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So sieht die kleine Frucht aus, die an der gleichnamigen Speierling-Allee geerntet wurde.

Wirtschaft

Aus der kleinen Frucht wird Frau Rauscher erzeugt

  • vonSascha Kröner
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Warum der Speierling von Diebstählen verschont bleibt - sicher sehr zur Freude von Apfelweinfreunden.

Hattersheim -In der Verlängerung der Schulstraße gelangen Radfahrer und Fußgänger auf den Regionalparkweg in Richtung Weilbacher Kiesgruben. Gleich nach der Hattersheimer Stadtgrenze geht es für einige Zeit geradeaus durch grüne Felder. Die rund 700 Meter lange Strecke verbindet das Obstbaurondell mit dem Nussbaumquartier auf Höhe des Kastengrunds. Eine schier endlos scheinende Reihe von Bäumen säumt den Ausflugsweg in diesem Bereich. Die sogenannte Speierling-Allee ist eines der ersten Projekte des Regionalparks Rhein-Main - doch nur wenige Wanderer nehmen die Bäume bewusst wahr.

In den vergangenen Wochen weckten Ernte-Trupps die Aufmerksamkeit für die hochgewachsenen Pflanzen und ihre seltenen Früchte. Vor allem Apfelweinfreunde dürfte die Ernte interessieren, denn es waren Mitarbeiter der Frankfurter Kelterei Possmann, die am Freitag rund 750 Kilo der Hattersheimer Speierling-Äpfel einsammelten. Drei Wochen zuvor hat das Unternehmen schon einmal rund 800 Kilo Speierling von den Ästen geholt. Possmann hat die mehr als 60 Bäume der Allee seit 2018 gepachtet. In diesem Jahr wurde erstmals geerntet. Die etwa pflaumengroßen Früchte sehen wie kleine Äpfel aus, die sich mit zunehmender Reife von grün und gelb zu einem rötlichen braun verfärben. "Die meisten Leute halten das für eine Spätmirabelle", sagt Possmann-Sprecher Konstantin Kalweram. Speierling sei auch als Legionärsfrucht bekannt, weil sie mit den Römern in den Norden gekommen sei.

Die Früchte momentan zu verzehren, ist nicht unbedingt ratsam. Speierling schmecke sehr herb und wecke das Gefühl, das einem die Mundschleimhaut austrocknet, erklärt Kalweram. Lediglich die überreifen Früchte hätten einen angenehmen marzipanartigen Geschmack, sagt der Fachmann. In diesem Stadium seien die kleinen Äpfel dann allerdings nicht mehr für die Schoppenproduktion zu gebrauchen. Im Apfelweinkeller finden nämlich gerade die unreifen Früchte Verwendung, da diese besonders viele Gerbstoffe enthalten. Diese Stoffe seien in der Vergangenheit zur Klärung und Stabilisierung des gärenden Weines eingesetzt worden, erläutert der Possmann-Vertreter. So sei ein Milieu im Weintank entstanden, das Bakterien die Ausbreitung erschwere. Mittlerweile brauche man die Gerbstoffe aufgrund einer verbesserten Kellertechnik nicht mehr. Der Apfelwein werde durch Filterstoffe geklärt und die Gärung könne durch eine elektrische Kühlung gesteuert werden.

Heutzutage werde der Zusatz des herben Speierlinggeschmacks vor allem aus Gründen der Tradition beibehalten. Bei Possmann trägt der Speierling-Apfelwein den Namen Frau Rauscher. Dieser stehe im Verkaufsrang auf Platz zwei und werde nicht nur im Frankfurter Raum getrunken, erklärt Kalweram. Das Unternehmen gebe direkt beim Mahlen der Äpfel ein Prozent Speierling hinzu.

Neben der Hattersheimer Allee bezieht Possmann seine Speierling-Früchte von Bäumen im Frankfurter Stadtgebiet und im Taunus. Außerdem werde der Betrieb von Privatanbietern beliefert. Ein Ärgernis, das das Unternehmen mit Äpfeln auf seinen Streuobstwiesen erlebt, betrifft den Speierling nicht. Die Rede ist vom Diebstahl. Bei Apfelbäumen seien Langfinger ein erhebliches Problem, das zu wirtschaftlichen Schäden führe, erklärt Konstantin Kalweram. Nicht jedoch beim Speierling. "Der Vorteil ist, dass mit dem Speierling keiner was anfangen kann."

Der Possmann-Vertreter stellt fest, dass es in diesem Jahr bemerkenswert wenige Anlieferer für Äpfel gebe. Obwohl sich die Ernte im Freien während der Corona-Pandemie anbietet, gebe es nur wenige Angebote. "Die Bäume hängen voll", stellt der Unternehmenssprecher fest. Possmann zahle 12 Euro für 100 Kilo Äpfel.

Die Speierlingernte in Hattersheim ist derweil erfolgreich abgeschlossen. Wer genau hinschaut, kann noch vereinzelte Früchte an den Ästen oder am Boden entlang der Allee entdecken. Eine weitere Ernte lohne sich nicht mehr, sagt Konstantin Kalweram. "Es darf sich jeder bedienen."

Auch Chef Peter Possmann packte bei der Ernte mit an.

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