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1952 hatte das ?Scala? als drittes Flörsheimer Filmtheater eröffnet. Mit ?Tausend rote Rosen blühn? startete das Familienunternehmen dort, wo heute der Saal des Gasthauses ?Deutscher Hof? in der Grabenstraße ist.

Kino-Historie

Einst gab es drei Filmpaläste in Flörsheim – „Gloria“ hielt bis 1984 durch

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Aufgrund der fehlenden Haushaltsgenehmigung stellte die Stadt ihr Veranstaltungsprogramm in den vergangenen Monaten ein. Was blieb, waren ehrenamtliche Kulturangebote. Mitte des vergangenen Jahrhunderts sah die Unterhaltung in der Mainstadt noch ganz anders aus. Wir blicken zurück in die Zeit, als Flörsheim Kinohochburg war.

Wer sich heute mit einem Eimer Popcorn in den Klappsessel fläzen möchte, um die neuesten Abenteuer von James Bond oder Luke Skywalker zu verfolgen, der muss sich in die Kassenschlange riesiger Multiplex-Kinos einreihen. Für alle, die es etwas überschaubarer mögen, bleibt das Kino in Hofheim. Ansonsten überwiegen in der Region Filmpaläste, in denen schon die Suche nach dem richtigen Saal zum Abenteuer wird. Das war im Flörsheim des vergangenen Jahrhunderts anders: Lichtspielhäuser bestanden damals nur aus einem einzigen Zuschauerraum. Dafür gab es in der Mainstadt zwischen 1952 und 1965 gleich drei Kinos.

„Gloria Palast“, „Rex“ und „Scala“ hießen die Flörsheimer Filmtheater. Drei Kinos in einem Ort seien auch zur damaligen Zeit ungewöhnlich gewesen, meint der Flörsheimer Autor Peter Becker, der Hintergründe und Anekdoten recherchierte. Der 67-Jährige hat die Flörsheimer Kinowelt selbst erlebt. „Wir waren jeden Sonntag im Kino“, berichtet er. Mittags um halb zwei seien sie als Kinder in eines der Lichtspieltheater geströmt. „Wenn das rum war, sind wir auf den Sportplatz“, erzählt Becker, für den Tarzan und Zorro zu Kindheits-Helden wurden. „Das waren die Highlights“, erinnert er sich.

Nicht jeder Streifen wurde mit der gleichen Begeisterung aufgenommen. Als Hildegard Knef im Jahr 1951 als „Die Sünderin“ über die Leinwand flimmern sollte, sorgte dies in der katholischen Mainstadt für Protest. Verschiedene Tabuthemen und eine kurze Nacktszene der Hauptdarstellerin brachten Moralapostel auf die Barrikaden. Die katholische Kirchengemeinde sammelte sogar Unterschriften gegen „Die Sünderin“. Nachdem Pfarrer Felix Gelhart sich bei Bürgermeister Jakob Merkel über den Film beklagte, wandte sich der Gemeinderat gegen die Aufführung. Die Stadt wies Kinobesitzer Peter Jakob Duchmann an, den Film nicht im „Gloria Palast“ zu zeigen. Damit war die Sache jedoch noch nicht erledigt: Da Duchmann bereits Verpflichtungen mit dem Verleih eingegangen war, sollte die Stadt die Kosten von 5000 Mark übernehmen. Ein Zeitungsbericht des Jahres 1951 bewertet das Filmverbot deshalb als „teuren Spaß“.

Den ersten Kontakt mit bewegten Bildern machten die Flörsheimer Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen der Kerb weckte die Schaustellerbude „Fernando’s Riesen-Kinematograph“ Erstaunen. Auch damals reagierte die Kirche zunächst skeptisch. Kurz darauf nahm der katholische Leseverein das neue Medium jedoch selbst in die Hand: Im Jahr 1912 wurde ein Vorführgerät angeschafft, das Filmprojektionen im Saal des Gasthauses „Zum Hirsch“ und im Schützenhof ermöglichte. Nach 1918 löste ein neuer Filmvorführer den christlichen Verein ab: Der Elektriker Peter Jakob Duchmann hatte während des Ersten Weltkrieges Fachwissen erworben, indem er ein Kino für die Soldaten einrichtete. Nach seiner Rückkehr zeigte er zunächst Filme in Flörsheimer Gasthäusern, bevor er schließlich das erste Kino baute.

Am 2. November 1928 öffnete Duchmanns „Gloria Palast“ in der Hospitalstraße 4. Zwei Vorführgeräte ermöglichten den ungebremsten Genuss der Filme, die damals auf mehreren Zelluloid-Rollen daherkamen. Am Eröffnungstag lief zunächst ein Streifen über die Einweihung der Opelbrücke, anschließend der Stummfilm „Heimkehr“. Flörsheimer Geschäftsleute warben mit Dias vor den Vorführungen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Programm aus Komödien, Dramen und Heimatfilmen um Propagandawerke erweitert. Für eine viermonatige Unterbrechung des Vorführbetriebes sorgte die Flörsheimer Bombennacht am 8. September 1942, als ein Luftangriff unter anderem die Stuckdecke des Kinos zerstörte.

Nach dem Krieg wuchs die Flörsheimer Kinolandschaft. Im April 1952 eröffnete das „Capitol“ im Saal über dem Karthäuser Hof mit dem Film „Fanfaren der Liebe“. 1953 löste der Besitzer des Karthäuser Hofes, Josef Hartmann, den bisherigen Betreiber ab und stieg unter dem neuen Namen „Rex“ selbst ins Kinogeschäft ein. Bereits im Oktober 1952 hatte das „Scala“ als drittes Flörsheimer Filmtheater eröffnet. Mit „Tausend rote Rosen blühn“ startete das Familienunternehmen dort, wo sich heute des Saal des Gasthauses „Deutscher Hof“ in der Grabenstraße befindet. Die drei Kinos wechselten zweimal wöchentlich ihr Programm und zeigten insgesamt 30 Filme pro Woche. Ein Ticket gab es ab 60 Pfennigen. In den 1960ern sei es dann bereits bergab gegangen, erinnert sich Peter Becker. „Als das Fernsehen aufkam, war es vorbei“, so der Flörsheimer. Das neueste Kino „Scala“ stellte 1965 als erstes den Betrieb ein, das „Rex“ schloss im Jahr 1970. Lediglich das „Gloria“ hielt noch bis ins Jahr 1984 durch.

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