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Flörsheim: Vor Corona wüteten die Pocken und die Pest

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Bernd Blisch hielt einen Vortrag über Seuchen. ArchivfFOTO: nietner
Bernd Blisch hielt einen Vortrag über Seuchen. ArchivfFOTO: nietner © Hans Nietner

Historiker Dr. Bernd Blisch referierte über Epidemien in den verschiedenen Epochen.

Flörsheim -Viele Flörsheimer erlebten die Corona-Zeit als eine Krise noch nie dagewesenen Ausmaßes. Zwei Jahre lang Furcht vor Ansteckungen, zwei Jahre lang Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Der Blick in die Vergangenheit hilft allerdings, solche Sichtweisen zu relativieren. Dass Epidemien seit Jahrhunderten zum menschlichen Leben gehören, demonstrierte Bürgermeister Dr. Bernd Blisch (CDU) in einem detaillierten Vortrag bei der Kurt-Graulich-Stiftung. Der Historiker beschrieb die Gesundheitskrisen seit dem 17. Jahrhundert und ihre Folgen für die Mainstadt. Den Inhalt dieser ungewöhnlichen Zeitreise veröffentlichen wir in zwei Teilen.

Laut Bernd Blisch gibt es kein Jahrhundert, dass von einer Epidemie verschont blieb. Weil Fernsehen, Radio und Internet fehlten, sei den Menschen in früheren Zeiten nicht immer sofort bewusst gewesen, welche Krankheiten im Umlauf sind. Aus heutiger Sicht seien die Kirchenbücher die beste Quelle, um Epidemien zurückzuverfolgen, erklärte der Flörsheimer Verwaltungschef, der sich bei seinem Bericht auf sogenannte demografische Krisen stütze. Diese Bezeichnung gelte für Jahre, in denen die Todeszahlen die Geburten überschreiten, erläuterte der Historiker, der auch Vorsitzender des Flörsheimer Geschichtsvereins ist.

In Flörsheim lässt sich das Pestjahr 1666 als erstes Krisenjahr im Kirchenbuch identifizieren. Die von Bakterien verursachte Krankheit sei drei Jahre zuvor über ein Handelsschiff aus Algier nach Amsterdam eingeschleppt worden, berichtete Bernd Blisch. Am 16. Juni 1666 nahm die Seuche mit dem Tod der vier Kinder von Johann Peter Schuhmacher in Flörsheim ihren Lauf. In jedem Monat von Juli bis Dezember seien mehr Einwohner gestorben als sonst in einem ganzen Jahr. Ihren Höhepunkt erreichten die Sterbezahlen im August mit 41 Toten. Als weitere Krisenzeiten nannte der Historiker die Jahre 1673 sowie 1674. Im Rahmen des niederländisch-französischen Krieges könnten über ein Lager in Flörsheim Krankheiten eingeschleppt worden sein, vermutet Blisch. Im 18. Jahrhundert bahnte sich eine neue Epidemie ihren Weg - die Pocken oder Blattern. Es handelte sich um eine Viruserkrankung, die bereits seit der Antike bekannt war und durch Tröpfcheninfektion übertragen wurde. Zehn Prozent aller Kleinkinder seien bis zum Ende des 18. Jahrhunderts an Pocken gestorben, schilderte Bernd Blisch. In den Flörsheimer Kirchenbüchern stachen 1732 und 1751 als Jahre mit besonders hohen Todeszahlen unter Kindern heraus. Der Historiker berichtete vom englischen Arzt Edward Jenner, der 1796 eine erste Impfung mit Kuhpocken durchführte. Anfang des 19. Jahrhunderts sei in vielen europäischen Ländern dann eine Impfpflicht eingeführt worden - seit 1979 gilt die Welt als pockenfrei. Blisch verwies auf den sprachgeschichtlichen Hintergrund, dass Jenner seinen Impfstoff-Namen "vaccine" vom lateinischen Wort für Kuh (vacce) ableitete. Der Begriff Vakzin hat sich bis heute gehalten.

Welche Bedeutung Kriege für die Ausbreitung von Krankheiten hatten, belegte Blisch mit Blick auf das Krisenjahr 1743. Im Verlauf des österreichischen Erbfolgekrieges kam es zur Schlacht in Dettingen, die bei schlechtem Wetter in Regen und Morast ausgetragen wurde. Viele Soldaten seien daraufhin an der Ruhr oder an Typhus erkrankt. Aus dem Kirchenbuch konnte der Historiker ablesen, dass sich das englisch-hannoverische Heer über die Zwischenstation Flörsheim zurückzog und dort ein Lazarett einrichtete. In jedem Haus seien Soldaten untergebracht gewesen, so Blisch. Im Karthäuser Hof wurden rund 300 Mann versorgt. Die übrige Bevölkerung blieb von diesem Ansturm der Kranken nicht verschont. Insgesamt 105 Flörsheimerinnen und Flörsheimer seien in jenem Jahr an Typhus und Ruhr gestorben. Gleichzeitig fielen 450 der einquartierten Soldaten der Epidemie zum Opfer.

Da die englischen Soldaten der anglikanischen Konfession angehörten, durften sie nicht auf dem Friedhof neben der Flörsheimer Kirche bestattet werden. Stattdessen sei außerhalb der damaligen Ortsmauer ein Massengrab, und zwar in der Nähe des heutigen Untertors, ausgehoben worden, berichtete der Historiker. sas

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