Verlobter Tag 2021: Eine Bühne für den Altar sowie über 250 Stühle waren auf dem Platz zwischen der Kirchschule und Gallus-Kirche aufgestellt. FOTO: mehrfeld
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Verlobter Tag 2021: Eine Bühne für den Altar sowie über 250 Stühle waren auf dem Platz zwischen der Kirchschule und Gallus-Kirche aufgestellt.

355. Verlobter Tag

Flörsheim: "Es ist an der Zeit, neu zu denken"

Festprediger Frank-Peter Beuler hält unter anderem "die Sexualitätsfeindlichkeit" der Kirche nicht mehr für zeitgemäß.

Flörsheim -Es war ein denkwürdiger Verlobter Tag, der gestern gefeiert wurde. Nicht etwa, weil es kühl und teils regnerisch war anstatt wie sonst üblich heiß und schwül. Nein, nicht das Wetter und auch nicht die Corona-Pandemie, wegen der extra der Festgottesdienst ins Freie verlegt wurde, waren an der Denkwürdigkeit des höchsten Flörsheimer Feiertags beteiligt. Sondern die Predigt von Frank-Peter Beuler, dem ehemaligen Flörsheimer Pfarrer. Beuler amtiert nach seiner Flörsheimer Zeit in der Großpfarrei Sankt-Blasius mit Dienstsitz in Dornburg-Frickhausen im Westerwald.

"Unterwegs in einer neue Welt" lautete das Motto des diesjährigen 355. Verlobten Tages. Für Beuler war dies Anlass, tatsächliche Reformen zu fordern. Der Priester ging in seiner Festpredigt vor allem auf die Themen Pandemie, Ehe, Sexualmoral, Zölibat und Homosexualität ein. Viele sagten, die Welt werde nach Corona eine andere sein. Die spannende Frage sei, was für eine Welt dies sein werde. "Muss es zwangsläufig schlechter sein als vorher? Oder könnte das auch eine Chance sein? Eine Chance für einen neuen Anfang, für eine neue Welt?", fragte Frank-Peter Beuler. Sicher sei, dass die Pandemie den Menschen vor Augen geführt habe, "dass auch in einer modernen Welt mit ihrer herausragenden Medizintechnik das menschliche Leben verletzlich und verwundbar ist, angefochten und der Vergänglichkeit unterworfen". Die Corona-Pandemie betreffen alle Menschen, Arme und Reiche. Zudem habe die Pandemie die Frage nach dem Verhältnis der Menschen zur Natur aufgeworfen. Und schließlich stelle sich die Frage nach weltweit gemeinsamen Werten und ethischen Standards. Positiv müsse registriert werden, dass sich die Kirche und viele Pfarrgemeinden damit auseinandergesetzt hätten, "wie es bei ihnen mit der Digitalisierung aussieht". Denn die per Internet auf die Beine gestellten Formate seien eine moderne Form der Verkündigung, meinte der Festprediger.

Doch die Kirche müsse in Zukunft vor allem "menschengerechter und menschenfreundlicher sein". Kein Dogmen-Korsett solle den Menschen übergestülpt werden, sondern es müsse viel stärker versucht werden, den verschiedenen menschlichen Einzelsituationen gerecht zu werden. Es müsse, so Beuler weiter, eine Balance gefunden werden: ". . . zwischen den Grundsätzen der Glaubenslehre einerseits und den konkreten menschlichen Verhältnissen andererseits". In den umstrittenen Fragen, so beim Ehe-Sakrament oder beim gesamten Feld der Sexualmoral oder Sexualethik, speziell beim Thema Homosexualität, aber auch beim "Reizthema" Zölibat, gehöre die Balance für diese Themen auf den Prüfstand.

So sei Sexualität eine Kraft, die menschlich gestaltet werden müsse, bei der die Würde des Menschen nicht außer Kraft gesetzt werden dürfe. Hier seien "gegenseitiges Einvernehmen und frei von Zwang" die wichtigen Stichworte. "Wir sagen aber zugleich, dass die überlieferte Leibfeindlichkeit und Sexualitätsfeindlichkeit des klassisch Katholischen nicht mehr zeitgemäß ist und überwunden werden muss", erklärte Pfarrer Frank-Peter Beuler. Es sei an der Zeit, "neu zu denken". Zwar sei seit dem Zweiten Vatikanum das Kirchenrecht reformiert worden, die Sexualmoral aber nicht.

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