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Flörsheim: Erinnerung an den Nazi-Terror

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Ein Herz aus Rosen rahmt die Stolpersteine (Foto links) für die Angehörigen der Familie Metzger in der Eisenbahnstraße ein. FOTO: kröner
Ein Herz aus Rosen rahmt die Stolpersteine (Foto links) für die Angehörigen der Familie Metzger in der Eisenbahnstraße ein. © Kröner, Sascha

Im Stadtgebiet wurden sieben neue Stolpersteine verlegt.

Flörsheim -Für viele Menschen hat sich in der Eisenbahnstraße nichts Auffälliges verändert. Autos, Radfahrer und Kinder auf Tretrollern passieren die Fahrbahn weiterhin unbekümmert. Nur wer sich zu Fuß durch die kleine Straße an den Bahngleisen bewegt, wird vielleicht auf Höhe der Hausnummer 56 ins Stocken geraten. Fünf glänzende Steine - eingerahmt von einem Herz aus Rosen - fielen Anfang der Woche auf dem Gehweg jedem Passanten ins Auge. Der Künstler Gunter Demnig hat die „Stolpersteine“ in der Eisenbahnstraße und an zwei weiteren Standorten verlegt. Sie erinnern an Opfer des Nationalsozialismus.

Auf Betreiben des Vereins Stolpersteine Flörsheim wurden am Montag insgesamt sieben neue Erinnerungstafeln mit Namen und Lebensdaten in den Boden eingelassen. Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums stellten die Schicksale hinter den Mahnmalen vor.

In der Eisenbahnstraße 56 traf der Terror der Nationalsozialisten die jüdische Familie Metzger. Julius und Sybilla Metzger betrieben dort von 1899 bis 1933 eine Fleischerei. Am 28. August 1942 wurden die Eheleute festgenommen und mit dem Zug nach Frankfurt deportiert. Am 1. September folgte die Verlegung in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo die Flörsheimer die Häftlingsnummer 998 und 999 trugen. Bis 1943 gingen noch Briefe des Paars bei ihrer Tochter Amalie ein. Am 16. Juli 1943 wurde Sybilla Metzger im Alter von 73 Jahren in Theresienstadt umgebracht. Laut Totenschein verstarb sie an einer ,,gewöhnlichen Altersschwäche“. Julius Metzger wurde am 15. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Zwischen dem 10. und 12. Juli 1944 soll er ermordet worden sein.

Über Shanghai in die USA geflüchtet

Tochter Amalie Metzger lebte wie der Rest ihrer Familie in der Eisenbahnstraße 56. Die gelernte Büglerin wurde 1938 von ihrem Arbeitgeber in Frankfurt gekündigt und war auf die Erwerbslosenfürsorge angewiesen. Kurz vor Kriegsbeginn gelang es der jungen Frau aber noch ein Visum für England zu erhalten und am 19. August 1939 auszuwandern. Von England zog sie in die Vereinigten Staaten, wo sie 2002 verstarb. Ihr Bruder Benno Metzger und seine Frau Karoline lebten ebenfalls in der Eisenbahnstraße. Benno Metzger war begeistertes Mitglied im Fastnachtsverein und galt als im Flörsheimer Gemeindeleben integriert. 1938 war er jedoch gezwungen, die von seinem Vater übernommene Metzgerei aufzugeben. Die Flörsheimer Kundschaft kaufte, auf Anweisung der NSDAP, nicht mehr bei ihm ein.

In Hadamar umgebracht

Während der Reichspogromnacht verschleppten die Nazis Benno Metzger ins KZ Dachau. Das Ehepaar schaffte es jedoch, im Frühjahr 1939 nach Shanghai von dort aus in die USA zu fliehen. Karoline Metzger verstarb 1961 in San Francisco, ihr Mann drei Jahre später.

Zwei weitere Stolpersteine sind Flörsheimer Euthanasie-Opfern gewidmet. Der 1899 geborene Fischer, Tagelöhner und Schiffer Johann Josef Bachmann lebte in der Obermainstraße 7. Er war verheiratet und hatte einen Sohn, der im Zweiten Weltkrieg fiel. Bachmann wurde am 8. Juli 1925 wegen psychischer Probleme in die Anstalt Eichberg gebracht. Von dort verlegte man ihn 1943 in die sogenannte Landesheilanstalt in Hadamar, wo ab 1942 verdeckt Euthanasiemorde verübt wurden. Noch im Jahr seiner Verlegung kam er ums Leben. Ein ähnliches Schicksal ereilte Anna Maria Dörrscheidt, die als Tochter von Kaspar und Anna Katharina Dienst in der Albanusstraße 5 geboren wurde. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie 1922 Friedrich Wilhelm Dörrscheidt, mit dem sie zwei Töchter hatte. Der Flörsheimerin wurde 1935 erstmals eine Psychose bescheinigt, aufgrund der sie im städtischen Krankenhaus Wiesbaden landete. Anna Maria Dörrscheidt musste eine Zwangssterilisation und mehrere Jahre in verschiedenen Anstalten über sich ergehen lassen, bevor man sie 1941 in die Tötungsanstalt Bernburg verlegte. Am 18. April 1941 wurde sie dort im Alter von 41 Jahren ermordet.

Insgesamt 23 Stolpersteine wurden inklusive der jüngsten Aktion nun in Flörsheim verlegt. Alexander Noé, Pressesprecher des Vereins, erklärte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass das Projekt bisher gut in der Mainstadt angenommen werde. Anwohner würden im Vorfeld „mit ins Boot“ geholt. Einige hätten sich sogar bereit erklärt, die Steine vor ihrer Tür zu pflegen. Für das nächste Jahr plant der Verein übrigens die Verlegung einer Stolperschwelle im Ortsteil Bad Weilbach. Das größere Mahnmal soll an die Einquartierung von Zwangsarbeitern erinnern. sas

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