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Das Foto zeigt Heike vor ihrer schweren Bein-Operation am Bahnhof. Foto: Friedrich Reinhardt

Sozialpolitik

Die Flaschensammlerin aus der S1: Warum Menschen wie sie am Sozialsystem scheitern

Kein Mensch ist gerne bedürftig, krank oder alt. Doch was passiert, wenn hilfsbedürftige Personen sich nicht um ihre alltäglichen Pflichten kümmern? Es kann böse enden, wie das Beispiel einer kranken Frau zeigt, deren Leben von Hartz-4-Leistungen abhängig ist.

Hattersheim - Das Telefon klingelt. Heike ist dran, die Flaschensammlerin aus der S-Bahn-Linie 1, die diese Zeitung im Februar porträtiert hatte. "Ich bin raus aus dem Flaschensammler-Geschäft", sagt sie im ersten Satz. "Sie haben mir den halben Fuß abgenommen, und mein Vermieter hat mir gekündigt." Wie Heike, die eigentlich anders heißt, in diese Situation gekommen ist, zeigt eine andere Seite einer indirekten Wohnungsnot. Die Seite, bei der es nicht um fehlende Wohnungen oder zu hohe Mieten geht, sondern darum, wie Menschen im Sozialsystem und damit zugleich am Wohnungsmarkt scheitern können.

Flaschensammlerin aus der S1: Der Fuß musste fast vollständig abgenommen werden

"Ich war so blöd!": Heike verzieht das Gesicht. Dreimal wiederholt sie den Satz. Sie schüttelt den Kopf, ihre strohblonden Haare und schlägt auf die Bettdecke. Im Bad Sodener Krankenhaus liegt sie seit Mitte April. Wegen ihrer Diabetes-Erkrankung musste ihr ein Teil des linken Fußes amputiert werden. Das ist keine einfache Operation. Wie schwarz und geschwollen der große Zeh war, zeigt Heike auf Bildern, die sie auf dem Handy gespeichert hat. Nur die Ferse ist ihr am linken Fuß geblieben. Dennoch: Heike lacht noch immer viel, macht Späße, "trotzdem geht es mir dreckig". 

Ein Freund, dem ein Teil des Beines amputiert wurde, habe zwar gesagt, dass sie wieder laufen lernen werde. Alles halb so schlimm also? "Aber was mache ich denn ohne Wohnung?", fragt sie und gibt die Antwort selbst darauf. Ihre Geschichte erzählt Heike so: Mit der Flaschensammlerei lief es gut. Sie verdiente so um die 300 Euro im Monat und brauchte ja nicht viel, wie fnp.de* berichtet. Irgendwann, im September muss es gewesen sein, hat das Amt ihr keinen Hartz-4-Satz mehr gezahlt. Wie sie später erfuhr, hätte sie Unterlagen einreichen müssen. Da sie mit dem Pfandgeld über die Runden kam, fühlte sie sich ohne staatliche Hilfen freier, selbstständiger. Der Fuß begann zwar zu schmerzen, das tat er aber schon oft. Alles lief gut, dachte sie.

Armut: Amt zahlte nicht mehr

Als der Fuß schon schwarz war und roch, ging Heike zum Arzt und kam sofort ins Krankenhaus. Zwei Tage früher hätten die Ärzte den Fuß wahrscheinlich retten können. Im Krankenhaus erreicht sie der Brief des Vermieters. Kündigung. "Und das zu recht", sagt sie.

Als zehn Monate zuvor das Hartz-4-Geld ausblieb, hatte das Sozialamt nämlich aufgehört, ihre Miete zu zahlen und ihre Versicherung. "Daran hatte ich nicht gedacht." Sie sei in einer "Leck-mich-am-Arsch-Stimmung" gewesen, habe sich um nichts gekümmert. "Dabei hatte ich doch Hilfe."

Die Hilfe, von der Heike spricht, ist Frank Dußler, Sozialarbeiter in der Wohnsitzlosenhilfe im Caritas-Haus Sankt Martin am Autoberg. Er hatte ihr 2012 geholfen, die Wohnung zu finden, nach dem Heike ein dreiviertel Jahr auf der Straße gelebt hatte. Fast jeden Tag sei sie seitdem im Haus Sankt Martin gewesen. Mit Dußler wechselt sie kein Wort wegen des Amts oder der Wohnung. Rund 6 000 Euro Schulden hätten sich in den zehn Monaten angehäuft, sagt der Sozialarbeiter.

Polizeieinsatz an der Konstablerwache in Frankfurt - Es fahren keine U- und S-Bahnen*

Dass Heike es vergessen hat, kann sich Dußler schwer vorstellen. "Dafür ist sie eigentlich zu schlau." Ob psychische Probleme wie eine Depression zum Beispiel dahinter stecken, könne er nicht beurteilen. Jedenfalls hat er sich um die Sache gekümmert. Gemeinsam mit dem Main-Taunus-Kreis habe er dem Vermieter ein Angebot gemacht. Der Kreis zahlt die Mietrückstände, dafür darf Heike weiter in der Wohnung bleiben. Ihre Obdachlosigkeit soll so verhindert werden. Die Mietschuld müsse Heike an den Kreis abstottern. Rückwirkend zahlt das Sozialamt keine Miete und keinen Harz-4-Satz. Eine Antwort des Vermieters steht noch aus.

Der Flur ist zu eng

Ob sie in ihrer Wohnung bleiben kann, hängt nicht nur vom Vermieter ab. Heike ist nun schwerbehindert. Für den Rollstuhl in ihrem Zimmer - neben dem nur ein Schuh steht - wäre ihr Flur zu eng. Wie gut sie wieder laufen kann, ist derzeit noch ungewiss.

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