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Deniz Yücel sehr vertraut mit seiner Frau Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel beim Bürgerempfang gestern in der Flörsheimer Stadthalle. Links: Ulla Antenbrink.

Flörsheimer Journalist

Der Rückhalt der Bürger hat Deniz Yücels Verhältnis zu seiner Heimat veränderte

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Deniz Yücel vertrat bei seinem Vortrag in der sehr gut besuchten Stadthalle auch kontroverse Ansichten. Für Michael Antenbrink war es einer der letzten großen Auftritte als Bürgermeister.

Deniz Yücel ist ein Reporter der polarisiert, ein Deutschtürke aus einem linken Elternhaus, der auch in der türkischstämmigen Bevölkerung nicht überall Rückhalt genießt. Was er zu sagen hatte, interessierte allerdings viele Menschen in Flörsheim. Erstmals musste beim Bürgerempfang in der Stadthalle eine Zwischenwand entfernt werden – so groß war der Andrang der Besucher, die zur geplanten Startzeit bis ins Foyer standen. Zur Anteilnahme, die der Fall Yücel bundesweit weckte, kommt in Flörsheim natürlich der persönliche Bezug. Der Journalist, der 20 Jahre in der Mainstadt lebte, sprach gestern auch vor Verwandten, Freunden und Bekannten.

„Ich danke meiner Heimatstadt, dass sie mich ein Jahr lang nicht vergessen hat“, erklärte Deniz Yücel. Er war im Februar nach rund zwölf Monaten Haft ohne Verurteilung aus einem türkischen Gefängnis entlassen worden. Während dieser Zeit hatten Flörsheimer mit regelmäßigen

Mahnwachen

für seine Freilassung demonstriert. „All das hat mir unendlich viel Kraft gegeben“, betonte der 45-Jährige, der mit Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel zum Bürgerempfang gekommen war. „Danke Flörsheim.“ Eigentlich hatte Yücel die rund 21 000 Einwohner zählenden Mainstadt längst hinter sich gelassen. In seiner Ansprache räumte der Reporter ein, dass er Flörsheim mit Anfang 20 verließ, weil ihm dort „alles zu eng“ vorgekommen sei. Der türkischstämmige Journalist lebte unter anderem in Berlin und reiste als Berichterstatter in die Türkei.

Seine Verhaftung und der Rückhalt, den er erfuhr, veränderten auch das Verhältnis zur früheren Heimat. „Ich wurde wieder zum Flörsheimer“, erzählte Deniz Yücel. Ein ungewöhnliches Andenken an seine jungen Jahre am Main hat er ohnehin nie aufgegeben: Der Festredner berichtete von seiner Einbürgerung, bei der man ihm eine Schallplatte mit dem Titel „Musikalische Grüße aus Flörsheim“ überreichte. Diesen Tonträger mit dem Geleitwort von Altbürgermeister Dieter Wolf hüte er „wie einen Schatz“.

Neben solchen Anekdoten enthielt Yücels Vortrag über Wiedervereinigung und Integration aber auch einige kontroverse Sichtweisen. So vertrat der 45-Jährige die Position, dass der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit unglücklich gewählt sei. Yücel bevorzugt den Tag des Mauerfalls am 9. November. Der Journalist argumentierte außerdem, dass die unzureichende Reaktion der Bundesregierung unter Helmut Kohl auf Neonazi-Übergriffe Anfang der 1990er Jahre dazu beigetragen habe, dass sich Präsident Erdogan heute noch als Vertreter von Türken in Deutschland präsentieren könne.

Mit Blick auf die EU-Beitrittsgespräche bemängelte Deniz Yücel, dass die „kalte Schulter der EU“ gegenüber der Türkei eine vertane historische Chance gewesen sei. Schließlich erklärte der Journalist zu seiner Verhaftung, dass sie die Unannehmlichkeiten wert gewesen sei, wenn sie in dem Land am Bosporus zu mehr Einheit, Recht und Freiheit beitrage.

Dass er nicht alle Positionen des Gastes teilt, ließ Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) durchblicken. Yücel habe deutlich gemacht, dass Meinungsfreiheit das größte Recht sei, erklärt Flörsheims Rathauschef. Alles Weitere könne man im Anschluss bei einem Glas Wein diskutieren.

Zur Meinungsfreiheit äußerte sich auch Jean-Pierre Ricot, Bürgermeister der französischen Partnerstadt Pérols, der Flörsheim zum ersten Mal besuchte. Ricot bediente sich eines Zitats von Voltaire: „Auch wenn ich nicht damit einverstanden bin, was ein anderer sagt, so werde ich mich doch mit meinem Leben dafür einsetzen, dass er die Freiheit hat, es zu sagen.“

Für Michael Antenbrink war der Bürgerempfang einer der letzten großen Auftritte vor der Amtsübernahme durch Nachfolger Dr. Bernd Blisch. Der scheidende Rathauschef nutzte den Tag der Deutschen Einheit für eine kritische Betrachtung des wachsenden populistischen Einflusses. Der gemeinsame demokratische Staat sei in erster Linie dem Mut der Ostdeutschen zu verdanken, die sich im Jahr 1989 grundlegende Freiheiten erstritten, so Antenbrink. Vor diesem Hintergrund sei es befremdlich, dass die ungelösten Probleme der Wiedervereinigung im Osten eine rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Bewegung befördern. Der Flörsheimer Bürgermeister schloss sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an, der von einer „selbstbewusst vorgetragenen Verächtlichmachung unserer politischen Ordnung“ gesprochen hatte. „Leider lassen auch die politischen Verhältnisse in Flörsheim keine andere Sichtweise zu“, erklärte Michael Antenbrink ohne genauere Ausführung. Populismus liefere keine Lösungen, sondern sei selbst ein Problem, gegen das nur eine glaubwürdige Politik helfe.

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