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Flörsheim: Einst verbrannte er Fraport-Broschüren

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Nach mehr als drei Jahrzehnten in Flörsheim geht der evangelische Pfarrer Martin Hanauer nun in den Ruhestand. FOTO: EDK
Nach mehr als drei Jahrzehnten in Flörsheim geht der evangelische Pfarrer Martin Hanauer nun in den Ruhestand. © EKD

Pfarrer Martin Hanauer engagierte sich stets überkonfessionell für die Menschen sowie für die Ökumene.

Flörsheim -Vor 35 Jahren begann Pfarrer Martin Hanauer mit seiner Ordination den Dienst in der evangelischen Kirchengemeinde Flörsheim. Da war er frisch aus dem Ausland zurück, nach einem Spezialvikariat bei den Waldensern in Pomaretto bei Turin . Martin Hanauer zog gemeinsam mit seiner Frau und ihren drei Kindern in das Pfarrhaus in der Erzbergerstraße ein. Die junge Familie begann, mehr Angebote für Kinder und Jugendliche zu initiieren. Als Mutter und Pfarrfrau engagierte sich Karin Hanauer bei vielen Projekten in der Gemeinde. Sie gründete den Eltern-Kind-Treff „Spatzennest“, mit zwei pädagogisch betreuten Gruppen, den sie koordiniert. Gemeinsam intensivierten sie den Kindergottesdienst, organisierten Freizeiten für Familien.

„Als wir hier her kamen, gab es nur wenig ehrenamtliches Engagement, keinen Gemeindebrief mehr und nur wenige Kindergottesdienste. Wir knüpften Kontakte zu anderen jungen Familien und daraus entstand eine neue Generation Eltern, die mitmachen wollten. Dadurch kam es auch zu einem Wechsel im Kirchenvorstand“, erläutert Martin Hanauer. „Wir hatten zum Beispiel einen Kindersachen-Basar mit einem riesigen Team, das dabei geholfen hat. Haben Kinder-Kirchentage mit dem Dekanat veranstaltet. Daraus ist auch eine lebendige Jugendarbeit entstanden, die Corona überlebt hat. Aber die Generation der Familien hat inzwischen leider gewechselt“, berichtet der Theologe weiter. Nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien half der stets sozial engagierte Pfarrer Hanauer mit, Spendenaktionen und Hilfstransporte in die Kriegsregion zu organisieren. Danach wurden weiterhin Möbel gespendet. Daraus entstand erst ein Möbel-Flohmarkt im Gemeindehaus und dann die ökumenische Möbelkammer mit monatlichem Verkaufstag. „Ich habe jahrelang mit meinem privaten Bus Möbel bei den Leuten abgeholt. Aber irgendwann ging das so nicht mehr. Also habe ich das Diakonische Werk gefragt, ob sie das Projekt übernehmen wollen.“ Daraus entstand im Jahr 2009 das Sozialkaufhaus „Tisch und Teller“ an der Liebigstraße mit einem Beschäftigungsprogramm für Langzeitarbeitslose.

Wesentlich war für ihn und seine Frau immer die diakonische Verantwortung, die gelebte Nächstenliebe. Gemeinsam mit dem Kirchenvorstand und weiteren Flörsheimern kämpften sie gegen die Erweiterung des Frankfurter Flughafens. „Erst war es stiller Protest, dann hängten wir ein Banner an den Kirchturm „Der Himmel gehört nicht Fraport“. Ich habe mit Rückendeckung des Kirchenvorstands auch eine Fraport-Werbebroschüre öffentlich verbrannt“, berichtet Martin Hanauer. Damit machte er sich nicht nur Freunde und musste viel Gegenwind aushalten. „Aber manchmal muss man eben unbequem sein“, erklärt er. „Bei Beerdigungen ist der Lärm oft unerträglich, wenn die Flugzeuge in nur 250 Metern Höhe über die Gräber fliegen. Wir haben außerdem bei unserer Landeskirche dazu Gutachten bewirkt. Im theologischen Gutachten wurde immerhin festgehalten, dass Lärm Religion stört“, erzählt Pfarrer Hanauer.

Diakonische Arbeit finde in seiner Kirchengemeinde auch im Hintergrund statt. „Ich beschäftige zum Beispiel Menschen, die straffällig geworden sind und Sozialstunden ableisten müssen. Über die vielen Jahre hat es mir immer Spaß gemacht, wenn ich sie hinterher wieder getroffen habe. Und im Gespräch erfahren habe, was aus ihnen geworden ist“, erzählt der Pfarrer, dem es bei seiner Hilfe immer egal war und ist, welche Religionszugehörigkeit die Betroffenen haben. So ist es fast schon logisch, dass er während seiner Zeit in Flörsheim hat er zudem die Ökumene in dem einst katholischen Ort intensiviert. „Inzwischen starten wir bereits ökumenisch ins neue Jahr, in dem wir als Christen einen gemeinsamen Neujahrs-Gottesdienst feiern. Außerdem dürfen wir beim traditionellen Verlobten Tag nicht nur an der Prozession teilnehmen, sondern sogar einen der Altäre inhaltlich gestalten. Das ist etwas Besonderes.“

Als etwas Besonderes hat er immer seinen Beruf empfunden. „Er ist so vielfältig und nie langweilig. Man erlebt viele verschiedene Dinge und trifft die unterschiedlichsten Menschen und nimmt an ihrem Leben teil“, bilanziert Martin Hanauer. Mit seinem Ruhestand zieht Familie Hanauer nach Mainz. Er freut sich darauf, mehr Zeit für seine fünf Enkelkinder und sein Hobby, dem Sammeln von Mineralien, zu haben.

Propst Oliver Albrecht wird Pfarrer Martin Hanauer am Sonntag, 29. Januar, um 17.30 Uhr in der evangelischen Kirche an der Bahnhofstraße in den Ruhestand verabschieden. Die Pfarrstelle wurde zum Januar auf eine Stelle reduziert, die nun ausgeschrieben ist. Die Vakanzvertretung übernimmt ab März Pfarrerin Anna Möller aus Okriftel. red/meh

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