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„Lebensbedingungen waren unmenschlich“

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Der Künstler Gunter Demnig verlegte am Freitag während der Gedenkstunde die Messingschwelle in Bad Weilbach.
Der Künstler Gunter Demnig verlegte am Freitag während der Gedenkstunde die Messingschwelle in Bad Weilbach. © Kröner

Der Verein Stolpersteine erinnert mit einer Messingschwelle an die Opfer der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus.

Bad Weilbach - Eigentlich sei Bad Weilbach ein Inbegriff von Ruhe und Frieden, stellte Bürgermeister Bernd Blisch (CDU) in der Alleestraße fest. Der frühere Kurort hat allerdings auch eine dunkle Vergangenheit. Blisch sprach am Donnerstag als Zweiter Vorsitzender des Vereins Stolpersteine Flörsheim, der sich für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzt. Die gab es auch im idyllisch wirkenden Bad Weilbach zu beklagen. Unweit der Schwefelquelle wurden während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter festgehalten.

Bei der Gedenkaktion im Flörsheimer Ortsteil ging es nicht um eine Einzelperson oder eine bestimmte Familie, sondern um hunderte von Menschen. Dementsprechend groß war der Stolperstein, den Künstler Gunter Demnig, Initiator des europaweiten Projektes, in den Gehweg einließ. Eine glänzende Messingschwelle erinnert auf Höhe des Parkplatzes an das Leid der Verschleppten. Die Inschrift lautet: „Im Gedenken an die Opfer der Zwangsarbeit 1942 bis 1945.“ Weiter steht dort zu lesen, dass die Betroffenen zur Arbeit gezwungen, diskriminiert, entrechtet, unterernährt und misshandelt wurden. Martina Eckert, Vorsitzende des Flörsheimer Stolpersteine-Vereins, konnte zahlreiche Teilnehmer zur Verlegung des Gedenksteins begrüßen. Klassen aus den weiterführenden Flörsheimer Schulen hatten Informationen recherchiert, die sich auch auf einer Infotafel neben der Stolperschwelle wiederfinden.

800 Menschen lebten im Zwangsarbeiterlager Bad Weilbach auf engstem Raum

Schülerinnen und Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasium berichteten den Zuhörern, dass rund 1400 Zwangsarbeiter im Flörsheimer Stadtgebiet untergebracht waren. Das größte Quartier befand sich im ehemaligen Reichsautobahnlager in Bad Weilbach. Rund 800 Männer und Frauen aus Russland, der Ukraine, Frankreich, Holland, Italien Litauen, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei lebten im Kurort auf engstem Raum. Die Arbeitssklaven mussten zwölfstündige Schichten verrichten und durften während Bombardierungen nicht in Bunkern Schutz suchen. „Die Lebensbedingungen waren unmenschlich“, erläuterten die Schüler, die hervorhoben, dass jede Generation lernen solle, dass solches Leid auch hautnah in der eigenen Stadt existierte. Weitere Orte, die heute für Freizeit und Freude genutzt werden, dienten früher als Standorte der Flörsheimer Zwangsarbeiterlager. In der Weilbacher Turnhalle in der Jahnstraße waren 1943 etwa 130 Männer und 53 Frauen aus der Sowjetunion einquartiert. Im selben Jahr wurden 52 Frauen und Männer aus der Ukraine im Karthäuser Hof in Flörsheim untergebracht. 1944 folgten weitere Lager in den Gastwirtschaften „Zum Mainblick“ und „Zum Taunus“.

Zwangsarbeiter aus der Ukraine verschleppt und nach dem Tod anonym verscharrt

Ein Einzelschicksal machte das Unrecht besonders eindringlich nachfühlbar. Schülerinnen der Sophie-Scholl-Schule berichteten vom Leidensweg des Ukrainers Maksim Kiriljuk, der Anfang 1943 nach Deutschland verschleppt wurde. Auf seiner Kleidung musste er die Aufschrift „Ost“ tragen. Die Schüler erläuterten, dass Arbeiter aus der Sowjetunion von den Aufsehern besonders schlecht behandelt wurden. Kiriljuk landete zunächst in einem Lager der Rüsselsheimer Opelwerke. Im Mai 1943 wurde er schließlich nach Bad Weilbach überführt, wo er für die Firma „SAAR“ bei Flörsheimer Bauern, Kleinbetrieben und als Flak-Helfer arbeiten musste. Am 26. März 1945 kam der Zwangsarbeiter im Alter von 31 Jahren durch amerikanischen Artilleriebeschuss im Umfeld der Opelbrücke ums Leben. Maksim Kiriljuk sei anonym in der Nähe der Schwefelquelle zwischen den Häusern verscharrt worden, berichteten die Schülerinnen.

Der Verein Stolpersteine Flörsheim finanzierte die Stolperschwelle zum Gedenken der Zwangsarbeiter mit Spenden der Kurt-Graulich-Stiftung, der Taunus-Sparkasse und der Nassauischen Sparkasse. (sas)

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