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Der Fährmann gibt das Ruder ab

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Von: Holger Vonhof

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Er geht nicht ganz, sondern rückt nur in die zweite Reihe: Rudolf Kollath, im Vogelsberg geboren, gelernter Matrose und gelernter Höchster, stand seit 1. Januar 1992 am Ruder.
Er geht nicht ganz, sondern rückt nur in die zweite Reihe: Rudolf Kollath, im Vogelsberg geboren, gelernter Matrose und gelernter Höchster, stand seit 1. Januar 1992 am Ruder. © Maik Reuß (Maik Reuß)

Heute gibt es um 16 Uhr Trubel an der Höchster Fähranlegestelle: Käpt’n Kollath übergibt die „Walter Kolb“ offiziell an seinen Nachfolger Sven Junghans.

Es ist kein Abschied für immer, aber das Ende einer Ära: Heute wird Rudolf Kollath seine letzte Fahrt als „Käpt’n“ auf der Höchster Mainfähre antreten. 66 Lenze hat der Seebär, ein gelernter Matrose, nun auf dem Buckel – und immer noch die Kimm klar im Blick. Er liebt seinen Job, den Kontakt mit den Menschen, den Plausch auf der kurzen Überfahrt zwischen dem Höchster und dem Schwanheimer Mainufer. Wenn er heute an seinen langjährigen 2. Mann Sven Junghans übergibt, ist das nicht der Rückzug aufs Rentnerbänkchen. Rudolf Kollath hat noch einiges vor, wird Höchst auch verbunden bleiben. Am Ufer stehen und die Möwen füttern wird er in seinem Ruhestand ganz sicher nicht. „Das ist nicht mein Ding“, sagt Kollath.

Mehr als 23 Jahre hat er das Ruder auf der Höchster Fähre, der letzten im Frankfurter Stadtgebiet, in Händen gehabt. Es war ein immerwährender Kampf gegen schwere See. Mit der Fertigstellung der Leunabrücke wollte die Stadt Frankfurt die Fähre eigentlich einstellen; Kollath, die Höchster Bürger und auch das Höchster Kreisblatt kämpften um ihren Erhalt. Mit Erfolg: Die alte Gierseilfähre wurde durch die moderne, 18,36 Meter lange, 33 Tonnen schwere und 190 PS starke Motorfähre ersetzt. Die Kreisblatt-Leser durften in einem Wettbewerb den Namen wählen und entschieden sich für „Walter Kolb“, weil der Nachkriegs-Oberbürgermeister in Sichtweite im Bolongaropalast gewohnt und sich als erster in Amtsunion als Dezernent um den Frankfurter Westen gekümmert hatte. Doch großes Geld einfahren konnte man mit der „Walter Kolb“ nie, zumal sie mit dem Wechsel keine Auto-, sondern „nur“ noch Fußgänger- und Radfahrer-Fähre war. An Sommertagen herrscht Andrang, wenn Hunderte Radler unterwegs sind; im Winter kommen manchmal nur vereinzelt Spaziergänger oder Menschen aus Schwanheim, die zum Höchster Markt wollen.

Zur Marke gemacht

Kollath hat Ideen entwickelt; er hat die Höchster Fähre zu einer echten Marke gemacht, und auch aus touristischen Gründen ist sie aus Höchst nicht mehr wegzudenken. Vielleicht 50 Mal pendelt sie am Tag zwischen beiden Ufern; am Wochenende können es auch mal 120 Fahrten sein. Zurückverfolgen lässt sich die Geschichte der Höchster Fähre bis zum Jahr 1623. An „Bandenwerbung“, wie Rudi Kollath sie einführte, war damals nicht zu denken. Heute können Firmen auf Back- und Steuerbordseite werben und damit ihre Verbundenheit zu Höchst demonstrieren. Im vergangenen Jahr hat Kollath am eher umsatzschwachen Mittwoch die nachmittäglichen Sommer-Fahrten zur Okrifteler Uferbar eingeführt: Dann ruht der reguläre Pendelverkehr, und es von Höchst geht mit Zwischenstopp in Kelsterbach zum Beachclub in Okriftel, bis weit in den Abend hinein. Für Abendfahrten nach dem regulären Fährbetrieb zum Lichtermeer der Frankfurter Skyline ist die Fähre schon länger buchbar – ab 20 Personen. Dann geht es mit Musik und bei kühlen Getränken den Fluss hinauf. Wer will, kann einen Live-Unterhalter oder eine kleine Band mitnehmen – auf seine kleine, familiäre Riverboat-Shuffle. Für Schulklassen oder Kindergarten-Gruppen hat Kollath für den Mittwochvormittag von Mai bis September Schleusen-Fahrten im Angebot.

Dafür hat Kollath eigens das Schutzdach der Fähre verlängern und für böige Schauer eine Rundum-Persenning anbringen lassen, die zugezogen werden kann und bei Bedarf vor Wind und Wetter schützt. Beim Bootsbau Speck ist die Fähre seinerzeit in nur acht Wochen gebaut worden, als die alte Gierseilfähre wegen technischer Mängel aus dem Verkehr gezogen werden musste, und der Betrieb am Schwanheimer Mainufer ist noch immer Kollaths Werkstatt des Vertrauens, etwa „zwischen den Jahren“, wenn die Fähre aufgeslippt und überholt wird. Es kommt hin und wieder vor, dass Treibgut die Schraube oder das Ruderlager beschädigt. Sogar ein Sofa hatte Kollath schon in der Schraube.

Zurück aufs Wasser

Mit „Moin, Moin“ begrüßt Kollath gern seine Fahrgäste; er war lange in Ostfriesland. Als Matrose ist er in der Welt herumgekommen, hat 1972 dann die patente für die Rhein-Main-Mosel-Schifffahrt erworben. Dann ging er an Land und wurde Schreiner. Eines Tages fragte ihn ein alter Bekannter, ob er nicht wieder aufs Wasser gehen wollte: Kollath sagte zu und übernahm die Höchster Fähre. In Krisenzeiten stand ihm auch die Bürgervereinigung Höchster Altstadt bei. Heute um 16 Uhr werden zu Kollaths Abschied zahlreiche Freunde und Weggefährten erwartet, auch vom Ortsbeirat, der ab 17 Uhr im Bolongaropalast tagt, wollen Vertreter vorbeischauen. Kommen wird auch Gabi Dehmer, scheidende Chefin des Straßen- und Brückenbauamts. Denn offiziell ist die Höchster Fähre in den Augen der Stadt eine „schwimmende Brücke“. Dem Straßenbauamt war Kollath unterstellt – als Querungsmöglichkeit bei Flusskilometer 24,83. Bis 1996 war die „Walter Kolb“ eine städtische Fähre, dann wurde Kollath in die Selbstständigkeit entlassen.

Kollath wird mit Wehmut vom Steuerruder zurücktreten, aber er setzt auf Sven Junghans, Spross einer Schifferfamilie. Ihm wird er „immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ wünschen. Vielleicht wird Kollath jetzt mehr Zeit für seine Lebensgefährtin, seine Tochter und sein Hobby, das Motorradfahren, haben. Auf jeden Fall wäre Kollath nicht Kollath, wenn er nicht heute an lässlich seines Abschieds für die Stiftung Leberecht unserer Zeitung sammeln würde: Die Wutz steht auf der Fähre bereit und freut sich, gemästet zu werden.

Infos: (0 69) 30 34 86

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