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Der Hattersheimer VdK-Chef Norbert Müller ist wegen der Lockerungen besorgt.

Hattersheimer Risikopatient erklärt, warum ihn die Lockerungen beunruhigen

Die Angst vor dem unsichtbaren Feind

CORONA VdK-Chef Norbert Müller litt an einer Krebserkrankung und warnt davor, die Infektionsgefahr zu unterschätzen

Hattersheim -Trotz der momentanen Lockerung der Corona-Beschränkungen kommt Norbert Müller kaum vor die Tür. Der 61 Jahre alte Hattersheimer ist Hochrisikopatient. Vor rund 20 Jahren wurde bei ihm Leukämie festgestellt, vor acht Jahren erhielt er eine Stammzellen-Transplantation, um den Blutkrebs zu bekämpfen. Weil sein Körper, die fremden Zellen nicht vollständig annahm, leidet er auch unter einem geschwächten Immunsystem. Müller ist Vorsitzender des VdK Ortsverbandes. Die gegenwärtige Entwicklung der Corona-Krise beobachtet er mit Sorge.

Aufgrund seiner Vorerkrankung habe er soziale Kontakte früher eingeschränkt als andere, erzählt Norbert Müller. Einkäufe lasse er sich nur noch nach Hause liefern. Medikamente bestellt der Hattersheimer bei einer Online-Apotheke. Seine Frau arbeite in einem Seniorenheim und gehe ebenfalls nicht einkaufen. Sie wolle nicht riskieren ihn oder Menschen auf ihrer Arbeit anzustecken. Norbert Müller verlässt das Haus noch mit dem Hund. Dann trage er einen Mund-Nase-Schutz und versuche breite Wege zu gehen, auf denen er Menschen meiden kann. "Viele nehmen Rücksicht", sagt der Hattersheimer. Es gebe aber auch Leute, die sich verhalten, als ob die Pandemie nichts mit ihnen zu tun hat.

Anfangs hatte Norbert Müller noch Probleme mit dem Gefühl, dass Mitmenschen seine besondere Sorge wegen des Virus nicht teilen. Er sei auf Unverständnis gestoßen, sagt der chronisch erkrankte VdK-Chef.

"Man muss immer wieder erklären, dass man es nicht böse meint"

"Man musste den Leuten immer wieder erklären, dass man es nicht böse meint", so der 61-Jährige. Unangenehm sei es etwa gewesen, die Teilnahme am Geburtstag seines Schwagers abzusagen. Erst als sich die Covid-19-Welle in Deutschland ausbreitete, hätten die Leute seine Bedenken verstanden.

Nun fürchtet Norbert Müller, dass die gewachsene Einsicht schwindet. Bisher habe ihn die Reaktion der Bundesregierung auf die Krise positiv überrascht. "Ich habe mich sehr gefreut, dass doch so viel Rücksicht auf ältere und Kranke genommen wurde", sagt der Vorsitzende des VdK Hattersheim. Die Entscheidungen der vergangenen Tage verfolgt er jedoch skeptisch. "Einige Leute denken, es ist vorbei", glaubt Müller. Er wolle deshalb daran erinnern, dass dies längst nicht der Fall ist. "Wir haben es mit einem Feind zu tun, den man nicht sieht und den man erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist", betont der Hattersheimer. Dass es Hürden für die Lockerungen gibt, begrüßt Müller. Die am Mittwoch beschlossene Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner in einer Woche hält er für "eine gute Sache". Norbert Müller befürchtet allerdings, dass die Vorgabe aufgrund von politischen Zielen ignoriert werden könnte. Einige Ministerpräsidenten seien leichtsinnig geworden. "Wir brauchen keine Leute, die dem Volk nach dem Maul reden", betont der Risikopatient. Aktuell könne man ja in den Nachrichten sehen, dass die Reproduktionszahl des Virus wieder steige. Voller Lob ist der Hattersheimer für das Krisenmanagement des bayerischen Landeschefs Markus Söder.

Zusätzliche Sorge bereiten Norbert Müller radikale Kräfte, die er bei den Protesten gegen die Viruseindämmung beobachtet. Die Auftritte von Extremisten sei eine "üble Geschichte". "Wir könne froh sein, dass wir in diesem Land mit guter sozialer Sicherung leben", so der Hattersheimer. Wenn er jetzt sehe, wie einige Leute alles in Frage stellen, könne ihm der Kragen platzen.

Natürlich denke er auch an all die Beschäftigten und Selbständigen, die unter den Corona-Maßnahmen leiden, sagt Müller. Diese Menschen dürfe man genauso wenig vergessen wie die Risikopatienten. "Wir müssen einen Weg findet, bei dem niemand ins Hintertreffen gerät", erklärt der Vdk-Chef. Er könne derzeit nur hoffen, dass die Leute vorsichtig bleiben. Sascha Kröner

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