Beim Sängerbund singen Alt und Jung, wie hier bei einem Kreischorkonzert. Doch der Verein leidet unter fehlendem Nachwuchs.
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Beim Sängerbund singen Alt und Jung, wie hier bei einem Kreischorkonzert. Doch der Verein leidet unter fehlendem Nachwuchs.

Sängerbund Flörsheim

Kritische Töne

Die Mitglieder von vielen Gesangvereinen sind sich sicher, dass die besten Zeiten für den Chorgesang vorbei sind. Doch was kommt auf die Vereine zu, die nur wenige junge Mitglieder in ihren Reihen haben? Und warum gelingt den Gesangvereinen die Integration von ausländischen Mitbürgern fast kaum?

Die jüngste Jahreshauptversammlung des Gesangvereins Sängerbund 1847 Flörsheim war wohl eine der interessantesten der vergangenen Jahre. Es gab nämlich nicht nur intensive Diskussionen und zugleich verschiedene Vorschläge, wie eventuelle Verbesserungen bei den Problempunkten erzielt werden könnten. Sondern es gab zudem die Einsicht, dass die Sänger dem Zeitgeist Tribut zollen müssen und außerdem akzeptieren, dass die demografische Entwicklung nicht vor dem ältesten Flörsheimer Gesangverein Halt macht.

Im Trend der Zeit

Doch insgesamt betrachtet müssen sich die Sängerinnen und Sänger des Flörsheimer Sängerbundes hauptsächlich den kulturellen Trends der aktuellen Zeitrechnung beugen. Wie werden diese Trends aussehen? Zum einen ist der Chorgesang schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr „in“. Eine Mitgliedschaft in einem renommierten Verein hat heutzutage zudem nicht mehr den Stellenwert, den er einst hatte. Und durch die größere Fluktuation in den Unternehmen bleiben viele Menschen nicht mehr ihr Leben lang an einen Ort, an eine Stadt gebunden. Damit kommt es nicht mehr zu Bildung einer langanhaltenden Solidargemeinschaft, die gleiche Interessen pflegt oder sich im Sinne von guter Nachbarschaft sowie einem verträglichen sozialen Miteinander für einen Verein engagiert. Dass diese Entwicklung nicht mehr zu stoppen ist, ist von den Sängerbund-Mitgliedern als Realität schon lange anerkannt.

Zurück zur Jahreshauptversammlung. Sängerbund-Vorsitzende Ute Vogel begrüßte die Teilnehmer der Hauptversammlung, bedankte sich für die Unterstützung des Vereins in Form von Spenden oder Aktivitäten bei Veranstaltungen, lobte die gute Zusammenarbeit mit Dirigentin Solveig Wagner und führte zügig durch die Tagesordnung.

Erster Kassierer Günter Lemb berichtete dann über eine zufriedenstellende Entwicklung der Finanzlage. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Künftig würden wohl weniger Einnahmen für die Vereinskasse verbucht werden können. Der Grund: Wegen des aus Altersgründen bedingten Verzichts auf die Teilnahme mit einem Imbiss-Stand beim Flörsheimer Sommerfest sowie beim Weihnachtsmarkt kommt es zu größeren Einnahmeverlusten. Bei den Vorstandswahlen wurden folgende Mitglieder gewählt, beziehungsweise in ihren Ämtern bestätigt: Günter Battenfeld (Erster Schriftführer), Günter Lemb (Erster Kassierer), Harald Vogel, Vorsitzender des Vergnügungsausschusses, Ernst Schöniger, Hans-Karl Fröder (Kassenprüfer), Fritz Lukas und Karl-Heinz Mauder, Susanne Schmidt und Tanja Müller als Sprecher sowie Sprecherinnen der beiden Chöre, Alois Wolf und Hedi Flesch, als Archivare. Wie der Erste Schriftführer berichtete, besteht der Männerchor derzeit aus 17 Sängern, der Frauenchor aus 21 Sängerinnen. Insgesamt hat der Verein einen „Bestand“ von 129 Mitgliedern.

Wo bleibt die Jugend?

Kassenprüfer Hans-Karl Fröder bescheinigte Finanzchef Günter Lemb und seiner Vertreterin Edeltraud Melchior eine vorbildliche Arbeit. Er trug dann Sparvorschläge vor, die zu lebhaften Diskussionen führten. Die Überalterung der beiden Chöre sowie der mangelnde Nachwuchs seien nach wie vor das größte Problem des Vereins, zog Sängerbund-Pressesprecher Günther Chwalek ein Fazit. „Warum lassen sich Menschen nicht dazu bewegen, sich den beiden Chören anzuschließen und im Chorgesang ein Stück Lebensfreude zu verwirklichen?“, so lautet eine der immer wieder gestellten Fragen. Doch es gebe noch mehr Unwägbarkeiten, es wurden noch weitere Fragen zusammengetragen. Zum Beispiel: „Warum begnügen sich vor allem jüngere Menschen damit, Gesang nur passiv zu erleben und nicht eine aktive Rolle bei diesem Freizeitangebot zu übernehmen?“ Doch allgemeingültige Antworten darauf gibt es nicht.

Erstaunlich: Frank und frei äußert sich der Sängerbund-Vorstand außerdem zum Thema Integration von ausländischen Mitbürgern. Dabei nahmen die Sängerbund-Mitglieder kein Blatt vor den Mund. Vielmehr wurde Ursachenforschung betrieben. Gleichzeitig war darin auch eine Portion Kritik enthalten. „Warum leisten unsere zugewanderten Männer und Frauen nicht einen aktiven Beitrag zu der vielbeschworenen Integration, indem sie sich einem Gesangverein anschließen, um sich mit einer der schönsten kulturellen Traditionen vertraut zu machen?“, lautet die entsprechende Frage der Vereinsverantwortlichen dazu. Es gibt tatsächlich nur wenige Gesangvereine, die davon partizipieren, dass Gastarbeiter sich für den Chorgesang interessieren. Es ist zwar kein Trost, aber es bleibt trotzdem eine Hoffnung: Bei manchen Integrationsbemühungen dauert es eben sehr lange, bis diese Angebote angenommen werden. Kulturelle Unterschiede sind in manchen Fällen indessen nicht überbrückbar. Vor allem, wenn eine tolerante Grundhaltung gegenüber des jeweiligen anderen Kulturkreises nicht vorhanden ist. Da muss akzeptiert werden. Auch wenn es schwerfällt. Aber mit Zwang ist eine erfolgreiche Integration eben nicht möglich.

(meh)

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