Buchautorin Jutta Fleck (stehend, rechts) stand den Graf-Stauffenberg-Schülern Rede und Antwort. Foto: privat
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Buchautorin Jutta Fleck (stehend, rechts) stand den Graf-Stauffenberg-Schülern Rede und Antwort. Foto: privat

Zeitzeugen

Flörsheim: "Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich"

Jutta Fleck, die Autorin des Buches "Die Frau vom Checkpoint Charlie", war zu Gast am Graf-Stauffenberg-Gymnasium.

Flörsheim -Es gab und gibt viele Menschen, die von den üblen Taten des ehemaligen SED-Regimes eigentlich nichts wissen wollen. Für politisch festgelegte Westdeutsche waren die Machthaber je nach Ideologie entweder verbrecherische, totalitäre Machthaber oder aber sozialistische Staatsvertreter mit "harmlosen" Schwächen. Nach dem Fall der Mauer gab es so etwas wie eine Entzauberung, denn das menschenverachtende Unrecht der SED-Diktatur wurde immer mehr publik. Zum Graf-Stauffenberg-Gedenktag wurde am gleichnamigen Gymnasium ein Zeitzeugengespräch mit einer ehemaligen DDR-Bürgerin, Jutta Fleck, sowie ihrer Tochter Beate Gallus ausgerichtet. Trotz des anderen Zusammenhanges stünden sowohl Graf Stauffenberg wie auch Jutta Fleck "für Mut und Zivilcourage in Situationen von Gefahr", hatte der Schulleiter des Gymnasiums, Klaus Hartwich, bei der Einführung zu der unter Corona-Bedingungen ausgerichteten Veranstaltung erklärt.

Die beiden Schülerinnen Lilli Weiser und Jasmin Babikir (beide in der 12. Jahrgangsstufe) haben dazu einen Bericht verfasst, den diese Zeitung in Auszügen veröffentlicht: ",Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich' - so erklärt Jutta Fleck, die als ,Die Frau vom Checkpoint Charlie' bekannt ist, ihre Fluchtgeschichte aus der DDR den Zwölftklässlern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums. Mit 35 Jahren beschließt Jutta Fleck im Jahr 1982, ihrem Wunsch nachzugehen und in die BRD zu fliehen, mit einem Ziel: Einer besseren Zukunft für ihre zwei Töchter Beate (9) und Claudia (11). Ein Leben in einer Diktatur war für Jutta Fleck auf Dauer unvorstellbar und so kam es zu dem mutigen Fluchtversuch 1982. Durch einen jugoslawischen Arbeitskollegen kam Jutta Fleck an einen Kontakt, der ihr verriet, wie die Flucht in die Freiheit gelingen konnte. Im Sommer 1982 traten die Flecks also eine Urlaubsreise nach Bulgarien an, jedoch nicht, um Urlaub zu machen, sondern auf dem Rückweg durch Rumänien sollten ihnen durch einen Mittelsmann bundesdeutsche Pässe übergeben werden, mit denen es dann über die Donau nach Jugoslawien gehen sollte. Doch wie es sich später herausstellte, wurden die Flecks verraten. Mutter und Töchter wurden getrennt und mit Militärbewachung zurück nach Deutschland geflogen. Die Kinder kamen in ein Heim, die Mutter nach Hoheneck, eine Strafanstalt für weibliche Gefangene, in der Schikanen, Misshandlungen und Psychoterror vor allem an politischen Gefangenen zum Alltag gehörten. Briefe ihrer Töchter bekam sie nur selten und jegliche Anzeichen von Liebe und Zuneigung wurden darin verboten. Dies hatte das Ziel, den Töchtern einzutrichtern, ihre Muter würde sie nicht mehr lieben. Doch das Vertrauen und die starke Liebe, die zwischen Töchtern und Mutter herrschte, konnte sie nie entzweien. Auch im Kinderheim, in das die beiden Töchter gesteckt wurden, mussten die beiden, wie Beate Gallus den Stauffenberg-Schülern erzählte, einen ,,Liebesentzug" erleben: Sie wurden nicht als die Kinder Beate und Claudia betrachtet, sondern waren die Kinder der ,Verräterin', durften kaum Briefe an ihre Mutter schreiben und hatten immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Beate Gallus erzählte von einem Identitätsverlust, den sie erleben musste, denn nur das Kollektiv hatte zu DDR-Zeiten einen Wert.

Im Jahr 1984 wurde Jutta Fleck nach fast zwei Jahren Haft vom Westen freigekauft. Doch nun begann erst der richtige Kampf für die Powerfrau: Das Nachholen ihrer beiden Töchter in den Westen. Jutta Flecks Mission war es, ,als einfacher Mensch etwas erreichen zu können' und so wurde sie zur Symbolfigur für den friedlichen Widerstand gegenüber der DDR-Diktatur. Jutta Fleck begann, Briefe an Politiker zu schreiben, wandte sich mit ihren Freundinnen an die Öffentlichkeit, war beim Papst, kettete sich am 10. Jahrestag der KSZE-Konferenz an ein Geländer, verteilte Flugblätter, hatte diverse Fernsehauftritte und stand ein halbes Jahr täglich am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie mit dem Plakat ,,Gebt mir meine Kinder zurück!". Am 13. August 1986 gelang es ihr, einen Appell an Helmut Kohl und Willy Brandt zu richten.

Knapp zwei Jahre später war es dann so weit: Am 25. August 1988 kommt es zum großen Wiedersehen zwischen den beiden Töchtern und ihrer Muter, nachdem sie sechs Jahre getrennt waren." red/meh

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