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Seine Haft in der Türkei erregte großes Aufsehen. Jetzt sprach der Journalist Deniz Yücel in seiner Heimatstadt Flörsheim zum Tag der Deutschen Einheit.

Flörsheimer Rede

Deniz Yücel appelliert an die Einhaltung von Recht und Freiheit

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Deniz Yücel zu Besuch beim Bürgerempfang in Flörsheim: In seiner Heimatstadt hielt der Journalist einen Festvortrag zum Thema „Deutschland schmeckt nicht mehr wie früher, Westdeutsche, Türkdeutsche und die Sache mit der Einheit“.

Ein Jahr lang saß Deniz Yücel ohne Verurteilung in türkischer Gefangenschaft. Den quälenden Monaten der Abschottung konnte der Journalist gestern aber sogar etwas Positives abgewinnen. Es falle schwer – aber wenn seine Verhaftung dazu beitrage, dass Menschen erkennen, wie wichtig die Pressefreiheit ist, wenn seine Haft zu Einheit, Freiheit und Recht beitrage, dann könne er sagen: „Doch, das war es wert.“

Deniz Yücel kehrte mit einer langen Festrede zum Tag der Deutschen Einheit in seine Heimatstadt Flörsheim zurück. In der Kommune, in der Menschen im Vorjahr mit Mahnwachen für seine Freilassung demonstrierten, sprach der 45-Jährige beim städtischen Bürgerempfang. Das Interesse an Yücels Rückkehr war so groß, dass die Stadt eine Trennwand in der Stadthalle entfernte, um weitere Sitzplätze zu schaffen.

Am Anfang stand der Dank: „Dass ich heute zu Ihnen sprechen darf, ist auch ihr Verdienst“, erklärte der Gastredner den Flörsheimern. Den Teilnehmern der regelmäßigen Protestversammlungen versicherte er, dass sich ihr Einsatz gelohnt habe. „Ja, es hat etwas genutzt“, betonte Yücel. Die Unterstützung aus Flörsheim habe ihm viel Kraft gegeben, und er sei sich sicher, dass das Engagement der Zivilgesellschaft auch auf die Bemühungen der Bundesregierung wirkte.

Durch seine Haft sei er so türkisch geworden wie nie zuvor, erzählte der Reporter, der in Istanbul wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda festgenommen wurde. Gleichzeitig habe ihn der Gefängnisaufenthalt aber auch deutscher gemacht, als er es je gedacht hätte. Yücel verwies auf Gespräche mit einem Zellengenossen aus der Untersuchungshaft, in denen es um die unterschiedlichen Verfassungen in Deutschland und der Türkei ging. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, habe er bei solchen Gelegenheiten aus dem ersten Artikel des Grundgesetzes zitiert.

Vor dem Hintergrund seiner Erlebnisse und in Abgrenzung zum türkischen Regime lieferte Deniz Yücel eine persönliche Sichtweise zum Tag der Deutschen Einheit. „Einheit alleine ist wertlos“, mahnte der mittlerweile deutschlandweit bekannte Journalist. „Sie hat nur einen Wert, wenn sie mit Freiheit und Recht einhergeht.“ Zur Feier des Tages der Deutschen Einheit am 3. Oktober, vertrat Yücel eine kontroverse Sichtweise: Das Datum sei, seiner Ansicht nach, nicht die glücklichste Wahl. Wenn er zurückdenke, könne er sich nicht daran, erinnern, was er am 3. Oktober 1990 überhaupt gemacht habe, so Yücel, der den Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 als „Triumph der friedlichen Revolution“ bevorzugt. Dass der 9. November mit der Reichspogromnacht zusammenfällt, sah der 45-Jährige nicht als Hindernis. Man könne nicht über Deutschland reden, ohne sich auch an diesen Teil der Geschichte zu erinnern.

Deniz Yücel zeichnete ein Bild der Spannungen im Zusammenleben von Deutschen und Zuwanderern, das er von der Wiedervereinigung bis in die Gegenwart ausmalte. Der Journalist erinnerte an Übergriffe von Neonazis und Brandanschläge Anfang der 90er Jahre und kritisierte die Reaktion der damaligen Regierung unter Helmut Kohl. Wenn sich Präsident Erdogan heute als Vertreter der Türken in Deutschland aufspielen könne, sei dies zum Teil auf Versäumnisse aus der damaligen Zeit zurückzuführen. Während der Fußball-WM im Jahr 2006 sei ein Wandel erkennbar gewesen, als sich viele Deutschtürken mit dem sportlichen Erfolg identifizierten. Yücel bezeichnete die „kalte Abweisung“ der Türkei durch die EU jedoch als ungenutzte historische Chance.

Im Erstarken der AfD sowie der Diskussion um Fußballer Mesut Özil könne man derzeit Rückschritte in Sachen Integration und Rassismus erkennen, räumte Deniz Yücel ein. Dass dies nicht das ganze Bild sei, belege aus seiner Sicht jedoch die Popularität von Politikern wie Cem Özdemir (Grüne). Die Frontlinie erstrecke sich deshalb nicht zwischen Ost und West oder zwischen Deutschen und Einwanderern. Die Front verlaufe zwischen denen, die für eine offene Gesellschaft einstehen und jenen, die diese verachten. „Die Welt ist keine Streichholzschachtel“, erklärte Yücel. Wer seine Welt auf diese Größe reduzieren wolle, der solle dasselbe nicht von anderen erwarten.

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