Trotz des Regens waren viele Zuhörer zum Stadtgeläut mit den neuen Glocken (kl. Foto) an die Gallus-Kirche gekommen.
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Trotz des Regens waren viele Zuhörer zum Stadtgeläut mit den neuen Glocken (kl. Foto) an die Gallus-Kirche gekommen.

Stadtgeläut in Flörsheim

Gloriosa setzt wohltuenden Kontrapunkt

  • VonBarbara Schmidt
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Der 28. Juli vor 350 Jahren, an dem die Flörsheimer die Abhaltung einer jährlichen Prozession gelobten, bot den Anlass zu einer Talkrunde samt Glockenspiel, szenische Darstellung und einem Gottesdienst in Sankt Gallus.

Von einem „unvergesslichen Abend“ war am Ende der Feierstunde zum Verlöbnistag am Donnerstag die Rede. Und tatsächlich: Es gibt viele Gründe, dass dieser Abend ganz besonders gut im Gedächtnis der weit mehr als 300 Flörsheimer bleiben wird, die ihn miterlebten.

Freudig gespannt war die Stimmung, als sich der Platz vor der Gallus-Kirche um halb acht zusehend füllte. „Wo ist denn der Moderator? Der kimmt doch vom Fernsehn“, raunte eine Frau ihrer Nachbarin zu. Andreas Klinner, ZDF-Journalist und mit Sascha Jung seit gemeinsamen Zeiten in Rom befreundet, ergriff kurze Zeit später zum ersten Mal das Mikrofon. Da hatte sich der Himmel just mit einigen dickeren Wolken bezogen, aus denen erste Tropfen fielen. Die Menschen auf den Stühlen und Bänken hatten vorgesorgt und die Schirme aufgespannt, andere rückten unter das „Dach“ der dicken Eiche vor dem alten Küsterhaus.

Viele „Klicks“ erwünscht

Klinner bat um Ruhe, im Sinne all derer, die das große Stadtgeläut aufnehmen wollten. Menschen wie der 17 Jahre alte Mario Meuer, der sich mit seiner Videokamera mit Blick auf den Kirchturm platziert hatte. „Ich bin ein großer Fan von Glocken“, verriet der junge Eddersheimer. „Da gibt’s viele You-Tuber, die sich damit beschäftigen, und da gehör ich dazu.“ Er hoffe, dass ihm die Aufnahme des Stadtgeläuts viele Klicks bringe.

„Ebbe geht’s gleich los“, hob eine Frau unter der dicken Eiche den Finger, als die Schläge für dreiviertel Acht erklangen. Und dann hob es an, das frisch um zwei Töne ergänzte Stadtgeläut. Die neue Glocke im Dachreiter von St. Gallus machte den Anfang. Noch bevor endlich als letzte auch die mächtige Gloriosa erstmals loslegte, ging tatsächlich der Himmel auf – aber in ganz anderem Sinn, als es Domdekan Herbert Wanka in seiner Predigt zur Glockenweihe gemeint hatte. Ein Platzregen ging auf die Zuhörer nieder, die zumeist tapfer der Unbill trotzten. Schließlich freut man sich nicht wochenlang auf einen großen Moment, um dann vor ein bisschen kühlem Nass reißaus zu nehmen. . .

„Das ist die Sanfte“

Die sich anschließende Talkrunde konnte dann schon wieder im Trockenen stattfinden. Wie stolz ihn denn die neue Gloriosa mache, wollte Andreas Klinner von Pfarrer Sascha Jung wissen. „Sie klingt ganz wunderbar“, gab der zur Antwort. Schon beim Probeläuten sei der Eindruck gewesen: „Das ist die Sanfte.“ Er meine aber eher, „sie ist so ähnlich wie der Pfarrer. Nicht die 4,5 Tonnen“, so Jung schon unter den ersten Lachern, „aber die Glocke und ich, wir haben einen leichten Schlag“, setzte er die Pointe. Das kam an.

Klinner nahm den launigen Ton auf und fragte Jungs evangelisches Pendant Martin Hanauer, ob er da nicht ein wenig neidisch sei und sage: „Nach dem Protz-Bischof von Limburg jetzt die Protz-Glocke von Flörsheim?“ Hanauer konterte klug, verwies seinerseits lieber darauf, dass es ja ein ökumenischer Zusammenklang sei, in dem die neue Glocke mit ihrem langsamen Rhythmus einen wohltuenden Kontrapunkt setze zu einer immer schneller getakteten Zeit. Und auch der frühere Flörsheimer und frühere Landrat Berthold Gall als dritter Talk-Partner betonte ohne Wenn und Aber: „Flörsheim kann sich glücklich schätzen mit diesem wunderbaren Geläut.“

Dass dem Ruf der Glocken immer weniger Menschen in die Kirchen folgen, veranlasste Klinner zu der Frage, was die Pfarrer denn zuversichtlich mache, dass der Glaube noch eine Zukunft habe. „Die vielen Menschen hier“, waren sich beide einig, aber auch das große Engagement, das Christen in der Mainstadt von der Flüchtlingshilfe bis zur Hospiz-Arbeit in vielen Bereichen zeigten.

Dass die Ökumene ausgerechnet an Flörsheims großem Feiertag Grenzen hat, auch das öffentlich anzusprechen wurde die Talkrunde noch genutzt. Die fehlende Mahlgemeinschaft zwischen den Konfessionen sei eine „Wunde“, die Flörsheim am Verlobten Tag mitzutragen habe, so Sascha Jung. Als er dann noch daran erinnerte, Pfarrer Hanauer habe – gefragt, was er sich zum Jubiläum des Verlobten Tags wünsche – geantwortet: „Dass wir gemeinsam Eucharistie feiern“, gab’s spontanen Applaus.

Spiel-Szene in der Kirche

Dann prasselte es aber erst mal wieder von oben und Jung entschied: „Wir gehen in die Kirche.“ So drängte alles unter das schützende Dach. In Windeseile bauten die Techniker der Firma Wittekind um, (Klinner respektvoll: „Das wäre beim ZDF undenkbar“) und das Flörsheimer Amateur-Theater (FAT) und der Musikverein übernahmen. Die Szene aus dem „Neuen Spiel zum Verlobten Tag“ rief das Grauen der Pest in Erinnerung, das die Flörsheimer am 28. Juli vor 350 Jahren zu ihrem Verlöbnis bewegt hatte. Daran festzuhalten, blieb als Mahnung. Das ökumenische Abendgebet zum Abschluss gipfelte in einem inbrünstigen Te Deum, zu dem noch einmal die Gloriosa erklang.

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