 Jahre alt war, spielte er Fußball und wechselte dann die Seiten: „Bis heute pfeife ich bis zur A-Jugend, da kann ich noch ohne Schwierigkeiten mithalten und laufe fleißig mit.“ Unglaubliche 52 Jahre ist er nun aktiver Schiedsrichter, Mitglied beim TuS Hornau ist er seit 1973. „Die Abteilung ,Volkslauf / Wandern’ habe ich 1977 mit gegründet und sie dann elf Jahre lang geleitet. Heute bin ich noch im Ältestenrat und engagiere mich bei allen Veranstaltungen. Denn entweder man hat einen Verein oder man hat keinen, und wenn man einen hat, dann ist man automatisch auch mit dabei.“

Ständig in Bewegung zu sein, war bereits Teil seines Berufs. Als Postzusteller in Kelkheim – „es gibt hier fast kein Haus, in dem ich nicht drin war“ – hatte er um 14 Uhr Feierabend und danach Zeit fürs Training; damals locker 250 Kilometer monatlich. Früher wie heute fühlt er sich dabei putzmunter: „Zwar machen meine Augen ein wenig Kummer, aber ich brauche weder Arzt noch Medikamente, mache nur alle zwei Jahre einen internistischen Check.“ Und wenn es mal zwickt, macht Horst halt langsamer. Aber ein bisschen was muss er tun, natürlich auch bei schlechtem Wetter. „Heute laufe ich etwa drei- bis viermal pro Woche, jeweils nach Lust und Laune rund zehn bis fünfzehn Kilometer durch den Wald in Richtung Schneidhain, Schloßborn, Ruppertshain, gerne auch mit vielen Steigungen.“ Klar, habe das Tempo nachgelassen, aber für den Hausgebrauch reicht es noch, und die Ausdauer ist eben noch da. Wichtig sei, dass man immer gesund und munter sowohl das Ziel als auch das Zuhause erreicht. Zeit und Platzierung sind ihm inzwischen egal, denn „ich lauf’ ja für mich und nicht für die anderen“.

Dass ihn seine Füße immer nach Hause getragen haben, ist auch seinen Laufschuhen zu verdanken. Ganz stolz zeigt der Sportveteran ein hellblaues Paar, das ihn seit unglaublichen 30 Jahren begleitet. Da wundert es nicht, dass er insgesamt nur etwa 20 Paar Schuhe verschlissen hat. Von den aktuell vier Exemplaren ist eines speziell für Wettkämpfe reserviert. Dieses Jahr war er ja bereits bei einigen Laufveranstaltungen in der Region mit dabei, darunter dem Kreisstadtlauf des Höchster Kreisblatts, den er in 1:33,46 Stunden mit dem zweiten Platz in der Altersklasse M80 abschließen konnte.

Und natürlich steht auch der Frankfurt Marathon wieder dick im Terminkalender. Trägt er doch seit etlichen Jahren mit der 157 eine „ewige“ Startnummer, eine Ehre, die nur wenigen zuteil wird. Immerhin ist er inzwischen der einzige Läufer, der alle bisherigen 34 Marathons in Frankfurt bestritten hat. 33 davon hat er auch regelgerecht „gefinished“, nur letztes Jahr sorgte er kurzzeitig für Irritationen, da er zum Schluss abkürzen musste. „Ich konnte zuvor leider nicht so trainieren, wie ich wollte, daher blieb mir keine Wahl, um die Veranstalter im Ziel nicht so lange warten zu lassen.“ Aber wenn er weiter gesund bleibe, stehe er im Oktober beim 35. Marathon auf jeden Fall wieder an der Startlinie.

Dazu passt auch sein Lebensmotto: „Alles nicht so ernst nehmen – und nicht so kompliziert machen. Es gibt so viele Probleme im Leben, aber 90 Prozent klären sich von ganz alleine. Bei neun Prozent helfen wir ein bisschen nach, und bei einem Prozent gucken wir drüber hinweg“, erklärt er mit verschmitzter Weisheit. Vor allen Dingen rät er, in jeder Lebenslage die Ruhe zu bewahren, „denn wenn man nervös wird, macht man Fehler, die vorher nicht passiert wären“.

Seinen heutigen 80. Geburtstag will er erst in drei Wochen mit Familie und Freunden feiern, selbstverständlich im Sportlerheim der TuS. Zuvor aber legt er quasi noch ein Trainingslager im Schwarzwald ein und bestreitet in Egelsbach einen Halbmarathon. Wenn er sich etwas wünschen könnte, dann würde er gerne irgendwann mal beim Laufen plötzlich tot umfallen. Allerdings bitteschön mitten im Wald, „denn bei einem Wettbewerb möchte ich das dem Veranstalter nicht zumuten.“ Und dabei lacht er übers ganze Gesicht.

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