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Die Lehrerinnen (von links) Lena Perrey, Anja Werlitz und Christine Galka setzten das ?Finnland-Konzept? mit den Schülern um.

Neues Konzept fordert die Lehrkräfte stärker

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Pädagogische Konzepte sind anfangs nur Theorie. So auch beim Finnland-Projekt des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums.

In welcher Sprache wird auf einem intergalaktischen Flohmarkt verhandelt? Die Antwort kennen die Schüler des Graf Stauffenberg-Gymnasiums. Sechstklässler der Flörsheimer Schule entwarfen bunte Verkaufsstände im Schuhkartonformat, in denen kleine Aliens Schwerter und Hamburger verkaufen. Die fremden Welten aus Watte und Knete entstanden im Kunstunterricht, waren gleichzeitig aber auch Teil des Fachs Englisch. Als „Intergalactical Jumble Sale“ bildete der kreative Science-Fiction-Flohmarkt nämlich ein Fächer verbindendes Projekt. Die Schüler bastelten und führten anschließend Verkaufsgespräche in englischer Sprache.

Solche Kombinationen von Inhalten unterschiedlicher Fächer machen die Besonderheit der sogenannten „Finnland-Klasse“ aus. Die Bezeichnung beruht auf den Eigenarten des finnischen Schulsystems, in dem klassische Fächergrenzen durch ein offenes Konzept abgelöst werden sollen. Das Gymnasium hat diesen Ansatz aufgegriffen und im Jahr 2017 erstmals eine Klasse für projektbezogenes Lernen und Fächer übergreifendes Arbeiten angeboten. Damals klangen die Vorstellungen der Lehrkräfte recht theoretisch. Mittlerweile können die Pädagogen auf mehr als ein Schuljahr Erfahrung zurückblicken. Die ersten Schüler, die das besondere Konzept in der 5. Klasse probierten, sind heute im Jahrgang 6.

Für die sechs Lehrkräfte, die in der „Finnland-Klasse“ unterrichten, bietet der Ansatz ganz neue Herausforderungen. Einmal pro Woche treffen sie sich zu einer gemeinsamen Sitzung, um den Unterricht zu koordinieren. Dabei wird nach Berührungspunkten im Lehrplan gesucht. Es gehe darum, einen Inhalt aus mehreren Perspektiven zu beleuchten, sagt Lena Perrey, die Mathematik und Musik unterrichtet. Dadurch forme sich beim Lernen eine bessere Verknüpfung im Gehirn. In der Praxis nimmt dies ganz unterschiedliche Formen an: Beispielsweise wurde das Thema Ägypten gleichzeitig in Kunst und Geschichte behandelt. Derzeit befassen sich die Schüler Fächer übergreifend damit, wie verschiedene Kulturen die Adventszeit feiern. Themen, die sich besonders gut verbinden lassen, werden an Projekttagen vertieft.

Lena Perrey stellt fest, dass sich die Schüler durch die projektbezogene Arbeit stärker mit Themen identifizieren: „Der Inhalt bekommt einen höheren Stellenwert“. Ihre Kollegin Christine Galka gewinnt den Eindruck, dass die „Finnland-Klasse“ die Gemeinschaft unter den Schülern stärkt. „Das könnte das Lernen der Zukunft sein“, meint Anja Werlitz, Leiterin der Jahrgangsstufen 5 bis 7. Als Nebeneffekt sieht sie einen erhöhten Austausch zwischen den Pädagogen: „Die Lehrer müssen permanent kooperieren.“ Das Konzept „Finnland“ hat jedoch seine Grenzen. Selbst in der Projektklasse spielt sich nicht der gesamte Unterricht in Form von innovativen Aktionen ab. Nicht jedes Thema bietet geeignete Anknüpfungspunkte. Es mache keinen Sinn, acht Fächer zu koordinieren, sagt Lena Perrey.

Schüler, die das Experiment der „Finnland-Klasse“ mitmachen, schreiben deshalb nicht unbedingt bessere Noten. Sie habe aber den Eindruck, dass sich eher das Sozialverhalten verbessere, sagt Christine Galka. Die Fähigkeit, zu diskutieren und eigene Vorlieben zu steuern wachse, meint Lena Perrey. „Die Kinder lernen viel über sich selbst.“ Anja Werlitz hebt hervor, dass viele Schüler mit dem „Finnland-Unterricht“ sehr zufrieden seien. Das alleine könne schon als Erfolg gewertet werden: „Zufriedenheit ist als Faktor beim Lernen nicht zu unterschätzen.“

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