Bernd Zürn möchte an einem ehrenamtlichen Arbeitseinsatz im Ausland teilnehmen. Archiv-FOTO: Nietner
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Bernd Zürn möchte an einem ehrenamtlichen Arbeitseinsatz im Ausland teilnehmen. Archiv-FOTO: Nietner

Porträt

Flörsheim: Arbeitseinsatz in einer unbekannten Stadt

Warum ein Naturschützer trotz Lokführer-Streik über Berlin nach Lettland reisen möchte.

Weilbach -"Wo, bitteschön, liegt Jekabpils?" - so beginnt eine Geschichte, die von dem bekannten, wie manchmal auch umstrittenen, Umweltschützer Bernd Zürn aus Weilbach nun bald neu geschrieben wird. Denn er möchte ein ihm noch unbekanntes Land bereisen und dort eine sinnvolle Arbeit verrichten. Doch was sollen die einleitenden Worte bedeuten? Bernd Zürn erklärt es in einem Schreiben, das sein neues Abenteuer skizziert. "Jetzt mal ehrlich: Wissen Sie, wo Jekabpils liegt? Nein? Bis vor ein paar Wochen wusste ich es auch noch nicht." Und dabei sei diese kleine Stadt mit rund 24 000 Einwohnern sogar etwas größer als Flörsheim. Dass diese Stadt in Flörsheim fast niemand kennen würde, liege sicher daran, dass sie weit entfernt liegt. Nämlich in Lettland. An dem Fluss Düna. Das seien - von Flörsheim aus gerechnet - gut rund 1250 Kilometer Luftlinie in Richtung Nordosten. "Von Jekabpils bis Sankt Petersburg sind es nur noch 500, bis Moskau 750 Kilometer Luftlinie", hat Bern Zürn recherchiert.

Wechselvolle Geschichte

Das Baltikum - dazu gehört außer Estland und Litauen noch Lettland - war bekanntlich seit vielen Jahrhunderten ein Spielball für seine mächtigen Nachbarstaaten. Bernd Zürn erklärt weiter: "Im Jahre 1201 errichtete ein Bremer Bischof einen Amtssitz und Stützpunkt für deutsche Kaufleute in Riga, der heutigen Hauptstadt von Lettland. Mitglied der Hanse seit dem Jahr 1282, ab 1582 polnisch, später schwedisch und dann, fast 200 Jahre lang, russisch bis 1918 und, nach kurzer Selbständigkeit, von 1945 bis 1991 ein Teil der Sowjetunion. Seit August 1991 ist Lettland ein eigenständiger Staat. Mitglied in der EU und der Eurozone ist er seit dem Jahr 2004." Für den Weilbacher "Ab-und-an-Weltenbummler" ist das Letztere vorteilhaft, kann er in Lettland doch ohne Probleme mit Euros zahlen.

So groß wie Bayern

Doch weiter geht es erst einmal mit den einleitenden Fakten, die der über 84-Jährige, den man auch für einen 70-Jährigen halten könnte, zu seinem Reiseziel zusammengetragen hat. "Die Nachbarn von Lettland sind Estland, Russland, Weißrussland und Litauen. Lettland hat ungefähr die Größe von Bayern und knapp zwei Millionen Einwohner. Tendenz: Seit Jahren sinkend", hat der Weilbacher in Erfahrung gebracht. Die häufigen und tiefgreifenden Eingriffe durch andere Mächte seien heute noch deutlich spürbar. Besonders stark sei der fast 700 Jahre dort beherrschende Einfluss der Deutschen. Aber auch russische Spuren finde man überall: Jeder vierte Lette habe russische Vorfahren.

Doch was sucht der leidenschaftliche Radfahrer und Umweltschützer in Lettland? Ein Naturschutzprojekt? Das Absolvieren einer ungewöhnlichen und langen Radtour? Nein, das alles ist nicht Sinn und Zweck der Reise von Bernd Zürn in den Baltikum-Staat. Der Weilbacher erklärt seine Motivation für diese beschwerliche Reise. Der Grund liegt viele Jahrzehnte zurück und hat mit einstigen kriegerischen Auseinandersetzungen zu tun, die auch deutsche Soldaten betraf.

Freiwillige pflegen Gräber

Bernd Zürn beantwortet die Frage präzise wie immer: "Weshalb ich mich zurzeit so intensiv mit Lettland beschäftige? Nun, ich werde dort die kommenden beiden Wochen verbringen. In der Stadt Jekabpils. In alten Karten steht oft noch der deutsche Name: Jakobstadt. In dieser Region fanden im Ersten Weltkrieg große Gefechte zwischen Russen und Deutschen statt. Dabei fielen Unmengen junger Männer. Ihre Gräber auf Soldatenfriedhöfen bestehen zum Teil heute noch. In einem wenig pietätvollen Zustand. Das zu ändern, hat sich der ,Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge' vorgenommen. Mit der Hilfe von Freiwilligen. Für einen solchen zweiwöchigen Arbeitseinsatz habe ich mich gemeldet. Am 3. September geht es los." Mit dem Zug will Bernd Zürn über Berlin nach Frankfurt/Oder fahren - trotz Lokführer-Streik. Ein Bus der Bundeswehr bringt die Freiwilligen dann, mit einer Zwischenübernachtung in Masuren, nach Jekabpils. "Ich bin gespannt, was uns dort erwartet", sagte der Weilbacher gestern vor Reiseantritt. meh

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