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So schön kann Kunst sein: Das Archiv-Bild zeigt die von Graffiti-Künstlern bemalten Säulen des Studentenhaus der Goethe Universität am Campus in Frankfurt-Bockenheim.

Warum Graffitis nicht nur Malereien, sondern zugleich Meinungsäußerungen sind

Bemalung als Schutz gegen Bemalung

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Das Thema ist umstritten: Soll Sprayern, die vor allem auf öffentlichen Gebäuden und Anlagen ihre Zeichnungen hinterlassen, eine Möglichkeit geboten werden, auf einer dafür vorgesehenen Fläche ihre Kunst zu zeigen? Die Freien Bürger (dfb) haben einen entsprechenden Antrag zur nächsten Stadtverordnetenversammlung gestellt.

So viel steht fest: Auf die Frage, wie man am besten mit Graffiti-Malereien im öffentlichen Raum umgeht, gibt es keine einfache Antwort. Schließlich geht es dabei auch um die ganz subjektive Frage, wo Kunst beginnt und wo Schmiererei endet. Nicht jeder empfindet einen aufwendig gestalteten bunten Schriftzug als Ärgernis. Einfacher lässt sich hingegen klären, wann und wo eine Malerei als legal oder illegal einzustufen ist. Doch dies hilft nicht wirklich, das Problem wilder Schriftzüge und Bilder in den Griff zu bekommen. Von Verboten lassen sich die Sprayer mit ihren Farbdosen jedenfalls nicht stoppen. Die Freien Bürger sehen eine Lösung in der Einrichtung von Freiflächen, auf denen Graffitis erlaubt werden. Die Fraktion stellt für die kommende Stadtverordnetenversammlung den Antrag, dass der Magistrat gemeinsam mit Jugendarbeiter Markus Singer prüfen soll, welche Flächen dafür geeignet sind.Die Antragsteller bezeichnen Graffiti als Kunst- und Ausdrucksform, die den Künstlern eine Möglichkeit zur Meinungsäußerung biete. Der öffentliche Raum werde jedoch vermehrt durch anspruchslose Graffiti verunstaltet. Es komme zu Sachbeschädigungen an der städtischen Infrastruktur. Dies möchten die Freien Bürger durch die Ausweisung legaler Flächen abstellen. Sie schlagen auch vor, Gespräche mit der Telekom aufzunehmen, um Graffiti auf deren Verteilerkästen zu erlauben. Ob sich die ärgerlichsten Auswüchse von unerlaubten Schmierereien damit eindämmen lassen, ist jedoch fragwürdig.

Markus Singer von der Mobilen Jugendberatung erklärt auf Nachfrage des Kreisblatts zunächst, dass ihm Graffiti in Flörsheim nicht als Problem bekannt sei. Der Diplompädagoge macht jedoch einen Unterschied: Hin und wieder komme es zu „Tagging“, und dies sei höchst ärgerlich, berichtet Singer. „Taggen“ ist ein Fachbegriff aus der Graffiti-Sprache, der für das Hinterlassen eines Buchstaben-Kürzels verwendet wird. Mit Farbdose oder Filzstift malt jemand seine Signatur. Der Ausdruck kommt vom englischen Begriff „tag“ für ein Etikett oder eine Markierung. Diese Kürzel können als Unterschrift unter einem größeren Werk auftauchen – oft werden sie jedoch einfach an möglichst vielen Stellen an Wände geschmiert. „Tags“ finde man unter anderem an Laternen und Bushaltestellen im Stadtgebiet, erklärt Markus Singer. „Das ist nicht das, was man unter Graffiti versteht“, betont der Pädagoge. Deshalb glaube er auch nicht, dass sich die Urheber solcher Signaturen von legalen Graffiti-Flächen lenken lassen. Mit öffentlichen Freiflächen erreiche man diejenigen, die sich künstlerisch ausdrücken wollen. Wer „tagge“, der verfolge hingegen das Ziel, sein Revier zu markieren, sagt der Chef der Mobilen Beratung Flörsheim.

Trotzdem hält Markus Singer, die Schaffung legal bemalter Flächen für eine gute Idee: Der beste Schutz gegen Bemalung sei Bemalung, erklärt der Jugendarbeiter. Er verweist auf den „Ehrenkodex“ vieler Graffiti-Künstler, der es verbiete, gestaltete Wände zu übermalen. Als Beispiel nennt der den Weinprobierstand am Maindamm, der von einem Graffiti-Maler gestaltet wurde. Andere Möglichkeiten der Bemalung sind genauso denkbar. Singer verweist auf Beispiele aus Kriftel und Hofheim, wo Kinder Verteilerkästen in einer Ferienspielaktion bemalten. „Man muss nur die Toleranz entwickeln, Kinderkunst im öffentlichen Raum zu zeigen“, sagt der Diplompädagoge. Ein ähnliches Beispiel in Flörsheim ist die Unterführung, die von der Hochheimer Straße zur Stadthalle führt. Diese wurde schon vor Jahren von Ferienspielteilnehmern bemalt. Weitere geeignete Flächen gebe es durchaus, findet Martin Singer. Er nennt er die Wand gegenüber des Güterschuppens am Flörsheimer Bahnhof oder das Toilettenhäuschen im Christian-Georg-Schütz-Park. Auf beiden Flächen haben bisher nur die „Tagger“ zugeschlagen.

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