Die Aufnahme zeigt Günther Chwalek vom Bund der Vertriebenen vor dem Gedenkstein auf dem alten Friedhof. Foto: Kröner
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Die Aufnahme zeigt Günther Chwalek vom Bund der Vertriebenen vor dem Gedenkstein auf dem alten Friedhof. Foto: Kröner

Gedenktag

Flörsheim: "Flucht und Vertreibungsind heute ja nicht aus der Welt"

Der Bund der Vertrieben erinnerte an die vor 70 Jahre aufgestellte Charta der Heimatvertriebenen. Deren Inhalt ist aktueller denn je.

Flörsheim/Hochheim -Ein Mahnmal aus zwei verbundenen Steinkreuzen erinnert an die zivilen Opfer, die in Folge des Zweiten Weltkrieges in den ehemaligen deutschen Ostgebieten zu beklagen waren. "Den Toten der Heimat, den Opfern von Flucht und Vertreibung", steht auf einer dunkel abgesetzten Tafel entlang der Vorderseite. Der Gedenkstein, der im Jahr 1996 vom Ortsverband des Bundes der Vertrieben sowie der Stadt errichtet wurde, ist einer der letzten Orte der Andacht auf dem alten Friedhof an der Jahnstraße.

Während dort die Gräber am Ende ihrer Laufzeit abgeräumt wurden, steht vor dem Gedenkstein eine frische Blumenschale. Der Vorstand des Kreisverbandes der Heimatvertriebenen hat die Pflanzen zu Beginn des Monats niedergelegt - in Erinnerung an ein besonderes Ereignis: Vor 70 Jahren wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen formuliert. Vertreter des Kreisverbandes sowie der Ortsverbände Flörsheim und Hochheim trafen sich anlässlich dieses Ereignisses mit Bürgermeister Dr. Bernd Blisch (CDU) auf dem alten Friedhof.

und Vergeltung

Mit der Charta legten die damaligen Verfasser Pflichten und Rechte fest, die sie als Voraussetzung für ein freies und geeintes Europas ansahen. Das Datum der Veröffentlichung - den 5. August 1950 - bezeichnet der Flörsheimer Günther Chwalek als besonderen Tag. Im teilweise noch zerstörten Deutschland seien unter schwierigen materiellen Voraussetzungen Prinzipien formuliert worden, die bis heute ihre Gültigkeit behalten, betont der 91-Jährige, der in Oberschlesien geboren wurde und 1946 nach Flörsheim kam. Chwalek ist stellvertretender Vorsitzender im Ortsverband sowie im Kreisverband des Bundes der Heimatvertriebenen.

Dass die Charta der Heimatvertriebenen den Verzicht auf Rache und Vergeltung als eigenen Punkt aufführt, mag aus Sicht heutiger internationaler Beziehungen überholt erscheinen. Günther Chwalek glaubt jedoch, dass man die Vorgabe heute als Forderung nach Frieden und Versöhnung lesen sollte. Der Flörsheimer lobt das damalige Dokument für seine Weitsicht. Das Flüchtlingsproblem sei schon vor 70 Jahren als ein Weltproblem erkannt worden. "Flucht und Vertreibung sind heute ja nicht aus der Welt", betont der 91-Jährige. In den abschließenden Formulierungen der Charta sieht Günther Chwalek Forderungen, welche die europäische Politik - aus seiner Sicht - bis heute leiten könnten. Dort heißt es, dass die Völker handeln sollen, wie es ihren christlichen Pflichten und ihrem Gewissen entspricht. "Wir rufen Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird", fordert die Charta der Heimatvertriebenen. Diese Handlungsanweisung lasse sich sogar auf die vielfältigen Herausforderungen der Corona-Krise anwenden, meint Günther Chwalek.

Der Kreisverband der Heimatvertriebenen zählt rund 50 Mitglieder - die Hälfte davon gehört dem Flörsheimer Ortsverband an. Trotz dieser relativen Stärke seines Ortsverbands weiß Günther Chwalek, dass die Tage des Zusammenschlusses gezählt sind. Obwohl 20 Prozent der Menschen in Hessen Wurzeln in den früheren deutschen Ostgebieten hätten, finde sich kein Nachwuchs für die Arbeit im Verein, sagt der stellvertretende Kreisvorsitzende. Heute sei das Leben in Deutschland für die Nachkommen selbstverständlich - das Interesse, die Erinnerungsarbeit fortzuführen, sei deshalb gering. Der Zuspruch zu jährlichen Veranstaltungen wie dem "Tag der Heimat" sei aber immer noch gut, betont der Flörsheimer.

In diesem September muss das Treffen jedoch wegen der Corona-Krise ausfallen. "Wir hoffen, dass wir das im nächsten Jahr wieder durchführen können", sagt Günther Chwalek. Sascha kröner

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