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Marita Brose steht vor der Weilbacher Kirche Maria Himmelfahrt

Plötzlich Protest

Maria 2.0 in Weilbach: Eine Katholikin erzählt, warum sie bei der Aktion mitmachte

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Fast wäre die Aktion Maria 2.0 an den Katholikinnen der Gemeinde Maria Himmelfahrt vorbeigegangen. Doch es hatte nur einen kleinen Anstoß gebraucht. Marita Brose erzählt, warum sie mitmachte.

Flörsheim-Weilbach. „Ihr seid ja Streikbrecherinnen“, hatte der Nachbar gesagt. Im Scherz zwar, Marita Brose wurde trotzdem wach. Von der Bewegung Maria 2.0 hatte sie gehört. Frauen, die sich in katholischen Gemeinden engagieren, traten für eine Woche in den Streik. Sie sind dagegen, dass ihre Kirche Missbrauchsfälle vertuscht, dass Täter und Vertuscher auf ihren Posten bleiben und dass Frauen von Ämtern ausgeschlossen werden. Brose hatte das gelesen, erzählt sie, aber erst als der Nachbar rief, wurde ihre klar, dass Maria 2.0 auch mit ihr zu tun hat.

Brose, die 66 Jahre alte Weilbacherin mit den blonden, kurzen Haaren, ist selbst aktiv in der Gemeinde Maria Himmelfahrt. Im Gottesdienst liest sie Fürbitten. Sie gehört zum Pfarrgemeinderat und zum Redaktionsteam der Kirchenzeitung „Miteinander“. Gerade recherchiert die ehemalige Sekretärin der Höchst AG, wie sich Kirchen in anderen europäischen Ländern finanzieren. Doch Brose sieht auch die empörenden Seiten ihrer Kirche und damit ist sie in der Weilbacher Gemeinde nicht allein.

Maria 2.0 als spontane Aktion

Am vergangenen Freitag rief Petra Schuld vom Ortsteam über die E-Mail-Verteilern dazu auf, am Sonntag bei der Aktion Maria 2.0 mitzumachen. Das Bücherei-Team, die Musik-Gruppe, die Liturgie-Helferinnen, von allen hieß es sofort: „Ich bin dabei“, sagt Brose. Als hätten alle nur auf den Aufruf gewartet.

Diese Weilbacherinnen haben Aktion Maria 2.0 in Flörsheim-Weilbach auf die Beine gestellt. (v.l.) Marga Becker, Silvia Frank, Agnes Spießmann, Marita Brose, Anne Kuhlmann, Monika Fischer, Petra Schuld, und vorn hockend Melitta Gerhardt.


In weißen Blusen und Jacken blieben die Frauen am Sonntagmorgen dann beim Gottesdienst vor der Tür. Spontan haben sich Frauen angeschlossen, erzählt Brose. Rund 40 Frauen und ein paar Männer waren schließlich bei der Protestaktion dabei. Eigentlich noch mehr. „Im Geiste sind wir bei euch hier draußen“, hätten einige Männer beim reingehen gerufen. Sie hatten den Frauen nicht die Show stehlen wollen. Zusammen betete man, sang und diskutierte.

"Kindesmissbrauch ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft" 

Wenn Brose davon erzählt, muss sie oft lächeln, als sei sie noch immer beseelt von dem ehrlichen Austausch. Dass Probleme in den Institutionen angesprochen werden müssen, darin sind sich alle einig. „Kindesmissbrauch ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft“, sagt Brose. Sie lächelt nicht mehr. Dass Papst Franziskus zuletzt eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche erließ, aber keine Meldepflicht an die staatlichen Behörden, hält sie für einen Skandal.

Auch die veralteten Rituale stören sie. Brose hebt die angewinkelten Arme und singt so monoton, wie man es nur aus der Kirche kennt: „Der Herr sei mit euch und mit deinem Geiste.“ Jahrhunderte alt sind diese Zeilen. „Was soll diese vorgestrige Sprache?“ Da sei es kein Wunder, wenn die Kinder all der kirchentreuen Leute sich nicht mehr taufen ließen. „Ich fühle mich Wohl im Ritus“, sagt Brose. „Aber nicht 52 Sonntage im Jahr.“ Die Sprache der Kirche müsse geeignet sein, um die Menschen bei ihren existenzielle Fragen abzuholen. Was kommt nach dem Tod? Warum bin ich auf der Welt?

Im kirchlichen Alltag ginge es aber öfter um Verwaltungsfragen. Die Weilbacher Gemeinde Maria Himmelfahrt wurde mit St. Gallus zusammengelegt, wie soll nun also der Briefkopf aussehen, wie der Name lauten? Solche Fragen.

Die Gleichberechtigung der Frau in der Kirche

Nur zuletzt geht es Brose bei Maria 2.0 um die Gleichberechtigung der Frau in der Kirche, sagt sie. Aber wenn sie so darüber redet, wird sie nachdenklich. „Dass Frauen Zugang zu allen Ämtern in der Kirche haben sollten, sehe ich schon auch so.“ Klar, seien Jesus und die Apostel alle Männer gewesen. „Das waren aber auch alle Fischer und Handwerker.“ Warum macht man das nicht zum Kriterium?

Dann fällt ihr noch etwas ein. Bei den Recherchen für die Kirchenzeitung habe sie viel im Bistum herumtelefoniert. Dort an der Basis. „Und am anderen Ende der Leitung waren fast immer Frauen.“

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