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Der gesamte Einzelhandel hat sich in die Flörsheimer Kolonnaden zurückgezogen. Archivfoto: Hans Nietner

150 Jahre

Belebung der Altstadt steht für Handwerker- und Gewerbeverein ganz oben

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In vergangenen Jahrzehnten hielt sich der Handwerker- und Gewerbeverein mit Leistungsschauen und Straßenfesten im Bewusstsein der Flörsheimer. Mittlerweile ist der Zusammenschluss weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er kann jedoch auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Vor 150 Jahren organisierten sich Geschäftsleute erstmals im Verein. Dr. Bernd Blisch ließ die Geschichte im Rahmen der Jubiläumsfeier Revue passieren.

Es war eine völlig andere Zeit: Als der Flörsheimer Handwerker- und Gewerbeverein (HGV) im Jahr 1868 seine Arbeit aufnahm, zählte Flörsheim gerade einmal 2300 Einwohner, die zu 93 Prozent katholisch waren. Der größte Betrieb am Ort war die Flörsheimer Fayence Fabrik, die bis heute in den drei „F“ im Stadtwappen verewigt ist. Diese Steingutfabrik des Wilhelm Dienst hatte in den 1860er Jahren bereits eine hundertjährige Geschichte in der Mainstadt. Für überörtliche Bekanntheit sorgte außerdem der Kurbetrieb in Bad Weilbach. Ansonsten prägten Landwirtschaft, Weinbau, Handwerksbetriebe und die Arbeit mit dem Main das wirtschaftliche Leben.

Das Klima, in dem die Idee für den HGV heranreifte, war eine Zeit politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen. Bernd Blisch erinnert an den preußisch-österreichischen Krieg, der 1866 dazu führte, dass der Verlobte Tag wegen der Kriegswirren in Flörsheim vom 28. Juli auf den letzten Montag im August verlegt wurde. Für die Situation der Handwerker von größerer Bedeutung war jedoch die Aufhebung des Zunftzwangs zu Beginn des 19. Jahrhunderts und eine Flut neuer Fabriken.

Nachdem der Schutz durch die Zünfte aufgehoben war, boten Vereine die Möglichkeit einer Interessenvertretung gegenüber Politik und Fabrikbetreibern. Beispiele für die

Industrielle Revolution

in der Region waren die 1862 beginnende Nähmaschinenproduktion des Adam Opel in Rüsselsheim sowie die Anfänge der Höchster Rotfabrik im Jahr 1863. Außerdem entstand 1864 die Zementfabrik des Wilhelm Dyckerhoff in Amöneburg bei Wiesbaden. Wie Bernd Blisch berichtet, kam es vor diesem Hintergrund zu einer Verunsicherung der kleinen Betriebe und Handwerker, die um ihre Gesellen fürchteten.

In Flörsheim gründete sich der Handwerker- und Gewerbeverein 1868 unter dem Vorsitz des Maurermeisters Kaspar Schuhmacher. Sein Stellvertreter war der damalige Bürgermeister Franz Anton Schleidt. Der Betreiber der Fayence Fabrik, Wilhelm Dienst, übernahm den Posten eines Beisitzers. Als konkreten Anlass für die Vereinsgründung nennt Blisch die Einrichtung einer Zeichenschule für Jugendliche. Der Verein sei unter anderem dazu da gewesen, die Lehrer dieser Flörsheimer Zeichenschule zu finanzieren. Auf Betreiben von Wilhelm Dienst wurden die Fortbildungsvorträge der Zeichenlehrer ab 1897 auch dem Gewerbe in den Nachbarorten Wicker und Weilbach angeboten. Im Kurhaus von Bad Weilbach richtete der Verein einen Kurs für Handarbeit ein.

Fortschrittlich präsentierte sich der HGV nicht nur bei der Überschreitung von Ortsgrenzen: Im Jahr 1902 rief der Verein außerdem eine Pensionskasse für Handwerker ins Leben, die es Hinterbliebenen ermöglichte, nach dem Tod des Ernährers eine zusätzliche kleine Pension zu erhalten.

Im späteren Verlauf der Kaiserzeit setzte sich der Handwerker- und Gewerbeverein dafür ein, dass Flörsheim einen

Stromanschluss

erhielt. Die Handwerker benötigten dringend die Energieversorgung, um die neuen Elektromotoren zu betreiben.

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde der Verein aufgelöst. Er feierte seine Rückkehr mit einer Neugründung im Jahr 1949, die von einer großen Leistungsschau begleitet wurde. Die öffentlichen Leistungsschauen blieben ein wichtiges Element der Vereinsarbeit in den folgenden Jahrzehnten. Nach und nach entwickelten sich die Vorführungen zu zweitägigen Straßenfesten, die ein ganzes Wochenende einnahmen. Als einen Höhepunkt nennt Bernd Blisch die Sperrung der Flörsheimer Innenstadt für ein Straßenfest im Jahr 2004.

In den vergangenen Jahren zeichnete sich die Belebung und Erhaltung der Geschäftswelt rund um die Flörsheimer Altstadt als größte Herausforderung ab. Mehrere alteingesessene Geschäftstreibende gaben ihre Ladenlokale auf. „Bei aller Freude an Eventkultur – die Altstadt sollte nicht nur an einem Wochenende belebt werden“, betont Blisch, der Anfang November den Posten des Bürgermeisters übernimmt. Dann kann er sich selbst diesem Thema widmen. Dem Vorsitzenden des HGV, Willi Lauck, sprach er mit seiner Sichtweise sicherlich aus der Seele.

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