Unter anderem mit solchen Plakatwänden protestierten die Flörsheimer gegen die Nordwest-Landbahn.
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Unter anderem mit solchen Plakatwänden protestierten die Flörsheimer gegen die Nordwest-Landbahn.

Fluglärm

10 Jahre Nordwest-Landebahn – Anwohner berichten: „Nur fassungslos dagestanden“

Bewohner in Flörsheim sind von Fluglärm geplagt. Betroffene berichten, wie sich die seit zehn Jahren betriebene Nordwest-Landebahn auf ihr Leben ausgewirkt hat.

Flörsheim/Wicker - Es ist kein Jubiläum, über das sich die Flörsheimer freuen: Vor einem Jahrzehnt - am 21. Oktober 2011 - donnerten die ersten Flugzeuge im Anflug auf die neue Nordwest-Landebahn über die Mainstadt, genauer gesagt über das damalige Neubaugebiet Nord. Nur 230, oder weniger Meter lagen zwischen den Maschinen und den Häusern. Hunderte Menschen haben Flörsheim seitdem aufgrund des Fluglärms verlassen, andere sind bewusst geblieben und leben mit den Folgen der damals neuen Landebahn. Fakt ist: Der Norden von Flörsheim hat sich seit Eröffnung der Nordwest-Bahn gewandelt.

Doch nicht nur der Flörsheimer Norden war von der damaligen Inbetriebnahme der neuen Landebahn betroffen. Manche Bewohner des Stadtteils Wicker waren anfangs von den Maschinen, die bei den abendlichen Anflügen mit ihren Scheinwerfern auch die Wohnräume erhellten, schwer genervt. In der Zwischenzeit sind es vor allem die regelmäßigen Abflüge von schweren Maschinen über ihren Wohnort, deren Lärm an ihren Nerven zehrt. Die sollte es gar nicht geben, hatte doch die Fraport einst verkündet, es gebe zwar Lärmbelastungen durch die Nordwest-Landebahn, aber eben keine Ost-Abflüge mehr. Das Versprechen hat nicht lange gehalten.

10 Jahre Nordwest-Landebahn am Flughafen Frankfurt: Flörsheimer erinnern sich

Was anhaltende Demonstrationen, Gerichtsverfahren und Resolutionen nicht schafften, nämlich die Nordwest-Landebahn außer Betrieb zu setzen, haben Viren geschafft. Der Flugverkehr war durch die Corona-Krise monatelang derart gestört, dass die 2800 Meter lange Nordwest-Landebahn als Parkplatz für die nicht benötigten Flugzeuge genutzt wurde.

Kurioserweise fühlen sich einige Betroffene entlang der Einflugschneise zum zehnjährigen Bestehen der Landebahn wieder an den Beginn der Flüge zurückversetzt. Nachdem die Flugbewegungen in Zeiten der Corona-Pandemie vorübergehend abnahmen, kehrte der Lärm über Flörsheim zuletzt umso hörbarer zurück. Und zurück kommen zugleich die Erinnerungen.

Erinnerungen an Eröffnung der Nordwest-Landebahn: "Wir müssen sofort wegziehen"

Den Tag, an dem die Flugzeuge kamen, werden Wolfgang Ruppert und seine Familie nicht vergessen. Die Eröffnung der Nordwest-Landebahn am 21. Oktober 2011 hat ihr weiteres Leben geprägt. Es sei ein Freitag gewesen, erinnert sich Ruppert, der in der Region als exzellenter Schachspieler bekannt ist. Als die ersten Maschinen über den Flörsheimer Norden rauschten, habe ihn seine Frau auf der Arbeit angerufen und erzählt, dass die Welt untergeht. "Wir müssen sofort wegziehen", sei ihre spontane Reaktion gewesen.

Er selbst habe zunächst gehofft, dass es schon nicht so schlimm sein werde. Als er abends nach Hause kam, hätten sich die schlimmsten Befürchtungen jedoch bewahrheitet. "Wir haben nur fassungslos dagestanden und nach oben geschaut", berichtet der Flörsheimer, dessen Haus in der Lahnstraße südlich der Rheinallee steht.

Fluglärm in Flörsheim: Viele Bewohner nach Eröffnung der Nordwest-Landebahn weggezogen

Mit seiner Frau und den beiden Kindern habe er oft diskutiert, die Stadt zu verlassen, erzählt Ruppert. Viele Nachbarn seien seit Eröffnung der Landebahn weggezogen. Ein Straßenfest, das früher in der Lahnstraße gefeiert wurde, existiere nicht mehr. Trotzdem blieb die Familie Flörsheim treu. Es sei eine Abwägung gewesen, erklärt Wolfgang Ruppert. Flörsheim habe viele Vorzüge, und der Freundeskreis der Kinder wäre bei einem Wegzug verloren gegangen.

Die Lärmgeplagten entschieden sich jedoch, auf anderem Weg Widerstand zu leisten: Wolfgang Ruppert und seine Frau gründeten die Facebook-Gruppe "Flörsheim gegen Nordbahn", die schnell weitere Unterstützer fand. Aus Treffen mit Gleichgesinnten sei außerdem die Bürgerinitiative gegen den Fluglärm entstanden, die sich unter anderem bei den Protesten am Flughafen Frankfurt hervortat. "Ich hätte nie gedacht, dass ich montags mal auf Demos gehe", sagt Wolfgang Ruppert. Der Kampf habe letztlich einige Erfolge wie das Nachtflugverbot gebracht. Die Belastungen seien aber trotzdem hoch. Nachdem er in den vergangenen Monaten die Ruhe während Corona genossen habe, sei die Rückkehr der Flieger nun wie ein Déjá-Vu. "Gewöhnen wird man sich daran nicht", betont Wolfgang Ruppert.

Fluglärm in Flörsheim: Kurze Pause während Corona - dann wurde es wieder laut

Zu den Flörsheimern, die geblieben sind, gehört auch Kurt Wörsdörfer aus der Wilhelm-Dienst-Straße. Wegziehen sei für ihn trotz der Lärmbelastung keine wirkliche Option gewesen. "Das ist mein Elternhaus", sagt der Flörsheimer. Anfangs sei mal über den Wegzug gesprochen worden - daraus sei aber nie etwas geworden. Wörsdörfer findet ebenfalls, dass die Verringerung der Flugbewegungen während der Pandemie das Ausmaß der Belastung erneut hervorgehoben hat. "Da hat man mal wieder gemerkt, wie heftig das alles ist."

Am Tag der Landebahneröffnung beteiligte sich Kurt Wörsdörfer am Protest. Er besuchte die Versammlung in der Einflugschneise, auf der Flörsheimer die Landung von Bundeskanzlerin Merkel verfolgten. Eine Bundeswehr-Maschine war das erste Flugzeug, das auf der Nordwest-Landebahn herunter kam. Alle seien damals überrascht gewesen, wie leise dieser Anflug - im Nebel und über einer Wolkendecke - verlief. Mit dem Aufreißen der Wolken am Himmel und den folgenden Maschinen zeigte sich jedoch der tatsächliche Lärm. "Das war ein Schauspiel für uns", sagt Kurt Wörsdörfer zur Landung der Kanzlerin.

Erweiterung am Flughafen Frankfurt: Betroffene aus Flörsheim beteiligen sich an Protesten

Skeptisch gegenüber der Politik sei er schon länger gewesen, betont Wörsdörfer, der bereits in den achtziger Jahren gegen die Erweiterung des Frankfurter Flughafens protestiere. Als Veteran im Kampf gegen die Startbahn-18-West habe er die Worte des damaligen SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner im Kopf, es werde keinen Ausbau mehr außerhalb des Zauns geben. "Ich bin immer noch empört darüber, wie ein Unternehmen mit Unterstützung des Landes in die Lebensbereiche der Menschen eingreift", so Kurt Wörsdörfer. Schwer enttäuscht sei er in diesem Zusammenhang auch von den Grünen.

Der Anwohner der Wilhelm-Dienst-Straße erzählt, dass er Anträge auf Schallschutz gestellt habe. Weil sein Haus ganz knapp außerhalb der Kernzone liege, habe er allerdings nur zwei Lüfter bewilligt bekommen. Dieses Angebot habe er dankend abgelehnt, weil er den Strom und die zweimal im Jahr notwendige Wartung selbst hätte zahlen müssen. Lediglich die Klammerung der Dachziegel, als Schutz vor den mehrfach aufgetretenen Wirbelschleppen, ließ Wörsdörfer durchführen. Der Ausbaugegner erinnert daran, dass Wirbelschleppen laut Planfeststellungbeschluss nur einmal in einer Million Jahren vorkommen sollten. "Da sind wir hier schwer gealtert", meint Kurt Wörsdörfer ironisch angesichts der tatsächlichen Häufigkeit. (sas/meh)

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