1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Taunus
  4. Flörsheim

Flörsheim: Prozession ohne hoffnungsvolle Worte

Erstellt:

Kommentare

Die Prozession, mit der Monstranz unter dem Baldachin, unterwegs in der Pfarrer-Münch-Straße. FOTO: kröner
Die Prozession, mit der Monstranz unter dem Baldachin, unterwegs in der Pfarrer-Münch-Straße. © Kröner, sascha

Prediger aus der Ukraine berichtete beim Verlobten Tag über eine tief depressive Jugend in seiner Heimat.

Flörsheim -Die Tradition des Verlobten Tages erwuchs aus einer Krise und eines großen Leids. Angesichts der lebensbedrohlichen Pestepidemie des Jahres 1666 gelobten die Flörsheimer damals, eine jährliche Prozession abzuhalten - zum Dank dafür, dass die Seuche aufhört. Dieses Versprechen wurde gestern zum 356. Mal eingelöst.

Die Pest ist mittlerweile am Untermain kein Thema mehr. Dafür gibt es andere Krisen, die gar nicht so weit von den Problemen des 17. Jahrhunderts entfernt sind. Gerade erst wurden die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gelockert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine tobt derweil ein Krieg in Europa. Der Kampf der Ukrainer stand beim diesjährigen Verlobten Tag eindeutig im Mittelpunkt. "Willkommen sind die Schritte des Freudenboten, der Frieden verkündet", lautete das biblische Thema des Flörsheimer Feiertags.

Die diesjährige Predigt hielt ein Geistlicher, der die Situation in der Ukraine persönlich kennt. Pfarrer Vasyl Bahlei stammt aus Lwiw. Der Seelsorger, der mittlerweile geflüchtete Menschen in Dänemark betreut, kam durch seinen Kontakt zum Flörsheimer Pfarrer Friedhelm Meudt in die Mainstadt. Er habe mit Menschen gesprochen, die aufgrund des Mangels an Sicherheit und Vertrauen in ständigem Stress leben, berichtete Bahlei in seiner Predigt den Gläubigen in der Gallus-Kirche. "Junge Menschen erleben tiefe depressive Zustände, aus denen sie nicht herauskommen", so der ukrainische Pfarrer. Als einfacher Mensch habe er nicht die Kraft, Worte der Therapie zu finden und allen Menschen Hoffnung zu geben, die zu ihm kommen. "Wir beten für Frieden", erklärte Pfarrer Meudt zum Ende des Festgottesdienstes. Man könne nur hoffen, dass diese Botschaft in die Köpfe eindringe, in denen Gedanken von Eroberung und Größenwahn vorherrschen.

Die anschließende Prozession wanderte von der Gallus-Kirche über Hauptstraße, Untermainstraße und Grabenstraße durch die festlich geschmückte Altstadt bis ans Mainufer. Viele Anwohner hatten ihre Fenster und Hauseingänge mit Blumen und Heiligenfiguren dekoriert. Der Festzug machte an vier Altären halt, die verschiedenen Themen gewidmet waren. So stand der Stopp vor der Christkönigskapelle ganz im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine. "Auf Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch lässt sich keine friedliche Welt aufbauen", betonte Gemeindevertreterin Berthilde Enders. Hannelore Leiser formulierte die Bitte, dass niemand mehr um gefallene Soldaten weinen muss. Gemendereferent Michael Frost, der Flörsheim in den kommenden Tagen verlässt, bat um die Beteiligung aller Völker bei der Gestaltung der Zukunft.

Am Mainufer, wo sich normalerweise ein Blumenteppich vor dem Altar erstreckt, hatten Gemeindejugend und Messdiener diesmal einen trockenen Bachlauf und eine Friedensbotschaft im Sandboden angelegt. Hintergrund seien Wasserknappheit und Dürre, erklärten die jungen Gemeindemitglieder, die damit ein weiteres aktuelles Thema anschnitten. Sie beklagten außerdem, dass es eine "Dürre im Frieden" gebe. Mit ihrem Motiv wollten sie zeigen, dass eine Brücke in Richtung Frieden gebaut werden muss. Aus Sicht der Prozessionsteilnehmer fehlte es aber auch an anderen Verbindungen. Der katholische Pfarrer Friedhelm Meudt sowie sein evangelischer Kollege Martin Hanauer sprachen sich am Altar vor dem Pestkreuz für einen Brückenschlag zwischen den Konfessionen aus. "Die Trennung der Kirche ist ein Skandal", betonte Meudt und machte deutlich, dass die orthodoxe Kirche mit ihren Stellungnahmen zum Krieg in der Ukraine überrascht habe. Hanauer forderte, die Kräfte zu stärken, die das Verbindende suchen.

Angesichts der allumfassenden Beschäftigung mit der Ukraine, kamen Stellungnahmen zu den anhaltenden innerkirchlichen Krisen während der Prozession kaum zur Sprache. Lediglich am Altar in der Untermainstraße, der von Mitarbeiterinnen aus Kita und Pfarrbüro gestaltet wurde, klang auch etwas Selbstbetrachtung an. Dort baten Mirella Warzecha, Christiane Meißner und Sophia Mingen, um Lebendigkeit und Vielfalt auf dem Weg zur neuen Großpfarrei Sankt Theresa. Man solle die kirchlichen Probleme nicht zudecken, sondern angehen. Deshalb baten die drei Damen um Kraft für die Erneuerung der Kirche. sas

Auch interessant

Kommentare