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Andreaskreuze gibt es auch in Höchst.

Fachwerk in Höchst

Häuser, die Geschichten erzählen

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Seit zwei Jahren ist Frankfurt über seinen Stadtteil Höchst Teil einer Regionalroute der Fachwerkstraße. Ein Gästeführer hat es sich zur Aufgabe gemacht, die charmanten alten Ecken der Mainmetropole ins rechte Licht zu rücken – und zwar mit Diplom.

Mikael Horstmann kennt sie – die Ecken, an denen man in Frankfurt auf jeden Fall einmal Halt gemacht haben sollte. Kleinode und architektonische Kostbarkeiten, Stadtgeschichte in Holz und Stein. Und jetzt kann er, der erfahrene Gästeführer, noch mehr über sie erzählen. Als einer von zwei Stadtführern der Mainmetropole hat er seit kurzem ein Fachwerk-Diplom in der Tasche, errungen in drei Wochenendseminaren beim „Fachwerk-Papst“ Professor Manfred Gerner in Fulda. Eine dritte Gästeführerin erwirbt derzeit in Limburg ihr Fachwerk-Diplom.

„Professor Gerner hat uns unglaublich viele Beispiele geliefert, erklärt, wie ein Haus gebaut wurde, und auch Anschauungsmaterial dabei gehabt“, berichtet Horstmann. Dazu gab es Grundkenntnisse in Sachen Denkmal, Denkmalpflege und einen Abriss über die Entwicklung der Fachwerk-Baugeschichte rund um die Welt. Finanziert wurde die Teilnahme am Diplom-Lehrgang von der Frankfurter Tourismus- und Congress GmbH. Die Kosten lagen pro Person bei rund 700 Euro.

Im Seminar, einem Angebot der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte, traf Horstmann auf Gästeführer aus ganz Deutschland. „Wir Frankfurter sind da ein bisschen herausgestochen, da Frankfurt ja die einzige wirkliche Großstadt ist, die in der Fachwerkstraße vertreten ist“, sagt Horstmann. Und zwar seit rund zwei Jahren. Über den Stadtteil Höchst, der Teil einer der Regionalrouten der Fachwerkstraße wurde, ist Frankfurt in den illustren Kreis der pittoresken Fachwerkstädte aufgenommen worden.

„Wir haben hier in Höchst zwar viel Fachwerk, das ist aber leider oft nicht so reich verziert, wie in anderen Städten“, sagt Horstmann. „Andreaskreuze“ und „Wilde Männer“ gibt es zwar auch an Höchster Fachwerkhäusern zu sehen, die große Vielfalt an Schmuckelementen sucht man beim Blick an den Fassaden hinauf aber meist vergeblich. „Deshalb bauen wir bei unseren Führungen unser Wissen über das Fachwerk mit ein, spannen den Bogen aber meist etwas weiter“, erklärt Horstmann.

Denn Geschichten, die können auch die Häuser in Höchst erzählen. So wie das alte Antoniter-Hospital an der Bolongarostraße, das über die Jahrhunderte viele Umbaumaßnahmen über sich ergehen lassen musste, teilweise sogar abgerissen wurde und in seiner heutigen Form trotzdem noch immer von dem Engagement der frommen Mönche im Stadtteil, deren Kloster im Jahr 1803 aufgehoben wurde. Oder das Haus „Zum Anker“, nur ein paar Meter weiter. Wo das ungeübte Auge lediglich eine schicke Fachwerk-Front erspäht, sieht Horstmann ein Beispiel dafür, was sich alles noch retten lässt, wenn schon alles verloren scheint. 1975 war das Haus aus dem Jahr 1483 nämlich so einsturzgefährdet, dass es fast komplett abgetragen werden musste. „So wie das Haus jetzt aussieht, was alles gerettet werden konnte – das ist fast ein Wunder für die damalige Zeit“, sagt Horstmann.

Beispiele für solche geschichtsträchtigen Bauwerke hat der Stadtteilführer noch viele – und das nicht nur in Höchst. Schließlich hat Frankfurt an vielen Ecken manchmal charmante, manchmal weniger charmante historische Bausubstanz zu bieten. Seine Lieblingsbauten liegen meist allerdings ein bisschen Abseits und springen nicht sofort ins Auge. In Höchst ist das etwa die Straße Alt-Höchst, in Schwanheim das alte Pförtnerhaus der Villa Carl von Weinbergs. „Seine Frau war Engländerin und brachte wohl den Tudorstil mit nach Frankfurt. Ganz toll, die Villa muss eine Wucht gewesen sein. Leider steht aber nur noch das Pförtnerhaus“, schwärmt der Gästeführer.

Auch in Sachsenhausen haben es Horstmann eher jene Ecken angetan, die meistens nicht sofort unter dem Schlagwort „Alt-Sachsenhausen“ subsummiert werden. „Es ist ein bisschen schade, dass der Fokus da immer sofort auf alles rund um die Kleine und Große Rittergasse eingegrenzt wird“, sagt er. Gerade etwa in der Färbergasse, der Bäckergasse, der Dreikönigsgasse oder der Schellgasse gäbe es einiges zu entdecken. Nicht zuletzt Frankfurts ältestes Fachwerkhaus, das in der Schellgasse 8 steht.

Ganz vorbei kommt aber natürlich auch Horstmann nicht an der Altstadt rund um die Rittergassen. Auch hier ist es wieder ein besonderer Bau, der ihn reizt – nämlich der „Kleine Mann mit Blitz“. Der Neubau entstand, weil das historische Fachwerkhaus an gleicher Stelle nicht mehr zu retten war. „Aber die historischen Formen wurden in die Gestaltung der Fassade mit aufgenommen. Ein schönes Beispiel, was man machen kann um die Geschichte zu bewahren, selbst wenn eigentlich nichts mehr zu funktionieren scheint.“ Solche Bauten von findigen und engagierten Projektentwicklern sowie ideenreiche Wirte sind es, die in dem Gästeführer die Hoffnung reifen lassen, die Altstadt von Sachsenhausen könnte auf einen Aufschwung zusteuern. „Ich glaube, das Viertel wird wieder attraktiver, auch für die Frankfurter selbst und nicht nur für Touristen. In fünf Jahren wird es dort ganz anders aussehen.“

Das trifft wohl genauso auf die umstrittene „neue Altstadt“ zu, die derzeit am Römerberg entsteht. Als Fachwerk-Gästeführer muss Horstmann auch mit den Repliken umgehen – egal, wie engagiert sich Gegner und Befürworter der Bebauung auch beharken mögen. Schon jetzt werden die Bauarbeiten in die Führungen eingebunden. „Ich sage immer, die Frankfurter hatten einfach Heimweh nach ihrer eigenen Stadt, als sie beschlossen haben, die Altstadt dort neu zu bauen“, sagt Horstmann diplomatisch. Und zu den Orten, an denen man in Frankfurt auf jeden Fall einmal Halt gemacht haben sollte, gehört wohl am Ende auch die „neue Altstadt“ – vielleicht gerade wegen der Debatten, die um sie entbrannt sind.

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