Auf dem Platz vor der Gallus-Kirche wurde gestern der Gottesdienst zum Verlobten Tag gefeiert. Die Predigt hielt auf einer Bühne der Leiter der Großpfarrei Flörsheim-Hochheim, Pfarrer Friedhelm Meudt.
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Auf dem Platz vor der Gallus-Kirche wurde gestern der Gottesdienst zum Verlobten Tag gefeiert. Die Predigt hielt auf einer Bühne der Leiter der Großpfarrei Flörsheim-Hochheim, Pfarrer Friedhelm Meudt.

Feiertag

Flörsheim: "Gott hat uns nicht verlassen"

Prediger Friedhelm Meudt erklärt beim Gottesdienst zum 354. Verlobten Tag, warum Gott die Corona-Krise nicht einfach mit einem Fingerschnippen beendet.

Flörsheim -"Alles ist anders an diesem Verlobten Tag", erklärte Pfarrer Friedhelm Meudt den Gläubigen, die sich gestern zum Gottesdienst versammelt hatten. Damit fasste der katholische Geistliche das Offensichtliche noch einmal in Worte. Die Tatsache, dass der höchste Flörsheimer Feiertag in diesem Jahr unter ungewohnten Vorzeichen stattfand, war schon bei der Ankunft an der Gallus-Kirche für jeden Teilnehmer unübersehbar.

Die auffälligste Veränderung betraf die Kulisse des Festgottesdienstes: Erstmals seit vielen Jahrzehnten stand die barocke Gallus-Kirche am letzten Montag im August leer. Die Messe, mit der die Flörsheimer dem Ende der Pestzeit von 1666 gedenken, fand unter freiem Himmel statt. Gemeindemitglieder kontrollierten alle Zugänge zum Kirchplatz genau. Denn jeder, der am Gottesdienst teilnehmen wollte, musste seine Kontaktdaten angeben und wurde anschließend an einen Spender mit Desinfektionsmittel für die Hände gebeten. Erst dann durfte man sich auf einem der zahlreichen Stühle niederlassen, die sich fast über die gesamte Freifläche erstreckten. Den Altar hatten die Organisatoren auf einer Bühne gegenüber dem Gotteshaus platziert. So hinterließ die andauernde Corona-Krise ihre Spuren in Form von Auflagen und Hygienevorkehrungen. Die Corona-Pandemie hinderte die Flörsheimer jedoch nicht an der Einlösung ihres Gelöbnisses zum Ende der einstigen Pestzeit so lange zu feiern, wie in "Flörsheim Stein auf Stein steht". Der Umgang mit der Krise zog sich als roter Faden durch die Predigt von Pfarrer Meudt, der seinen ersten Verlobten Tag als Pfarrer von Flörsheim beging. Der Mensch merke, wie die Gesellschaft auf den Kopf gestellt werde, erklärte der Priester. Doch dies müsse nichts Schlechtes sein. "Alles wird neu gedacht". Er sah die Flörsheimer während der gegenwärtigen Krise näher an der Quelle, näher am Ursprung der Tradition des Verlobten Tages.

Abstand ist zugleich Isolation

"Gebt Zeugnis von der Hoffnung", lautete das Motto der diesjährigen Gelöbnisfeier. Der Spruch aus dem Petrus-Brief fand sich auf weiß-gelben Abstands-Bändern, das jeder Teilnehmer am Einlass in die Hand gedrückt bekam. Friedhelm Meudt breitete das Band auf der Bühne aus und erinnerte daran, dass die Menschen bis vor kurzem noch Schals in Fußballstadien schwangen. Die Feier-Melodien seien jedoch nachdenklichen Tönen gewichen. "Abstand halten, ist momentan für alle das oberste Gebot", betonte der Seelsorger. Abstand bedeute aber auch Isolation. Es bedeute, dass alte Menschen in Seniorenheimen allein bleiben, und dass man Trauernde auf dem Friedhof nicht in den Arm nehmen könne. "Wir merken, wie komisch das für uns ist", so Pfarrer Meudt. Das Spruchband des Verlobten Tages könne dazu dienen, den Sicherheitsabstand zu messen, erklärte der Theologe. Es symbolisiere aber gleichzeitig die Verbundenheit der Menschen als Teil eines Netzwerkes. Alle seien heute vernetzt - im Guten wie im Schlechten. Was in China geschehe, passiere nicht mehr getrennt von anderen, erklärte der Festprediger.

Die schwierige Frage, wie ein gütiger Gott Leid auf der Welt zulassen kann, versuchte der Pfarrer durch die Einbeziehung des Menschen in eine Glaubenserfahrung zu erklären. "Er schnippt nicht mit den Fingern und dann ist Corona weg", so Meudt. Gott handele nicht an den Menschen vorbei. "Gott nimmt uns mit, er nimmt uns in Dienst." Er schenke den Menschen Kraft und Hoffnung. Dies sei dieselbe Erfahrung, die die Menschen bereits 1666 gemacht hätten. Friedhelm Meudt, der selbst als Fassenachter in die Bütt steigt, äußerte die Hoffnung, dass die närrischen Zeiten zurückkehren. Vor allem drückte er aber die Hoffnung aus, "dass solange in Flörsheim Stein auf Stein steht, Gott uns nicht verlassen hat". Sascha Kröner

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