Geschichte

Pestepidemie breitete sich einst entlang der Handelswege aus

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Auch in England wütete im 17. Jahrhundert die Pest. In der englischen Stadt Eyam gibt es sogar Parallelen zu Flörsheim.

Proppevoll war die Kultur-Scheune und dies, obwohl am Samstagnachmittag herrlicher Sonnenschein auch zu ganz anderen Aktivitäten gelockt hätte. Doch die lokale Historie ist im Main-Taunus-Kreis eben immer von hohem Interesse, was die mehr als 100 Zuhörer bestens belegten. Bernd Blisch eröffnete zudem mit seinem Vortrag den sich durch das gesamte Jahr 2016 ziehenden Veranstaltungsreigen zum 350. Verlobten Tag. „Rochuskapelle, Wallfahrt zum Kapellenberg, Verlobter Tag – Pestgelöbnisse in der Region zwischen Rhein, Main und Taunus“ lautete Blischs Thema.

Der Historiker und frühere Kulturamtschef in Flörsheim, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stadt Wiesbaden und Lehrbeauftragter an der Uni Mainz, ist ehrenamtlich Vorsitzender des Historischen Vereins Rhein-Main-Taunus und ausgewiesener Kenner der Regionalgeschichte. Blisch gab zunächst einen guten Überblick über die Ausbreitung der Pestepidemie im 17. Jahrhundert, die ihren Ausgang 1663 in Amsterdam nahm. In der niederländischen Handelsmetropole starben bereits im Jahr darauf 24 000 der 160 000 Einwohner. Im April 1665 hat die Pest London erreicht und breitete sich ebenso in den Dörfern Südenglands aus.

Im Ort Eyam (Derbyshire) werde bis heute ein

„Plague Sunday“

, ein Pest-Sonntag, mit einem Umzug begangen, und zwar am letzten Sonntag im August, erfuhren die Zuhörer. Nicht die einzige Parallele, die an Flörsheim erinnere, sagte Blisch. Denn während die Pest in Flörsheim über Kleidungsstücke in die Stadt kam, die ein Schneider gebraucht für seine Kinder erworben hatte, waren es in Eyam Stoffe, die ein Schneider aus London erhielt. In seiner Familie seien dann auch die ersten Pesttoten in Eyam zu beklagen gewesen, erläuterte Blisch. Wenn also die Mainstadt je eine Partnerstadt mit einer englischen Kommune anstreben sollte, „dann mit Eyam“, meinte der Flörsheimer.

Die Pest breitete sich entlang der Handelswege aus und kam so auch in die Städte an Rhein und Main. In Frankfurt und Bingen starben im Frühjahr 1666 die ersten Menschen an der Seuche, Anfang Juni habe es auch Fälle in Mainz-Kastel gegeben. Der Ort unweit der Main-Mündung scheint besonders betroffen gewesen zu sein. Blisch berichtete, dass in Kastel 500 der 900 Einwohner an der Epidemie gestorben sein sollen, ein Rest der Mauer, mit der man die Kranken von den Gesunden trennte, um die Seuche einzudämmen, sei trotz der Kriegszerstörungen bis heute sichtbar.

In ihrer Not wandten sich die Menschen an vielen Orten in der Region an Gott. Unterschiedliche Gelöbnisse wurden getan. Der Kapellenbau war eines davon. Die Bergkapelle in Hofheim und die Rochuskapelle in Bingen sind so entstanden. In Mainz wurde eine Sebastianskapelle unweit vom Dom gebaut, „ungefähr dort, wo heute das Gutenbergdenkmal steht“, so Blisch. Diese sei aber im 18. Jahrhundert dem Wunsch Napoleons zum Opfer gefallen, in Mainz eine Prachtstraße nach dem Vorbild der Champs Elysées zu haben.

Wallfahrten wurden ebenfalls versprochen, in Hofheim wie in Bingen wurden sie mit dem Kapellenbau verbunden. In Kastel dagegen wurde eine Wallfahrt zur Kirche Heilig Kreuz gelobt, die damals zwischen Weisenau und Hechtsheim stand (1793 zerstört). „Die Kasteler machen heute am Rochustag eine Prozession durch ihren Ort“, so Blisch. Dabei werde eine 15 Pfund schwere Kerze mitgeführt. Eine Parallele zu Flörsheim, wo die Fischer- und Gemeindekerze bei der Prozession getragen werden.

Wie lange es diese Tradition gebe und woher sie rühre, sei nicht genau überliefert. „Das wird noch ein Thema sein“, sieht der Historiker an dieser Stelle weiteren

Forschungsbedarf

. Das gilt auch für die Frage, woher die Unterschiede bei den Gelöbnissen rühren. Bernd Blisch vermutet, dass sie von der jeweiligen Herrschaft abhängig waren. „Da wird die Art und Weise, wie man damit religiös umgeht, gesteuert.“

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