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Der Blumenteppich am vierten Altar am Main bestand dieses Jahr aus geschnetzeltem Holz mit der Inschrift ?Suche Frieden?.

Im jüdisch-christlichen Dialog

Messe und Prozession zum Verlobten Tag

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Gestern wurde in Flörsheim der Tradition nach der 352. Verlobten Tag begangen. Viele Gläubige kamen zur Messe und der Prozession unter dem Leitspruch „Ihr sollt mir als ein heiliges Volk gehören“.

Der Himmel ist grau über Flörsheim, der Wind lässt die gelb-weißen Fahnen an den Häusern auf der Hauptstraße flattern, die Straßen sind leer und doch hört man Orgel-Musik durch die Gassen klingen. Heute ist ein besonderer Tag.

Es ist der 352. Verlobte Tag. Dieser wird seit der Pestepidemie des Jahres 1666 begangen. Damals hatten die Flörsheimer gemeinsam mit ihrem Pfarrer Johannes Laurentius das Gelöbnis gegeben „solange in Flörsheim Stein auf Stein steht, eine Dankprozession zum Lobpreis des Allerhöchsten alljährlich durchzuführen“.

In der Kirche Sankt Gallus riecht es nach Weihrauch, alle Plätze sind besetzt, einige Gläubige stehen hinten an den Wänden oder an den Seiten. Vorne spricht Pfarrer Sascha Jung von der Bedeutung des Judentums für das Christentum. „Der Dialog mit dem Judentum ist für die Christen etwas ganz besonderes, da das Christentum jüdische Wurzeln aufweist, welche die Beziehung zwischen beiden in einzigartiger Weise bestimmen“, erklärt er. Trotz des in der Geschichte erfolgten Bruchs und des daraus resultierenden schmerzlichen Konflikts, sei sich die Kirche der bleibenden Kontinuität mit der anderen Glaubensrichtung bewusst. Das Judentum sei nicht einfach als eine andere Religion zu betrachten; die Juden seien, wie Papst Johannes Paul II. sie nennt, die „älteren Brüder“ oder nach Papst Benedikt XVI. „die Väter im Glauben“.

Die Flörsheimer Geschichte und der Verlobte Tag sind mit dem Judentum eng verwoben. In diesem Jahr hat die Stadt den 300. Jahrestag zur Weihe der Synagoge gefeiert. Und bis in die 1930er Jahre trug die jüdische Gemeinde zum Verlobten Tag bei, indem sie mit einer Station auf dem Prozessionsweg an die jüdischen Opfer der Pest erinnerten. Dazu wurde das Memorbuch der jüdischen Gemeinde ausgestellt. Im Jahr 1938 wurde die Synagoge jedoch verwüstet und zum Abtragen freigegeben.

Zu diesem besonderen Anlass gibt es in diesem Jahr einen Ehrengast. Es ist Rabbiner Jehoschua Ahrens aus Darmstadt. Er ist einer der orthodoxen Rabbiner, die eine Erklärung zum gegenseitigen Verhältnis von Christen und Juden herausgegeben haben. Es soll zu besserem Verständnis untereinander beitragen. Pfarrer Jung und er führen anstatt der Predigt ein Glaubensgespräch, in dem es eben darum geht, die Beziehung zwischen Judentum und Christentum, die Bedeutung von Jesus und die Kehrtwende im jüdisch-christlichen Dialog durch das vatikanische Konzil „Nostra aetate“ im Jahr 1965.

„Wir befinden uns in einer historischen Situation. Juden und Christen führen nun einen Dialog auf Augenhöhe und sind sich so nah wie nie zuvor“, sagt Rabbiner Ahrens. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Glauben immer mehr in den Hintergrund rückt und viele gar keiner Konfession mehr angehören. Es ist wichtig, dass wir zeigen, was wir zu bieten haben – und das gemeinsam.“

Gemeinsam ging es für die beiden Gottesdiener dann nach der Gabenbereitung auch hinaus auf die Straße zur Prozession. Draußen warteten die Flörsheimer bei einsetzendem Nieselregen unter Schirmen, um sie bei ihrem Gang durch die Straßen an den vier Altaren vorbei zu begleiten.

Auch Helmut Lauterbach war mit Schwiegertochter Christine Kumerics und Enkelin Marleen gekommen. „Ich bin seit meinem 5. Lebensjahr mit nur ein paar Unterbrechungen dabei“, berichtet der 74-jährige Flörsheimer. „Für uns ist es jetzt das dritte Jahr“, erzählt Kumerics. „Marleen ist von der Prozession ganz fasziniert.“

Und das ist verständlich: Orgelmusik klingt, die Teilnehmer singen und gehen andächtig gemeinsam den Weg. Vor dem ersten Altar wird ein besonderer Zwischenstopp gemacht. Die Prozession hält an der Synagogengasse und Rabbiner Ahrens spricht das Gebet „El male Rachamim“ („Gott voller Erbarmen“), um an die verstorbenen jüdischen Mitbürger zu erinnern. Danach geht es weiter, Altar für Altar, voller Andacht und an jedem der vier Haltepunkte mit besonderen Beiträgen ganz im Zeichen des jüdisch-christlichen Dialogs.

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