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Polizeibeamte und Rot-Kreuz-Helfer waren nach dem Ende des Bombenalarms erleichtert.

Bomben-Alarm an Schulen

„Ich dachte an einen Amoklauf“

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Schreck in der Morgenstunde: Ein anonymer Anrufer drohte gestern Vormittag damit, dass eine Bombe in der Sophie-Scholl-Schule deponiert sei.

Es ist das schlimmste anzunehmende Unglück: Ein Störfall in einem Atomkraftwerk hat den Super-Gau ausgelöst. Menschen müssen in Kellern Schutz suchen, der Katastrophenschutz riegelt das gesamte Gebiet weiträumig ab. Dies ist die Handlung des Films „Die Wolke“, der gestern im Physikunterricht einer 9. Klasse des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums über den Bildschirm flimmerte. Wenige Tage vor den Sommerferien denkt hier ohnehin kein Schüler mehr an regulären Unterricht. Der Katastrophenfilm ist für viele eine willkommene Gelegenheit, sich zurückzulehnen und von freien Tagen zu träumen. Mitten in der Vorführung wird aus der fiktiven Bedrohung aber plötzlich ernst: Das Knistern der Lautsprecheranlage unterbricht den Film und alle Schülerträume. Der Physik-Kurs hört die Stimme von Schulleiter Klaus Hartwich, der etwas von einem technischen Defekt erzählt. Hartwich fordert alle Schüler und Lehrer auf, sofort die benachbarte Stadthalle aufzusuchen.

„Alle sind ruhig geblieben“, berichtet Cedric Ruppert, der zusammen mit seinem Kameraden aus der Filmvorführung herauskam. Mitschüler Henry Steil fand die Situation allerdings gleich etwas komisch: „Normalerweise treffen wir uns am roten Platz vor der Schule“, erzählt der Neuntklässler. Der übliche Ablauf in Notsituationen war den Schülern noch besonders präsent, weil erst in der vergangenen Woche eine Alarmübung am Gymnasium stattgefunden hatte. „Ich dachte an einen Amoklauf“, sagt Stauffenberg-Schüler Daniil Tkatchev. Der Zehntklässler Frederik Voß erinnert sich, dass Mitschüler während der Evakuierung zu weinen begannen. „Wir haben uns gegenseitig getröstet“, sagt der Junge, als er in sicherem Abstand zur Schule vor der Stadthalle steht. Dort sah es schon nach kurzer Zeit so aus, als sei das Katastrophenszenario aus der Filmvorführung Wirklichkeit geworden: Krankenwagen hielten neben dem Platz. Polizei, Feuerwehr, Sanitäter und auch Bürgermeister Michael Antenbrink redeten aufgeregt durcheinander.

Was war geschehen? Das Schreckensszenario hatte gegen 9 Uhr im Sekretariat der Sophie-Scholl-Schule begonnen. Eine Mitarbeiterin nahm zu diesem Zeitpunkt ein beunruhigendes Telefongespräch entgegen: Der männliche Anrufer drohte unmissverständlich mit einer Bombe in der Schule. So etwas habe er in seiner bisherigen Laufbahn noch nicht erlebt, sagt Rektor Reik Helbig, der die Schulleitung zu Beginn dieses Jahres übernahm. Dem Schulleiter blieb nichts anderes übrig, als die Polizei zu verständigen. Diese habe dann die sofortige Räumung der Schule angeordnet. Zum Zeitpunkt der Bombendrohung befanden sich allerdings nur 79 Personen im Gebäude. Die Sophie-Scholl-Schule hatte für gestern einen Wandertag angesetzt. „Das war unser Glück“, meint Reik Helbig. Aufgrund der räumlichen Nähe wurde die Evakuierung auf das benachbarte Graf-Stauffenberg-Gymnasium ausgeweitet. Dort mussten rund 1100 Schüler in Sicherheit gebracht werden. Die Eltern wurden darüber informiert, dass sie ihre Kinder abholen sollen.

Zu den wenigen Personen, die sich gestern in der Sophie-Scholl-Schule aufhielten, gehört Kunstlehrerin Maraike Stich. Sie habe den Wandertag genutzt, um einen der Kunsträume sauber zu machen, berichtet die Pädagogin dem Kreisblatt. Dort habe sie dann auch die Aufforderung der Schulleitung gehört, dass sich alle im Hof versammeln sollen. Sie habe nur schnell ihre Tasche gepackt und der Anweisung Folge geleistet. „Ich hatte in dem Moment schon etwas Angst“, berichtet die Lehrerin. Auf dem Weg nach draußen habe sie eine Kollegin getroffen, die meinte, dass es sich bestimmt nur um eine Übung handele. Als sich alle in die Stadthalle begeben hatten, seien plötzlich auch die Graf-Stauffenberg-Schüler hinzu gekommen. Dann sei die Polizei aufgetaucht. „Jetzt war allen klar, dass es um etwas Größeres geht“, sagt Maraike Stich.

„Wir mussten die Drohung aus verschiedenen Gründen ernst nehmen“, erklärt Peter Liebeck, Polizeidirektor im Main-Taunus-Kreis. Welche Gründe dies sind, wollte er nicht genauer erläutern, um Nachahmer zu vermeiden. Die Polizisten durchsuchten das Schulgebäude mit einem speziell trainierten Sprengstoff-Spürhund. Einen verdächtigen Gegenstand konnten die Beamten dabei jedoch nicht aufspüren. Gegen 11.40 Uhr gab die Polizei schließlich Entwarnung. Die Schüler durften ihre persönlichen Gegenstände aus den Gebäuden holen.

Der Unterricht wurde gestern nicht mehr fortgesetzt. Schulleiter Reik Helbig lobt das ruhige Verhalten derjenigen Schüler, die gestern trotz des Wandertags an der Schule waren. Sie kamen mit einem Schrecken davon. Die Polizei machte derweil schnelle Fortschritte bei ihren Ermittlungen und konnte bereits gestern Mittag zwei Tatverdächtige präsentieren (siehe Info). „Das alles war ein schlechter und verantwortungsloser Scherz“, meinte Schulleiter Helbig.

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