Desert Paradise

Fotografin Hella Kühner hat unter kalifornischen Aussteigern gelebt

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Die Eschbornerin Hella Kühner, die in Liederbach aufgewachsen ist, hat in den USA viel erlebt – wunderschöne Momente, aber auch einen Skorpion-Stich.

„Wenn wir Dich mögen, darfst Du kommen.“ Diese Worte klingen Hella Kühner noch heute im Ohr. Doch die Eschbornerin, die in Liederbach aufgewachsen ist, scheute das nicht. Sie setzte sich vor gut zwei Jahren in den Flieger in die USA, mietete in Kalifornien ein Auto – und machte sich auf den Weg in einen der entlegensten und verrücktesten Flecken. Ein Reise ins Ungewisse, weil sie eben nicht wusste, ob sie bleiben durfte.

Sie durfte. Und hat dort ihre Diplomarbeit für das Studium Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie gemacht. Heute arbeitet sie als Fotografin und Grafik-Designerin. „Desert Paradise“ nennt sich das Projekt der 26-Jährigen, das sie nun im Eschborn K in einer Ausstellung und einer Multimedia-Präsentation vorstellen wird (siehe „Info“). Gut neun Wochen lebte sie rund um den Salton Sea in der Colorado-Wüste im Süden Kaliforniens unter Aussteigern, Abenteurern, Künstlern. Ein Artikel darüber hatte sie fasziniert und animiert. Eine verwahrloste Geisterstadt an einem Salzsee, ein von Fischkadavern gesäumter Strand, Schwefelgeruch in der Nase, salzverkrustete Ruinen der einstigen Touristen-Stadt Bombay City, wenige Kilometer weiter Slab City, ein vom Müll bedeckter Trailerpark auf einer aufgegebenen Militärbasis, der weder an Kanalisation noch an das Stromnetz angeschlossen ist: Das waren die Zutaten ihrer Reise. „Klingt nach einem Horrortrip in eine andere Welt?“, hat sich Hella Kühner vorher selbst gefragt.

Sie weiß längst: Die kleine Welt der Aussteiger trägt den Titel ihrer Arbeit – „Desert Paradise“ (

Paradies in der Wüste

) – zu Recht. „Die sind alle glücklich da“, weiß sie. Daran ändern auch knapp 50 Grad im Sommer, Wasserknappheit oder Eimer als Toiletten nichts. Für die Menschen, zum Teil mit beachtlichen Karrieren, sei es „Freiheit, die Ankunft bei sich selbst“. So traf sie in Slab City auf „NRG“, der hier seine Chance suchte und überlegte, was er mit seinem Leben neu anfangen wolle. Oldie Mopar im Künstlerdorf East Jesus wiederum habe stets den Spaß am Leben mit einem lauten „Yes“ ausgerufen und bekannt: „Es sind alle verrückt hier.“ Jen hingegen war schwer krank und hatte die Wahl zwischen einer Mini-Wohnung in Los Angeles und der Wüste. Sie ging mit ihrem Mann ins Künstlerdorf, wo sie sich kreativ ausleben und gerne verkleiden.

Dazu passt ein Erlebnis von Hella Kühner, die früher in Liederbach aktiv getanzt hat: Einmal im Jahr, bei der „Prom-Night“, verkleiden sich die Menschen in Slab City, tanzen, feiern, küren König und Königin. „Die fiebern alle darauf hin, sind glücklich, weil sie vorher so etwas noch nie erlebt haben.“ Ihre dritte Station war die Geisterstadt Bombay Beach am trostlosen See, dem ein Zufluss fehlt und der zum Salz- und Dreckloch wurde. Dort leben ebenfalls Aussteiger. Hella Kühner genoss hier Toilette und Dusche. Aber erlebte Schreckliches: Einen Skorpion-Stich – ganze zwei Stunden dauerte die Fahrt ins Krankenhaus. „Ich dachte, es ist alles vorbei. Denn ich war ja in ,the middle of nowhere‘.“ Doch die Leute halfen, es war nicht ganz so dramatisch – und nach zwei Tagen in der Klinik kehrte sie zurück.

Denn ihr Projekt war nicht beendet. Zu Beginn ließ sie den Fotoapparat nämlich noch in der Tasche, lebte unter den Typen, baute Vertrauen auf. „Manche wollten nicht erkannt werden, andere versteckten erstmal einen Joint hinter sich“, erinnert sie sich. Die besondere Form der Diplomarbeit möchte sie heute nicht missen. Hella Kühner steht im losen Kontakt mit einigen Aussteigern, will dorthin noch einmal zurück. Denn sie hat gelernt: „Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Das ist der Gedanke, den ich weitergeben möchte.“

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