Es sieht nicht nur gefährlich aus, es ist es auch: Bernd Zürn bei der Besteigung der höchsten deutschen Eisenbahnbrücke aus Stahl.
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Es sieht nicht nur gefährlich aus, es ist es auch: Bernd Zürn bei der Besteigung der höchsten deutschen Eisenbahnbrücke aus Stahl.

Porträt

Flörsheim: Bedrohliche Geräusche in großer Höhe

Ein Weilbacher erzählt, wie er auf der Müngstener Brücke über der Wupper kletterte.

Weilbach -Er ist in ganz Deutschland und im Ausland unterwegs, oft mit dem Fahrrad. Bernd Zürn (83), der vor seiner Pensionierung als Lehrer arbeitete, gilt bei manchen Zeitgenossen als unbequem. Der Weilbacher vertritt seine Meinung konsequent, auch wenn dies nicht jedem passt. Doch etwas zeichnet Bernd Zürn aus, das für über 80-Jährige eine Seltenheit ist: Er sucht immer noch nach Abenteuern. So wie zum Beispiel bei einer Brückenbesteigung. Über die berichtet Bernd Zürn:

"Mit ,Hallo, ich bin der Jörg und werde euch heute gut zwei Stunden lang führen' stellte sich uns ein offensichtlich gut trainierter junger Mann vor. Zuvor hatte er jedem von uns ein mehrere Kilo schweres Gewirr aus Seilen, Schlaufen, Gurten und Haken aller Art in die Hand gedrückt. Jörg nannte es Sicherheitsgeschirr. Außerdem bekamen alle einen Schutzhelm und ein kleines Funkgerät. Wir, eine Gruppe von 15 Interessenten, hatten uns für ein Abenteuer angemeldet, das offensichtlich nicht ganz ohne war.

Sinnloses, teures Nervenkitzel?

Etwas nachdenklich stimmte mich der Hinweis, dass ,Uhren, Schmuck, Handys sowie alles, was vom Körper abfallen könnte', jetzt in einem Schließfach zu deponieren seien. Auch die Tatsache, dass ich der mit Abstand älteste Teilnehmer war, hätte mich eigentlich warnen sollen. Gegen 11.30 Uhr marschierte unsere Gruppe endlich los. Auf einem schmalen Waldweg ging es am rechten Ufer der Wupper leicht bergan. Nach rund zehn Minuten hatten wir das Ziel erreicht: 465 Meter lang und 107 Meter hoch erhob sich die Müngstener Brücke über uns. Dieses herausragende Denkmal europäischer Ingenieurskunst ist immer noch die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Durch sie verkürzte sich der Schienenweg zwischen Solingen und Remscheid von 42 auf nur noch acht Kilometer. In den Jahren 1893 bis 1897 wurden hier 5100 Tonnen Stahlteile eingesetzt und durch rund 950 000 Nieten miteinander verbunden. Sechs Arbeiter verloren beim Bau der Brücke ihr Leben.

Über ein großes Baugerüst erreichten wir den Treppenaufgang. Der darf normalerweise nur von den Bauarbeitern und Inspektoren benutzt werden. Ab hier mussten wir einen Karabinerhaken in ein stählernes Sicherungsseil einklinken. Daraus rauszukommen, so Jörgs Hinweis, sei erst ganz am Ende der Tour möglich. ,Aus Sicherheitsgründen', so seine Begründung. Treppensteigen ist für mich normalerweise kein Problem. Normalerweise. Das hier war etwas anderes. Zum einen mussten wir unsere warme und wasserdichte Kleidung und das Sicherheitsgeschirr mitschleppen. Zum zweiten waren beide Hände ständig im Einsatz: Die linke Hand am Geländer, die rechte musste den Sicherungshaken mitführen und alle paar Meter durch eine Halterung ziehen.

Über 700 Stufen vom Erdboden entfernt

Mit jeder der rund 700 Stufen wurde der Abstand zum Erdboden sichtlich größer. Wir hatten noch nicht die halbe Brückenhöhe erreicht, als ein kalter böiger Wind durch die Eisenträger wehte und ein leichter Regen einsetzte. Dazu kam plötzlich ein bedrohliches Geräusch. Von oben: Ein Triebwagen überquerte die Brücke. Das war auch an den leichten Vibrationen zu spüren. Alles in allem: Keine vergnügungssteuerpflichtige Situation. Und wir waren erst in rund 50 Metern Höhe. Umkehr? Zu spät! Also weiter! Allerdings mit schwachen Knien. Die Stufen schienen endlos zu sein. ,Bald', hörte ich Jörg aus dem Funkgerät, ,haben wir die oberste Plattform in 100 Metern Höhe erreicht. Wer will, kann jetzt den Weg über einen schmalen Eisenträger nehmen. Die anderen halten sich rechts.' Ich entschied mich für rechts. Zusammen mit einer Frau mittleren Alters. Alle anderen balancierten - gut gesichert - über einen 20 Zentimeter breiten und sieben Meter langen Eisenträger auf die andere Brückenseite. Der Rückweg war nicht weniger beschwerlich als der Aufstieg. Tröstlich: Bisher war ja alles gut gegangen. Dort angekommen, umarmte ich den nächsten Baum: Geschafft! Die Erde hat mich wieder. Ob ich diese Tour noch mal machen würde? Eher nein." red/meh

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