Johannes Heger, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, gab Einblicke zur Gebietsreform 1971/72. FOTO: kröner
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Johannes Heger, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, gab Einblicke zur Gebietsreform 1971/72.

Politik

Flörsheim: "Die Bürger waren bei der Reform nicht gefragt"

Die Botschaft beim Empfang zum 3. Oktober lautete: Gebietsfusionen müssten heute anders organisiert werden als vor 50 Jahren.

Flörsheim -Anlass für den Bürgerempfang der Stadt ist der Tag der Deutschen Einheit. Dabei ging es gestern auch inhaltlich um einen Zusammenschluss - allerdings stand nicht die deutsche Wiedervereinigung von 1989/90 im Mittelpunkt, sondern die Neuordnung Hessens vor 50 Jahren. Gastredner Johannes Heger, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, blickte auf die Gebietsreform der Jahre 1971/72 zurück.

Mehrere Fahnen schmückten die Bühne - darunter nicht nur das Flörsheimer Schiff, sondern auch die Farben und Wappen von Wicker und Weilbach. Alle drei Stadtteile nebeneinander, das geht auf die Entwicklungen während der Gebietsreform zurück. 2642 Städte und Gemeinde sei damals durch Zusammenschlüsse auf 423 geschrumpft, berichtete Heger. Nach der Reform existierten noch 16 Prozent der vorherigen Gebietskörperschaften.

Das Projekt "Perspektive Hessen 1980" habe leistungsfähigere Einheiten zum Ziel gehabt. "Es ging um die Zukunft", so Heger. Gleichzeitig aber auch um Macht und politische Mehrheiten. Der Weg zum Reformziel sei kein leichter gewesen. Der Chef des Städte- und Gemeindebundes verwies auf eine "schwierige Zeit" mit - aus heutiger Sicht - ungewohnten Gepflogenheiten: "Die Bürger wurden gerade nicht gefragt", so Heger. Es sei über viele Köpfe hinweg entschieden und mit der Androhung von Zwangszusammenschlüssen gearbeitet worden. Manche, etwa die Verbindung von Gießen und Wetzlar zur kreisfreien Stadt Lahn, seien nachträglich von der Landesregierung zurückgenommen worden.

"Wir würden heute einen anderen Weg gehen", erklärte Heger. Freiwilligkeit und Überzeugungsarbeit seien die Gebote des Hessischen Städte- und Gemeindebunds. Dennoch seien die Ziele der Gebietsreform weitgehend erreicht worden - die Mehrheit der Zusammenschlüsse habe funktioniert: "Aller Anfang ist schwer."

Flörsheims Bürgermeister Bernd Blisch mahnte an, nicht die Menschen hinter den Beschlüssen zu vergessen. Zwei Akteure, die den Zusammenschluss Flörsheims mit Wicker und Weilbach voran trieben, waren gestern anwesend: der damalige Weilbacher Bürgermeister Norbert Hegmann und der frühere Flörsheimer Verhandlungsführer Mathäus Lauck. Blisch erinnerte daran, dass Weilbach zu Beginn der Gebietsreform in die Nähe Hattersheims gerückt wurde, während für Wicker Nachbar Hochheim im Gespräch war. "Alle mit einem historischen Bewusstsein waren überrascht über diese Zuordnung."

Zum Abschluss des Empfangs, der musikalisch von einer Bläsergruppe des Flörsheimer Musikvereins eingerahmt wurde, sprach Stadtverordnetenvorsteher Michael Kröhle über politische Meinungsfreiheit. Widerstände gegen die Gebietsreform habe es damals auf der örtlichen Ebene gegeben. Die letztendlich gute Lösung sei möglich geworden, weil sich bessere Argumente durchsetzten. Ein Denken über die eigene Blase hinaus sei auch heute wichtig. Viel zu oft setze sich eine "Empörungskultur" anstelle einer "Meinungskultur" durch. sas

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