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Fischbacher Doppelmord: Der Fall "Mundo" brodelt weiter

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Die dreiteilige Fernsehdokumentation zum Fischbacher Doppelmörder ist Anfang der Woche gelaufen. Er kommt bei Mundos Unterstützern nicht so gut weg.

Nach Ausstrahlung der dreiteiligen NDR-„True Crime“-Dokumentation über den Kelkheimer „Fall Mundo“ () stellen sich nach wie vor Fragen. Für die deutschen Ermittler und den Profiler Stephan Harbort ist Markus Mundo, der hartnäckig seine Unschuld beteuert, eindeutig der Mörder von Vater und Bruder. Seine wenigen Wegbegleiter äußern sich allerdings skeptisch und pochen auf die Überprüfung weiterer, gegebenenfalls entlastender Indizien. „Eine Verurteilung von Herrn Mundo hätte vor dem Hintergrund des Grundsatzes ,in dubio pro reo‘ nicht stattfinden dürfen“, argumentiert seiner Berliner Anwalt Christoph Grabitz und strebt eine Wiederaufnahme des Verfahrens an.

„Die Anwendung der Regel ,Im Zweifel für den Angeklagten‘ setzt voraus, dass man Zweifel hat“, meint Klaus Drescher. Als Richter der 21. Strafkammer am Landgericht Frankfurt hat er nach einem Indizienprozess 2013 über Markus Mundo das Urteil gesprochen: lebenslänglich, aufgrund des Doppelmordes auch „mit besonderer Schwere der Schuld“. Zweifel, die Grabitz bewusst säen will, auch wenn er sich im Kampf David gegen Goliath sieht: „Als Verteidiger in der Wiederaufnahme habe ich nur einen Auftrag: Ich muss Salz in die Wunde streuen. Vermeintliche ,Beweise‘ auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen, Widersprüche rausarbeiten, nach neuen Beweisen Ausschau halten. Denn die Indizien, die gegen eine Täterschaft Markus Mundos sprechen, wurden aus meiner Sicht konsequent ausgeblendet.“

Als inzwischen vierter Anwalt von Mundo hat sich der 33-Jährige in den Fall verbissen: „Es ist eine Binsenweisheit, dass es bei Tötungsdelikten und bestreitenden Mandanten auf die Verteidigung im Ermittlungsverfahren ankommt. Die erste Verteidigerin war mit der Schwere der Vorwürfe überfordert, und Mundo hat den Ernst der Lage viel zu spät erkannt. Ein Kollege aus Berlin, der ihn zuletzt verteidigt hat, ist verstorben. Nun bleibe ich eben am Ball und sammle Beweise, denn meiner Meinung nach beruht das Urteil weitestgehend auf Mutmaßungen.“ Für seine Arbeit wird Grabitz aber nicht mehr bezahlt; bis auf weiteres rechnet er nicht damit, ein Honorar zu bekommen. Ein Engagement, in das er viel Idealismus reinsteckt – und in dem er seine Chance sieht.

Einseitig oder differenziert?

Doch Zweifel haben selbst ihn begleitet, auch wenn er sich im Laufe der Zeit dafür entschieden hat, Mundo und dessen Unschuldsbeteuerung zu glauben: „Ich bin niemals dazu angetreten, mich zum Richter über meinen eigenen Mandanten aufzuschwingen. Ich versuche, mich an die Fakten zu halten, und werde meinen Mandanten, so gut mir dies möglich ist, auch weiterhin unterstützen.“ Seine Kritik gilt nicht zuletzt dem Urteil: „Zur Verurteilung eines Menschen wegen Doppelmordes bedarf es stichhaltiger Beweise. Diese haben wir in diesem Fall nicht, wie selbst die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei einräumen. Indizien reichen nur dann aus, wenn sie eine in sich geschlossene Indizienkette bilden, die nur einen Schluss zulässt: dass der Beschuldigte der Täter war. Wir haben aber weder Tatwaffe noch Tatort, Fingerabdrücke oder DNA, die Markus Mundo als Täter überführen.“ Er geht noch weiter: „Wenn ein psychiatrischer Gutachter zu dem Ergebnis käme, dass Mundo nicht den – geradezu krankhaft manipulativen – Charakter hat, der ihm vom Landgericht Frankfurt bescheinigt wurde, dann würde das gesamte Urteil wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.“

Deutlich wird nach der Ausstrahlung des NDR-Formats, dass weder Christoph Grabitz noch Josef Seidl, Vorsitzender des Vereins „Monte Christo“, der sich für Justizopfer einsetzt und dafür plädiert, dass transparenter ermittelt und Urteilsfindungen nachvollziehbarer sein müssen, mit der Arbeit der Filmemacher einverstanden sind. Ihrer Meinung nach wurde zu einseitig berichtet und – entlastenden – Indizien keinen Raum gegeben. „Ich hätte gerne eine ausgewogenere Darstellung des Falls gesehen“, ärgert sich Seidl – wie auch über den eindeutigen Schluss, den Profiler Harbort im Film zieht. Den will Grabitz ebenfalls differenzierter interpretiert sehen: „Eine runde Story braucht drei Typen von Personen: the good, the bad and the ugly. Welche Rolle Markus Mundo in dem Plot des NDR eingenommen hat, mag jeder Zuschauer für sich entscheiden.“

Die Vorgehensweise von Harbort hat auch Klaus Drescher aufmerksam verfolgt. „Um ein Täterprofil zu erstellen, müssen viele Dinge berücksichtigt werden. Unter anderem die Frage, wer überhaupt ein Motiv hat, und das kam in diesem Filmbeitrag erst ganz zum Schluss“ sagt er. „Wir hatten uns damals natürlich ebenfalls damit auseinandergesetzt, ob es einen möglichen anderen Täter oder Mittäter gibt. Wir sind uns aber sicher, dass Mundo der Täter ist und die Leichen nach der unerwarteten Geschwindigkeitskontrolle in Frankreich dort schnellstmöglich loswerden wollte“, betont der Richter. „Inzwischen haben ja auch, soweit ich weiß, die französischen Behörden ihre diesbezüglichen Ermittlungen eingestellt.“

Im Laufe des Prozesses, der sich von September 2012 bis April 2013 hinzog, konnte sich Drescher ein gutes Bild des Angeklagten machen: „Man nimmt alle Angeklagten in ihrer jeweils speziellen Art und Weise wahr, und da muss man dann berücksichtigen, ob das für die Bewertung der Tat eine Rolle spielt. Wie in der Doku schon geäußert, halten wir Mundo für relativ manipulativ, denn so haben wir ihn damals erlebt. Und der Filmbeitrag jetzt hat dies ja ebenfalls gezeigt. Da es zwei Leichen gibt, steigt die Schuldschwere, und dem ist beim Urteil mit der ,besonderen Schwere der Schuld‘ Rechnung getragen worden.“ Mundo kann also nicht nach 15 Jahren, sondern erst später aus der Haft entlassen werden.

Sensibler bei Kapitalverbrechen

Die genaue Mindestverbüßungsdauer wird nach etwa zehn bis zwölf Jahren festgelegt, bei der sowohl das ursprüngliche Urteil als auch das Verhalten des Verurteilten während der Haftzeit zugrunde gelegt werden. Ob nach Verbüßung dieser Haftzeit dann die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, hängt von der dann zu erstellenden Sozial- und Gefährlichkeitsprognose ab, zu der auch ein Gutachten eines Sachverständigen eingeholt wird. „Gerade bei Kapitaldelikten ist man hinsichtlich einer Gefährlichkeitsprognose und einer Wiederholungsgefahr wesentlich sensibler, eine Strafe zur Bewährung auszusetzen“, erklärt der Richter – der die Bemühungen um eine Wiederaufnahme des Verfahrens nicht kommentieren mag.

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