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Harald Schmidt aus Hattersheim und Siggi Wicklein aus Hofheim im Gespräch mit Weihbischof Löhr.

Kirche

Nach dem Missbrauchsskandal warten Katholiken auf sichtbare Änderungen

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Beim Besuch von Weihbischof Dr. Thomas Löhr im Ehrenamtstreff in Hofheim wurden nicht nur warme Worte gewechselt, sondern es wurde Tacheles geredet.

Hofheim - In der katholischen Kirche gärt und brodelt es an der Basis. Und es sind gerade die engagiertesten Mitglieder, die sagen: Es reicht. Diese Stimmung bekam Weihbischof Dr. Thomas Löhr am Mittwochmorgen gespiegelt, als er im Rahmen seiner aktuellen Visitation des Kirchenbezirks Main-Taunus den Ehrenamtstreff im Kirchenvorbau von St. Peter und Paul besuchte.

Der Caritasverband und die CKD, das Netzwerk von Ehrenamtlichen in Caritas und Pfarreien, haben den offenen Treff aufgebaut, um eine Möglichkeit des Austausches und der Begegnung zwischen Ehrenamtlichen, aber auch zwischen Ehren- und Hauptamtlichen "auf Augenhöhe" zu schaffen. Ein bistumsweit bislang einzigartiges Projekt, für das der Weihbischof viel Lob hatte. Er finde es "einfach genial", so Löhr, und werde die Idee gern weitertragen.

Weitertragen sollte er nach dem Wunsch seiner Gesprächspartner aus Haupt- und Ehrenamt an diesem Morgen aber auch in die Leitungs-Etage der Kirche, was den Engagierten an der Basis derzeit besonders auf der Seele liegt. Denen wird ihr Ehrenamt aktuell sehr sauer, weil sie von Menschen mit "ihren Fragen, ihrer Wut und ihrem Unverständnis" über all das konfrontiert würden, womit Kirche Negativ-Schlagzeilen macht, allem voran den tausenden Fällen sexuellem Missbrauchs durch Kleriker, wie Caritas-Geschäftsführer Torsten Gunnemann weiß. Wenn gerade wieder eine neue Schlagzeile durch die Medien gehe, sei das natürlich Thema etwa im Caritas-Laden "Anziehpunkt".

"Da kriegt man Vorwürfe wie: Was habt ihr denn da wieder gemacht? Warum arbeitest Du da überhaupt noch?", schilderte die CKD-Sprecherin und ehrenamtliche Anziehpunkt-Mitarbeiterin Siggi Wicklein. Gerade durch den Fall in Eppstein sei das erst vor wenigen Wochen noch einmal hautnah für alle im Main-Taunus geworden. Wie berichtet, hatten die Eppsteiner Katholiken 1999 einen Pfarrer erhalten, gegen den es Vorwürfe des Missbrauchs gab, von denen mindestens der Personalchef des Bistums Kenntnis gehabt haben soll. "Das war ein solcher Vertrauensbruch", so Wicklein, das habe viele tief erschüttert. Immer häufiger höre sie seither: "Ich frage mich, ob ich noch ehrenamtlich tätig sein will für die Kirche, ob ich nicht austrete."

Die für Caritas-Aufgaben zuständige Gemeindereferentin Susanne Schuhmacher-Godemann berichtete von vielen Pastoralen Mitarbeitern Ähnliches. "Wir warten auf ein Schuldeingeständnis. Die Verantwortlichen müssen in die Öffentlichkeit gehen und sagen: Wir haben es falsch eingeschätzt". Wenn wieder erst lange Verfahren der Aufarbeitung abgewartet würden, statt dass mal Verantwortliche klar sagten: Da habe ich Schuld auf mich geladen durch Wegsehen oder falsche Prioritäten, würden nur immer mehr enttäuscht der Kirche den Rücken kehren. Sie sei viel außerhalb kirchlicher Kreise unterwegs und erlebe ebenfalls, dass die Anfragen massiv seien. Anderen Pastoralen Mitarbeitern gehe es genauso. "Sie sagen mittlerweile, wir müssten eigentlich alle gehen", so Schuhmacher-Godemann. Gerade die Frauen in der Kirche, erinnerte sie an die Protestaktion "Maria 2.0", wollten nicht länger eine Institution stützen, die so wenig Bereitschaft zeige, sich zu ändern.

Der Weihbischof verwies auf den Prozess der Aufarbeitung. Im Diözesansynodalrat werde schon am kommenden Samstag wieder darüber gesprochen werden. Das brauche aber Zeit. Ein Jahr gelte da vielen Experten schon als zu ehrgeizig. Nach seinem Gefühl sei das viel zu lang, die Menschen erwarteten jetzt klare Zeichen, meinte dagegen der Ehrenamtliche Rainer Weil. So, wie Kirche jetzt angesehen sei, "werden wir keine jüngeren Leute mehr erreichen, schon gar nicht als Ehrenamtliche", fürchtet der Hofheimer.

Der Vorsitzende des Caritasverbands, Pfarrer Josef Peters, meinte, er sei dankbar für jeden Ehrenamtlichen, der trotz allem sage, er mache weiter. Er könne aber gut verstehen, wie schwer das derzeit vielen falle. Was da ans Tageslicht gekommen sei, "das macht eine Verunsicherung, auch für uns Priester", gestand Peters ein. "Da müssen wir drüber reden." Es sei gut, dass der Weihbischof höre und mitnehme, "was das für eine Problematik ist in den Herzen der Menschen". Auch seine Sorge: Wenn sich nicht bald etwas tue, "kommen wir mit unserem Kirchen-Boot in einen Schlingerkurs, da kommen wir nicht mehr raus."

Thomas Löhr nannte es am Ende gut, dass die Runde das schwierige Thema angesprochen habe. Eine Visitation sei schließlich dazu da, Rückmeldungen zu erhalten. "Deshalb bin ich ja unterwegs."

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